Kritik zum Text "Ein ganz normaler Abend" von Phie
Die Textbesprechung fand während der Schreibzeit Graz II am 8. Juli 2002 statt.
Conny:
Es ist ein Text, in dem eigentlich alles und gar nichts passiert. Sie beschreibt alles sehr genau, mit sehr vielen Adjektiven, trotzdem hat der Text eigentlich kein eigentliches Thema, außer, dass sie sich am Ende vor dem Fernseher entspannen kann. Aufgrund der Beschreibungen ist es ein sehr schöner Text. Es ist mehr eine Alltagsbeschreibung, eine Stimmungsschilderung.
Chrissi:
Der Text ist sehr ausführlich beschrieben, und sehr intensiv werden die kleinen Dinge, die getan werden, beschrieben. Insgesamt hat der Text jedoch keine message. Ein bisschen grotesk finde ich auch die "lebendige Leiche".
Sonst ist es eben ein ganz normaler Abend, passend zur Überschrift.
Christin:
Ich finde auch, dass das Thema zwischen diesen schönen Beschreibungen gefehlt hat. Die Idee mit der Laufmasche ist mir auch in Erinnerung geblieben, die finde ich sehr gut. Die Überschrift ist jedoch ziemlich fad, im Gegensatz zu den schönen Beschreibungen.
Lisa:
"Die Wangenknochen waren nur noch von ihrer wachsbleichen Haut überzogen, die trotzdem spannte,...", in diesem Satz sehe ich eigentlich keinen Zusammenhang.
Vera:
Die Beschreibungen und die Vergleiche finde ich gut, wie z.B. "die schmalen Finger, die sich rastlos bewegten wie eigenständige Lebewesen". Ich verstehe jedoch nicht die Aussage des Textes und was der große Vertrag ist.
Susanne:
Ich finde die Idee nett. Warum soll man nicht einmal über Allgemeines schreiben, sonst schreibt man immer über so riesige Themen, die einen manchmal zu groß sind. Man hätte jedoch das Normale mehr unterstreichen können. Die Beschreibungen gefallen mir gut, bis auf ein paar Ausdrücke, die schon sehr abgenützt sind, z.B. "wachsbleiche Haut". Ich finde, der Text muss nicht unbedingt eine Botschaft haben, aber man hätte es eben ein bisschen mehr überzeichnen können.
Elisabeth:
Ich glaube, ich halte von ihr als Autorin mehr, als von ihrem Text. Ich glaube, sie weiß, wie man einen Text schreibt, wie man beschreibt, aber sie weiß nicht, was sie schreibt.
Der Text wechselt auch zwischen Handlung und sehr starker Beschreibung. Sie beschreibt sehr lang, wie das Wasser in den Abguss rinnt. Es hört sich irgendwie an wie eine Übung zu einer Geschichte.
Cordula:
Als Beschreibung an sich ist sie sehr gut. Den Vertrag würde ich jedoch weglassen, da man sich eigentlich sehr gut in die Geschichte hineinversetzen kann. Durch den Vertrag erwartet man sich jedoch mehr. Die "lebendige Leiche" fand ich auch etwas eigenartig.
Martin:
Ein Text mit sehr schönen Beschreibungen, die mir gefallen haben, da sie sehr genau sind. Es ist auch okay, etwas zu schreiben, wo eigentlich nichts weiter passiert. Insofern war es dann eben aber inkonsequent, dass dann ein Vertrag angesprochen wird, über den man dann aber nichts erfährt. Ich denke mir, wenn man den Vertrag herausnimmt, würde der Text genauso funktionieren und man würde sich nicht die Frage stellen, warum nicht mehr zum Vertrag kommt.
Sehr umgangssprachlich war die "lebendige Leiche" und dann eben auch die Formulierung "Immer, wenn es Stress in der Arbeit gab", die waren eben im Gegensatz zu den anderen Formulierungen sehr ungenau. Beschreiben kann sie sehr, sehr gut ,und man kann wirklich gespannt sein, was noch so alles von ihr kommen wird.
Johannes:
Der Text hält, was die Überschrift verspricht. Ich muss jedoch sagen, dass ich mir mehr erwartet habe. Es geht hier auch um die Frage, was erzählen wir. Wir erzählen eigentlich, wenn es um etwas Besonderes geht. Das heißt, wenn ich auf jemanden zukomme und erzähle: "Ich habe gestern Nacht geschlafen." Dann würde der sagen, Mensch der hat Schlafstörungen, der hat endlich einmal eine Nacht geschlafen. Wir alle wollen auch nur hören, was anders ist. Es gibt Leute, die kommentieren alles, was sie tun, und dann wirkt das sehr komisch. Das ist aber eigentlich nicht für andere bestimmt. Und so kann man natürlich auch so einen Abend beschreiben, weil ein ganz normaler Abend, den jemand anders hat, könnte für mich ganz aufregend sein. Das ist durchaus möglich. Ich will nicht sagen, das man so einen Abend nicht beschreiben kann, aber dann müsste irgendwo etwas passieren.
Und an der wichtigen Stelle steht dann eben nur "sie konnte sich entspannen" und ich dachte, so, jetzt passierts. Aber, sie sitzt auf der Couch und ist jetzt schon eingeschlafen. Wo man eigentlich denkt, es müsste etwas passieren. Aber vielleicht ist das auch die Richtung dieses Textes. Vielleicht soll ja auch einmal nichts passieren.
Mir ist auch noch aufgefallen, wenn der Stuhl nach hinten schrammt, dann entsteht für mich kein Geräusch. Und in einem Prosatext halte ich es auch für schwierig "wie der Stuhl in Zeitlupe kippte", da haben wir alle, glaube ich, zu viele Filme gesehen. In der Wirklichkeit kippt nichts in Zeitlupe. Da würde ich aufpassen mit solchen Beschreibungen an der Stelle, ob das unbedingt nötig ist, so in dieser dramatischen Situation, die dort nicht einmal dramatisch ist.
Grundsätzlich sind es wirklich schöne Beschreibungen, aber es sind sehr viele Adjektive. Der Text ist an einem Punkt, wo die Autorin überlegen könnte, ob man jetzt das eine, oder andere Adjektiv weglassen könnte und nur genau das richtige stehenlässt. Das wäre ein Vorschlag für ein langes literarisches Leben.