Kritik zum Text "Spur einer Chance" von Linda Wilken
Die Textbesprechung fand während der Schreibzeit Graz II am 8. Juli 2002 statt.
Cordula:
Ich finde, der Titel wirkt nicht so richtig. Meiner Meinung nach hört sich "trunken vor Salz" etwas eigenartig an.
Conny:
Ich finde, dass der Titel nicht wirklich dazu passt. Der erste Satz hat mir jedoch sehr gut gefallen, das ist so eine schöne Feststellung. Das "verbrannte Organ" und "trunken vor Salz" hat mir nicht so gut gefallen. Die "dunkle Bitterkeit" war hingegen wieder sehr gut, das ist so wie ein Mensch, der mit der Welt nichts mehr anfangen kann. Der sich irgendwie fürchtet davor. Der es nicht mehr aushält. "Das Wesen, das in mir wohnt", klingt so schizophren, als wenn man sich vor sich selbst fürchtet. Stellenweise hat es mir sehr gut gefallen, aber dann waren wieder so Stellen, die mich irritiert haben.
Chrissi:
Die Überschrift hört sich an, als ob da jemand Angst hat zu leben, sich vor irgendetwas fürchtet. Oder sich nicht nur vor der Welt, sondern auch vor sich selbst fürchtet. Ich finde, es ist eigentlich ein schönes Gedicht.
Christin:
Das "verbrannte Organ" passt nicht ganz, weil sie es ja ins Meer geworfen hat und es trunken vor Salz ist, und dann ist es ein verbranntes Organ?
Johannes:
Es ist nur halb verbrannt.
Martin:
Wenn es verbrannt ist, ist es aber nur Asche!
Christin:
Die Überschrift finde ich nicht schön formuliert und auch nicht ganz treffend. Wenn ich diese Überschrift lese, würde es mich nicht reizen, das Gedicht zu lesen. Aber es würde sich auf jeden Fall lohnen, es zu lesen.
Lisa:
"Das mich verjagt, aus allen Winkeln", das hat mir schon sehr gut gefallen, weil ich das irgendwie auch selbst kenne. An manchen Stellen sickert es auch durch, dass sie ihr Leben ja eigentlich beenden will. Was das dann allerdings mit "Spur einer Chance" zu tun hat, weiß ich nicht, denn wenn sie sich selbst umbringen will, dann ist das ja bereits die Chance, selbst zu flüchten, und nicht nur eine Spur.
Vera:
"Aus allen Winkeln der Gemeinsamkeiten" verstehe ich nicht ganz. Also, ich verstehe das so, nur weil man nicht unbedingt beliebt ist, das heißt, es ist sinnlos, das Leben. Aber man kann doch auch sehr gut alleine leben?! Außerdem klingt das Gedicht so, als wäre sie schon fast wahnsinnig, also kennt sie den Wahnsinn, warum braucht sie dann ein Buch darüber?
Susanne:
Mir gefällt der Anfang und das Ende. Es passt zusammen. Der Ablauf, die Bilder sind auch sehr schön. Der Schluss, ich verstehe den so, dass sie vorhat, sich jetzt endgültig aus der Welt zurückzuziehen, dass sie für sich bleiben will. Mit dem Wahnsinn, oder was auch immer...
Obwohl, die Bücher über Gift und Wahnsinn haben für mich keinen Zusammenhang.
Gifte okay, aber Gifte und Wahnsinn? Außerdem ist der Wahnsinn sowieso schon überall da drinnen. Ich finde, ein paar Bilder sind unheimlich schön, wie "das Herz ins Meer zu schleudern" und so, aber vor allem, wenn ich es höre, ist es mir für ein Gedicht zu prosaisch. Mit den ganzen Sätzen. Aber es hat etwas.
Elisabeth:
Seltsam, sehr seltsam. Ich verstehe es überhaupt nicht. Zuerst beginnt sie mit dem Misstrauen der Welt, dann kommt es, dass sie sich das Herz herausreißt, um irgendwie den Streit der Welt zu beenden, dann ist das Organ verbrannt, dann ist es trunken und dann will es sich fortbilden? Also, ich verstehe es nicht. Ich weiß auch nicht, ob sie sich wirklich, soviel dabei gedacht hat. Irgendetwas steckt auf jeden Fall dahinter, aber es kommt nicht ganz heraus.
Martin:
Für mich war das so ein bisschen Greenpeace-Lyrik, aber ich weiß auch nicht, ob ich da nicht auf einer falschen Fährte bin.
Johannes:
Was meinst du mit Greenpeace-Lyrik?
Martin:
Naja, so ein Umweltschützergedicht. Es liest sich so wie das Gedicht einer Umweltschützerin. Naja, das z.B. mit die "Bücher besorgen über Gifte und den Wahnsinn", mit dem Wahnsinn meint sie wahrscheinlich die Umweltzerstörung. Wenn sie das gemeint hat, ist es natürlich auch sehr missverständlich formuliert, also das könnte man sicher auch besser machen.
Für mich war das eben die einzige Erklärung für den Wahnsinn und das verbrannte Organ, das vielleicht auch so ein Bild für die Endzeitstimmung ist. Warum man sich deshalb aber gleich das Herz herausreißen muss, um es ins Meer zu schleudern? Es stimmen hier für mich auch irgendwo die Bilder nicht zusammen. Abgesehen davon, dass da auch so Begriffe wie Wahnsinn und Chaos sind, die eben vieles im unklaren lassen.
Johannes:
Das herausgerissene Herz und die Fehden und Streitigkeiten werden gelöscht. Es ist sehr, sehr viel allgemein und nicht ganz klar, wo sich das lyrische Ich befindet. Es ist, glaube ich, auch noch viel zu wenig dicht, meiner Meinung nach. Da kommen Wörter vor wie "innewohnen", das erinnert so ein bisschen an das alte Deutsch. Dann gibt es aber "Schlupfloch", dann gibt es "unsichere Stunden", aber dann gibt es auch wieder "trunken", was aus einem ganz lyrischen Sprachgebrauch kommt.
Ich glaube, das Problem, dass es so halb Prosa ist, z.B. "das mich verjagt, aus allen Winkeln der Gemeinsamkeiten", und Lyrik, das macht es dann auch schwer. Also, die Bilder funktionieren nicht so gut, das ist vielleicht das größte Problem.
Am besten gefallen mir zwei Zeilen darin, das ist die erste Zeile "Ich habe der Welt immer misstraut" und "Gleich morgen werde ich gehen". Das war für mich eine Erfrischung, als dieser Aktivismus anfing. "Bücher besorgen", das war eigentlich ungewöhnlich, über Gifte und über den Wahnsinn. Danach wird das Gedicht dann redselig, während Gedichte eigentlich kurz und präzise sein sollen. Als Titel würde ich vielleicht vorschlagen "Gleich morgen", oder dergleichen. Damit man aus dem Gedicht doch ein Geheimnis macht.