Anna Kohlweis

Homepage: http://mitglied.tripod.de/jimmyblue/
E-Mail: annak1984@hotmail.com

 

Cleggan

Cleggan. Brauner Seetang, der wie Stoffetzen auf dem Betonpier klebt. Wenn das Postschiff in der Früh einläuft, ist keiner wach ausser den Quallen und ich. Das blaue Postschiff fährt rüber nach Inishbofin zu den schwarzen Seevögeln, die sich in die Fluten stürzen und aus der weißen Gischt kleine Fische holen und zu dem Fahrradverleih in dem kleinen offenen LKW und zu den kleinen weißen Hütten mit den Strohdächern und dem Caféhaus mit dem Tisch draußen vor den Klippen.

Der Himmel ist grau heute. Die Muscheln sind im Beton eingeschlossen und kratzen an meinen nackten Fußsolen. Ich stehe am Ende des Piers, ganz draußen und schaue über den Rand. Ich könnte jetzt springen, in das eiskalte, grüne Wasser. Quallen. Immer mehr je länger man schaut. Blaue und rosarote mit einem braunen Stern in der Mitte. Sand klebt zwischen meinen Zehen und ich schmecke das Meersalz auf meiner Lippe. Meine Haare sind vom Wind schon ganz verfilzt.

Martha, der rote Fischerkahn bringt Kisten mit Fisch. Ich darf sie mir ansehen, während die unrasierten stämmigen Männer in den gelben und roten Gummihosen die restliche Fracht ausladen. Rote Fische mit Stacheln am Rücken und aufgerissenen, grauen Augen. Graue Fische mit schillernden Schuppen und roten Flossen.

Die Hummer leben noch. Sie strecken ihre Fühler immer weiter aus, denn sie wissen nicht, dass es kein Entrinnen gibt. Riesige Austern. Solche, wie der Supermarktinhaber schlürft und immer noch hofft, eines Tages eine Perle zu finden.

Der Koch von Oliver’s Pub kauft sie, zu soundsoviel Pfund das Stück und geht mit den Fischern in die Stube. Die schwarzen Vögel stürzen sich kreischend und schreiend auf die Fischreste, die im kleinen Hafenbecken treiben. Vier Pferde auf der Koppel hinter dem Pub. Fast schon so kitschig wie auf der Postkarte, die ich Oma geschickt habe, denke ich mir.

Ich balanciere auf der Mauer am Pier, zwischen Meer und Land. Der salzige Wind zieht mir den Großstadtschmutz aus den Haaren und aus der Haut, hinerlässt mikroskopisch kleine Salzbröckchen unter meinen Nägeln. Meine grünen Schuhe baumeln über meinen Schultern und die Socken liegen zerknüllt in meiner Hosentasche. Ich habe die Hose bis zu den Knien hinaufgeschlagen und meine Beine sind rot. Rot wie mein Gesicht.

Mit jedem Windstoß riecht es nach Seetang. Draußen auf dem Horizont kräuseln sich die Wellen. Delfine, denke ich. Wenn ich bloß ein Fernglas mit hätte!

Noch jemand mit nackten Füßen balanciert mir entgegen. Sharon mit den roten Haaren und den Sommersprossen lacht, als sie mich sieht.

"Mornin‘" sagt sie mit ihrer Kinderstimme und lacht. Sie ist schon vor dem Frühstück hier.

Frühstück, denke ich mir und verspüre zum ersten Mal an diesem morgen ein leichtes Hungergefühl in der Magengrube.

Wir setzten uns auf die Mauer und lassen die Füße ins Leere baumeln. Ab und zu spritzt die Gischt bis zu uns hinauf und kitzelt auf den Sohlen. Sharon lacht.

Die Quallen tanzen unter den Wellen. Blaue und rosarote mit einem braunen Stern obendrauf.

Wenn sie tot sind, schauen sie aus wie Jelly, meint Sharon.

Ihre Mum ruft sie zum Frühstück. Der Supermarkt macht auf und das Postschiff legt in fünf Minuten wieder ab, um Post und Passagiere nach Inishbofin zu bringen. Ich gehe über die Holzplanken an Bord und kaufe mir eine Karte. Ich will heute über das wilde Meer fahren. Zu den schwarzen Vögeln und dem Fahrradverleih und dem kleinen Caféhaus mit dem Tisch auf den Klippen und dem warmen Frühstück für drei Pfund.

Ich will über das wilde Meer fahren.