Kritik zum Text "Ohne Titel" von Katharina Steidl

(Auszug)

Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens in Graz am 8. 10. 1999 statt.

 

Anselm:

Also, schlecht ist es nicht. Es hört sich recht gut an, aber für mich ergibt es wenig Sinn. Wirklich zum Nachdenken regt es nicht an. Aber vom Aufbau her ist es ganz okay.

Martin:

Es ist schon eine Struktur da, von den kleinen Einheiten zu den großen, von den Stunden zu den Tagen, den Hunden zu den Rudeln. Aber es ist für mich etwas zuviel Gerippe und ein bißchen zuwenig Fleisch dran.

Elisabeth:

Es ist recht kurz. Ansonsten: Was Stunden Gras und Hunde gemeinsam haben ...

Martin:

Die Hunde gehen in die Wiese. Und das braucht seine Zeit.

Elisabeth:

Also, die "Rudel treiben durch die Nacht vor dem Sturm der Zeit" ...

Anselm:

Sturm der Zeit – Unendlichkeit – das ist, glaube ich, das Sinnloseste ...

Elisabeth:

Wenn das Gedicht schon so kurz ist, könnte man vielleicht wirklich einen besseren Titel finden als "Ohne Titel".

Anselm:

"Ohne Titel" ist aber wirklich ein schöner Titel.

Christine E.:

Das Gedicht drückt solche Strömungen aus. Einerseits Ruhe, andererseits Ruhelosigkeit. Stunden wie Tage – damit will sie uns agen, daß sich alles so hinauszieht, das gleiche mit "Gras wie Wiesen". Der Titel ist im Prinzip das letzte Wort "Unendlichkeit".

Christine J.:

Das Ende habe ich zuerst auch nicht verstanden, aber jetzt denke ich mir: "Nacht vor dem Sturm der Zeit" steht für Zeitsturm, der dann übergeht in Unendlichkeit. Aber es ist trotzdem noch ziemlich unklar. Und es kommt kein Gefühl rüber.

Martin:

Die Zeilenaufteilung, die Zeilensprünge wirken für mich noch unmotiviert. Wenigstens zwischen "Zeit" und "Unendlichkeit" sollte eine Leerzeile eingefügt werden.

Anselm:

Aber warum "Unendlichkeit"?

Christine E.:

In Wirklichkeit ist das Gedicht ist darauf aufgebaut. Das müßte eigentlich der Titel sein. Sie schreibt über die Unendlichkeit: "Stunden wie Tage". Das drückt Zeitlosigkeit aus, finde ich.