Kritik zum Text "Luftiger Wind" von Katharina Seiler

Die Textbesprechung fand während der Schreibzeit Hard am 7. Juni 2003 statt.

Barbara:

Mich hat das Gedicht nicht überzeugt, weil mich erstens die Zeichen stören: Sie hat Punkte gemacht nach Sätzen, die nicht abgeschlossen sind, und mich stört das. Denn es ist eine Handlung, das Glas wird zersplittert, und es wird abgebremst. Das stört auch irgendwie, das Bild. Mir gefällt auch nicht, dass "luftiger" und "luftiger" gleich in den ersten zwei Zeilen vorkommt, dass finde ich eine Wiederholung, die einfach nicht gut tönt. Dann heißt es einmal "ewig anwesend", dieses "ewig" sagt nichts aus, denn wir können uns nicht vorstellen, wie es für immer ist, da wir auch nicht für immer sind. Das Wort ist zu groß. "zehn Meter Höhe": Die zehn Meter stören mich jetzt. Wieso fallen Träume aus zehn Meter Höhe, wieso nicht aus zwanzig?

Ich finde die Idee des Gedichtes gut. Es ist sehr stimmig geschrieben. Ich finde aber, man müsste es kürzer fassen, und es gibt noch ein ziemliches Durcheinander. Es fehlt der rote Faden. Es sind verschiedene Bilder, die hingeschmissen werden. Sie erzählen keine Geschichte und lassen kein Gefühl entstehen.

Klara:

Von der Stimmung fand ich es gar nicht so schlecht. Die "zehn Meter" sind mir auch aufgefallen. Mengenangaben in Gedichten gefallen mir weniger. Das ganze ist ziemlich lang und konfus. "Ewig" ist mir auch aufgefallen. Ich glaube, wenn man das Ganze kürzt und überarbeitet und das ganze ein wenig komprimiert, wäre es gar nicht so schlecht. Die Idee finde ich gut.

Tanja:

Ich muss mich der Klara anschließen (zehn Meter). Die Idee ist ziemlich gut, überhaupt, da ich einmal die gleiche Idee hatte. Ich denke, wenn die Katharina das noch mal überarbeitet, würde es besser gehen. So kann ich nicht viel damit anfangen.

Regina:

Mich hat der Übergang vom Glas zur Luft ein bisschen irritiert, und der Zusammenhang dazwischen ist mir auch nicht ganz klar geworden. Die Satzzeichen, die stören wirklich, da sie etwas Bremsendes, Abhackendes haben. Mit "ausgewundenen Sauerstoff" oder "gewindeter Sauerstoff" habe ich auch Probleme, da entsteht für mich kein Bild.

Kevin:

Ich denke, dieser Text ist ein bisschen in die Länge gezogen. Die Punkte irritieren auch mich. Die Wortwahl finde ich manchmal auch nicht ganz richtig. Ich denke, das könnte man noch ein bisschen ausdeutschen.

Elia:

Das Gedicht ist recht gut. Es hat zwar einige Wortwiederholungen, und es kommt hin und wieder das Gleiche vor, aber sonst, denke ich, ist es eine gute Idee. Sie wurde auch relativ klar dargebracht. Die Punkte finde ich etwas unkonventionell, aber dass sie dem Text eine eigene Seele geben. Dass der Text auf eine eigene Art und Weise verstanden wird, auf die er sonst nicht verstanden werden würde.

Irene:

Ich finde die Idee gut. Es sind ein bisschen zu viele Bilder, es verwirrt. Aufgrund dieses Durcheinanders kann man sich nicht in das eine hineindenken, weil sie schon beginnt, das Nächste zu beschreiben. Die Wortwahl ist etwas seltsam, z.B. "zusammengebrochene Lunden" oder " ausgewundener Sauerstoff", das sagt mir nicht viel. Es verwirrt mich eher.

Selina:

Die einzelnen Bilder sind schon schön. Man versteht zwar nicht immer alles, also würde ich nicht allzu komplizierte Wörter nehmen, sodass man es auch versteht, wenn man nicht so gut Deutsch kann. Ich finde, die Übergänge von den Bildern sollten etwas fließender sein.

Marion:

Die "kristallene Träume" haben mir am besten von dem Gedicht gefallen, aber dass mit dem Jungen habe ich nicht verstanden.

Maria:

Mir hat das "zersplitterte Glas" und das mit den "Kristallen" nicht so gefallen, weil die Idee schon ziemlich oft benutzt worden ist. Es ist aber schön umgesetzt. Ein bisschen zu lang. Die Zeichensetzung gefällt mir, denn da arbeite ich auch mit der gleichen. Die "zehn Meter" und das "ewig" haben mich auch gestört. Denn ewig ist ein abgedroschenes Wort.

Markus:

Mir persönlich haben auch die genauen Angaben (zehn Meter, ewig) gestört. Am Anfang war ich noch irgendwie drin, mit dem "zersplitterten Glas" und den "roten Glasecken", doch dann kam das mit den Träumen und mit dem "wund-(er)-bar", was ich auch nicht ganz versteh.

Ich finde, vor allem mit dem Sauerstoff und dem Glas und dem Wind, das sind schon komplementäre Bilder, die für mich zusammenpassen, aber es ist schon teilweise verwirrend gemacht. Deshalb sollte man überlegen, ob man diese anderen Bilder mit den Träumen nicht streicht.

Thomas:

Es ist eigentlich schon alles gesagt worden…

Anna:

Es ist ein guter Ansatz, aber manche Sachen sollte sie noch verändern, z.B. "gewindeter Sauerstoff" oder "ewig", dass passt nicht ganz hinein.

Sabrina:

Mich hat das "ewig" nicht so gestört, vielmehr der "ausgewundene Sauerstoff", das kann ich mir nicht vorstellen. Es waren einfach zu viele symbolisch gemeinte Bilder. Das Glas kann sich noch mit Träumen und mit Enttäuschungen verbinden, aber die "zusammengebrochenen Lungen" sind für mich ein Mensch und nicht irgendwelche Bilder.

Hanka:

Ich finde es gelungen. Die Vorstellung vom zersplittertem Glas zum einen und die Verwundbarkeit des Körpers eines Menschen zum anderen. Dass gleich am Anfang des Gedichtes das zersplitterte Glas kommt, finde ich nicht gut. Dieses Gefühl der Freiheit am Anfang wird gestört, indem man das zersplitterte Glas vorweg nimmt. Da das Wort auch ziemlich oft vorkommt, wird es dadurch entkräftet. Man könnte es reduzieren. Der Vergleich "gläserne Kristalle funkeln wie Edelsteine" ist nicht stark genug, um die Ästhetik auszudrücken. Man könnte da ausdrücken, wie es glitzert, oder die Faszination durch einen Sinneseindruck sinnlicher machen. Denn ihr Vergleich ist keine starke Vorstellung. Ich finde es kompliziert oder schwierig, ein Wort aufzuteilen: "wund-(er)-bar". Eigentlich heißt es verwundbar, und diese Teilung ist eine Überstrapazierung des Wortes. "Zersplitterung mit blutrotem Rand" finde ich gut gelungen, das ist eine Vorstellung, die durchaus originell ist. Der "ausgewundene Sauerstoff aus zusammengebrochenen Lungen" ist schwierig, denn entweder ist etwas zusammengebrochen oder ausgewunden. Man müsste sich da auf ein Bild einigen, um es auszudrücken. Ob es nun um einen Fall oder einen Unfall z.B. mit einem Auto geht, sei dahingestellt. Auf jeden Fall würde ich es wichtig finden und gut für das Gedicht, wenn einfach die Linie und die Vorgabe für das Gedicht, dieses Bild, was einfach die Grundmethaper ist, einfach klarer darzustellen. Damit auch diese Endverse noch die dementsprechende Stärke erhalten.

Martin:

Ich habe da meine Schwierigkeiten mit dem Gedicht. Zum einen vielleicht, weil ich mich mit manchen Bildern schwer tue. Der Sauerstoff ist mir zu abstrakt. Auch die zehn Meter die angesprochen worden. Da frage ich mich auch, warum zehn Meter? Oder auch das Wort "ewig", das so vieles einschließt und dadurch eigentlich so wenig sagt. Zum anderen ist mir auch nicht klar, warum wann welches Bild drankommt. Mir sind die Bilder noch zu wenig ausgewählt. Mir fehlt auch ein bisschen der Versuch, eine Steigerung in dieses Gedicht hineinzubringen. "Zusammengebrochene Lungen" ist eine ungewöhnliche Kombination, aber vielleicht doch ein bisschen zu gewagt. Den zusammenbrechen kann nur etwas Festes. Lungen sind eigentlich nicht unbedingt etwas Sprödes, sondern eher so etwas Weiches.

Johannes:

Was mir nicht so gefällt, ist, dass es den konkreten fordernd eigentlich im Dunkeln lässt und auf diese Weise ein angenehmes Geheimnis erzeugt. Von der Wortwahl sind sehr viele Substantive drin, man sieht, dass manche Zeilen sehr lang geraten sind. Deshalb würde ich denken, dass man da am Kürzen noch arbeiten kann. So, dass wirklich das ganz konkrete Bild herauskommt, und konkret heißt für mich nicht: zehn Meter Höhe. Die Zahlenangabe ist für mich nicht nötig. Welcher Vorgang auch immer dahinter steht, ich denke auch dass mit solchen Spielchen "wund-(er)-bar" oder "gewindete Luft" oder "gewindeter Sauerstoff" – das Gedicht hat sonst nirgends Wortspiele und eine ganz andere Stimmung als Gedichte, die mit solchen Wortumstellungen arbeiten – ich würde dann darauf verzichten, weil es das Gedicht angenehmer lesbar macht. Wortspiele dienen eigentlich dazu, Sachen anders darzustellen, und hier wird es darum gehen, dass ganze klarer zu machen. Es klingt immer bedeutend, wenn man so was verwendet, aber in meinen Augen ist das hier nicht notwendig. Auch die Überschrift "Luftiger Wind", die trägt eigentlich in sich das, was ich denke, dass das Gedicht auch noch hat. Da ist es ja schon doppelt drin: der Wind ist eine Luft, und "luftiger Wind" und dann kommt sehr oft "windige Luft", "luftiger Wind". Also durch die Wiederholung werden die Sachen abgenutzt und drücken nicht mehr das Freie, das wirklich Luftige aus. Deshalb sollte man auch darauf achten, dass man schöne Wörter, die man gefunden hat, nicht immer wieder verwendet. Die Idee finde ich gut, den konkreten Tatbestand im Hintergrund zu halten, dass macht es zu einem angenehmen Gedicht.