Kritik zum Text "Wenn ich aufhöre zu denken ..." von Eva Berger
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens in Graz am 8. 10. 1999 statt.
Christine J.:
Man hat das Gefühl, sie weiß nicht genau, was sie damit ausdrücken will, und deshalb versteckt sie es hinter den Wörtern.
Anselm:
Es ist wirklich völlig sinnlos, das aufzuschreiben. Sie schreibt eigentlich nur: "Wenn ich aufhöre zu denken, ist nicht der Gedanke aufhören zu denken." Danach zählt sie nur noch auf, was sie nicht denkt, wenn sie denkt. Aber ich glaube, dazu bedarf es keines Gedichtes, um das zu wissen. Noch dazu in so schlechter Sprache: "Und höre ich auf zu denken, ist nicht ich und nicht Du." Nur weil man ein paar Wörter ausläßt, hat man noch lange nicht ein Gedicht geschrieben. Und: Was ist mit einem, der im Koma liegt, der denkt nicht und ist aber trotzdem da.
Elisabeth:
Schwierig. Wenn man es hört, klingt es irgendwie schön, aber man kann nichts damit anfangen. Man versteht es einfach nicht. Auch wenn man bei Gedichten nicht streng nach der Grammatik schreiben muß, aber ein bißchen ein Sinn sollte wenigstens dabei herauskommen. Und es sind sehr viele Schlagwörter wie Krieg, Armut, Angst. Das ist nichts Neues. Und beim letzten Satz blicke ich absolut nicht durch.
Christine E.:
Das einzige, was wirklich deutlich hervorkommt, denke ich mir, ist, daß sie Verwirrung stiften will. Vielleicht will sie ein Gefühl beim Leser wecken, daß sie da gerade gehabt hat, aber das ist schwer nachzuvollziehen. In mir weckt das ein Gefühl der Verwirrung.
Martin:
Wenn es ihre Absicht war, den Leser zu verwirren, dann ist ihr das gelungen. Es klingt interessant beim ersten Zuhören, dieses "nicht", das alles ins Gegenteil verkehrt. Aber schon in den ersten beiden Zeilen beißt sich dieses "nicht" in den Schwanz, weil man eigentlich nicht mehr weiß, was man denken soll, was mit diesen ersten zwei Zeilen gemeint ist. Auf der einen Seite ist es ein hübsches Spielen mit großen Wörtern, das einen gewissen Reiz hat, aber andererseits erschließt es sich mir nicht wirklich. Ich fühle mich irgendwie gefangen in diesen vielen Verneinungen.
Anselm:
Ich glaube nicht, daß der Inhalt schwer verständlich ist, sondern eher, wie sie es geschrieben hat, die Form. Der Inhalt an sich ist äußerst einfach. Der steckt schon im ersten und im letzten Satz drinnen.
Martin:
Es gibt auch fast kein Bild in diesem Text. Bis auf den funkelnden Stern.
Anselm:
Von funkelnden Sternen hab ich echt genug.
Martin:
Es ist natürlich erlaubt, so mit Begriffen zu spielen, und das als gedichtähnlichen Text niederzuschreiben. Aber dafür bedarf es auch entsprechender Konstruktion, die es interessant machen würde.
Elisabeth:
Also, es ist nicht Erich-Fried-mäßig, meinst du?
Martin:
Genau. Es hat leider nicht diese Eleganz, die Erich Fried in ähnlichen Texten hat.