Kritik zum Text "searching for the train ticket we lost" von Anke Rauch
Die Textbesprechung fand während der Schreibzeit Graz II am 8. Juli 2002 statt.
Chrissi:
Sie beschreibt das Leben, zumindest einen kleinen Ausschnitt davon, eines Mädchens, das blind ist seit der Geburt. So richtig kapiert habe ich es jedoch nicht. Ich kann wenig damit anfangen.
Christin:
Aufgrund der englischen Satzteile dazwischen habe ich Probleme, den Text zu verstehen. Ich habe am Schluss erst die Überschrift verstanden, und dadurch weiß ich jetzt nicht mehr viel vom Text. Ich habe mich immer sehr auf das Englische dazwischen konzentriert. Der "Augapfel itself" war sehr seltsam.
Lisa:
Mich hat der Text schon angesprochen. "Sie ging den Weg schon 27 mal", die 27 war für mich etwas überraschend, aber im nächsten Satz folgte dann sowieso die Erklärung. Ich muss auch sagen, dass mir die Kleinigkeiten, die sie so aufnimmt, schon gefallen haben. Nicht immer die hochtrabenden Gefühle, sondern die Kleinigkeiten, die trotzdem etwas ausmachen. Mit dem Englischen habe ich auch so meine Probleme gehabt.
Vera:
Das Englisch finde ich blöd. Entweder man schreibt nur englisch oder deutsch. Die Geschichte ist auch etwas verwirrend für mich, was sie nun aussagen soll und wo der Höhepunkt liegt.
Susanne:
Ich finde nicht, dass jede Geschichte einen Höhepunkt haben muss, den man erkennen kann. Das mit dem Englischen stört mich auch nicht wirklich. Verwirrt hat mich der Text aber auch. Zuerst habe ich lang überlegen müssen, wer ist da jetzt wirklich blind, weil dazwischen Beschreibungen sind, dass man sich nicht wirklich vorstellen kann, dass sie blind ist. Oder am Anfang, dass jemand zu den Gleisen geht, und mit den Farben, das habe ich überhaupt nicht mit der Blinden in Verbindung gebracht. Obwohl dann wieder Beschreibungen sind, die mir gefallen, die Einzelheiten, die schon angesprochen worden sind.
Zwischenruf:
Vielleicht ist die Blindheit ja eine Metapher von irgendetwas.
Susanne:
Kann sein. Aber das muss man dann auch etwas deutlicher zeigen. Ich habe mich eben teilweise nicht ganz ausgekannt. Aber wenn jemand erst zu schreiben beginnt, ist das schon ganz schön.
Elisabeth:
Was mich am Anfang total gestört hat und was eigentlich gar nicht zum weiteren Text passt, ist, dass am Anfang die Farben von den Schienen so gut beschrieben sind und auch anscheinend relativ wichtig sind. Beim Englischen weiß ich jetzt nicht so ganz, ob es jetzt gut ist oder nicht, weil es irritiert schon, und ich weiß auch nicht, ob es nötig ist. Mich hat es jetzt aber nicht so gestört. Ansonsten gefallen mir die Kleinigkeiten auch.
Cordula:
Das Englische hat mich nicht so gestört. Die Farben und die Schienen sind etwas zu ausführlich beschrieben, für eine Blinde. Mir haben besonders die anderen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Schmeckens und Riechens gefallen, die hätten vielleicht etwas ausführlicher sein können.
Conny:
Ich kann mir vorstellen, dass die paar englischen Sätze, Zitate aus Büchern oder vielleicht einem Lied sind, und dass ihr die dazu eingefallen sind. Irgendwie passen sie ja dazu, aber es klingt nicht so, als ob sie es selbst geschrieben hätte. Dann glaube ich, dass die Blindheit wirklich eine Metapher ist, weil sie am Anfang das ja doch ziemlich gut beschreibt. Die Metapher kommt jedoch nicht ganz heraus. Was mir gut gefallen hat, waren einzelne Stellen z.B. die Dunkelkammer, wo sie die Vergangenheit entwickelt. Es sind also doch so lyrische Stellen drinnen, aber dann wechselt sie wieder ins Prosaische z.B. mit dem Streuselkuchen.
Johannes:
Ist Prosa denn schlecht?
Conny:
Nein, aber sie wechselt immer so stark. Es gibt ja auch lyrische Prosa, die ist kurz da und dann wieder nicht. Es ist ein bisschen durcheinander.
Martin:
Es sind schöne Beschreibungen und schöne Bilder drinnen, wie schon einige gesagt haben. Eigentlich soll die Hauptperson blind sein, aber das kommt nur an manchen Stellen durch, für mich war das eben die Welt einer Sehenden. Der Blick einer Sehenden, sie liegt in der Wiese und fotografiert, sieht den Zitronenfalter, also ich glaube auch, dass ein blinder Mensch die Welt anders erlebt, als es hier beschrieben ist. Damit die Metapher nachvollziehbar ist, muss es eben insich zusammenstimmen.
"Hütete wie ihren Augapfel", das ist eben eine sehr gängige Phrase. In einem solchen Text, der nicht mit Phrasen spielt, wirkt das eben auch seltsam. Das Englisch hat mich auch sehr irritiert, man fragt sich halt, ist das von ihr oder ein Zitat? Es ist auch so plötzlich immer gekommen, das ich mich gar nicht in das Englische hineinhören konnte, und bevor ich noch irgendetwas verstanden habe, war man schon wieder im Deutschen. Das hat es mir eben sehr erschwert, dem Text zu folgen.
Johannes:
Ich bin mit dem Englischen auch nicht so glücklich. Am Anfang dachte ich, es spielt vielleicht in Amerika, aber da sind so viele Sachen, die dann doch den europäischen Kontext zeigen. Darum ist es eben mit dem Autounfall in New York auch schwer usw. Ich kann mich mit dem Englischen nicht anfreunden. Ich kann auch den Text mit dem Titel nicht in Verbindung bringen. Ein Höhepunkt muss auch sein, aber sowas wie Blindheit, und dann sind da am Anfang diese Beschreibungen, das ist schwer für mich nachzuvollziehen.
Einzelne Stellen finde ich sehr schön, wie z.B. dass die blinde Person einen Fotoapparat hat und sich nachher erklären lässt, was auf den Bildern ist, das finde ich sehr schön. Da hätte ich mir auch mehr gewünscht. Das könnte man ausbauen.
Auf das Englische und New York könnte man verzichten. Wenn man es so liest, mit dem Titel, mit Amerika und den Schienen, dann scheint es da um Freiheit zu gehen. Das ist das eine Thema. Das scheint so ein bisschen die amerikanische Vision, die man teilen kann oder nicht.
Ich würde an den Details arbeiten und das Motiv der Blindheit verfolgen, und nicht das der Freiheit.
Mich hat auch das mit dem "27mal den Weg gegangen" irritiert und auch, wenn nachher die Erklärung kommt wenn man erst einmal irritiert ist, da ist man aus dem Text draußen. Man sollte den Französischlehrer vorher bringen, und wenn man dann sagt, sie ist den Weg 27 mal gegangen, dann weiß jeder, sie kennt ihn. Also, manchmal ist es auch eine Frage der Reihenfolge.