Kritik zum Texte "Fertigkeit…" von Josefine Carius

Die Textbesprechung fand während der Schreibzeit Hard am 18. Mai 2002 statt.

 

Marlene:

Am allerlustigsten finde ich: "Kannst nichts tun gegen all dein Talent", das finde ich irgendwie so, ja, weiß nicht, das sagt mir nichts, und mir kommt das so vor, als würde das eine nicht sehr intelligente Oma zu ihrem Enkel sagen (lacht). Und es sagt mir überhaupt nichts, und es gefällt mir auch nicht wirklich gut.

Ruth:

Ich weiß nicht, also dieses "in dein Herz geschlitzt", das ist irgendwie ziemlich blutrünstig. Mit "Talent", ich weiß nicht, ob man das unbedingt ins Herz schlitzen muss, damit das da ist.

Regina:

Ich muss sagen, ich würde mit dem Gedicht auch einmal ganz anders anfangen. Okay, "Fertigkeit, die du besitzt", so würde ich nicht anfangen. Und "in dein Herz geschlitzt", so würde ich auch nicht weitermachen. (lacht) "Schicksal", in dem Gedicht, ich weiß nicht, das Wort passt auch nicht rein. Und "Kunst", ich weiß nicht, die Worte passen eigentlich nicht zusammen. Es ist nicht so... mehr erzählter Stil, und dann auch noch so alte Wörter reingebracht, und auch so ein bisschen gewalttätig gereimt. Auch brutal. (lacht)

Thomas:

Eben, "Herz geschlitzt", da wird es blutig, und dann plötzlich, ja, "wurdest behutsam in Wege gelenkt". Eben so mit Bauschhandschuhen angefasst und dann einfach dem Schicksal übergeben.

Elisabeth:

Es ist gereimt. (Lachen der anderen) Naja, das Problem ist bei gereimten Gedichten, dass man irgendwelche Bilder verwenden muss, die eigentlich überhaupt nicht passen, und wo der Autor auch selbst nicht weiß, die also nicht passen, oder wo er einfach nichts Besseres findet. Hätte sich das jetzt nicht gereimt, hätte man da jetzt sicher nicht gesagt, "In dein Herz geschlitzt". Vor allem, wenn sie dann nachher sagt, dass das in behutsame Wege gelenkt wurde.

Malte:

Da stimmen die Stimmungen nicht.

Elisabeth:

Ja, ich finde, sie sollte versuchen, das ganze Gedicht noch einmal zu machen, ohne Reime und wirklich nur auf die Bilder schauen, auf die Stimmung, und die Reime wirklich einmal beiseite zu lassen. Weil, das ist einfach, wenn man nicht einen irrsinnig großen Wortschatz hat, kann man, wenn man reimt, oft nicht das sagen, was man sagen will. Und ich glaube nicht, dass sie sagen wollte: "In dein Herz geschlitzt".

Malte:

Ich habe es im Allgemeinen nicht so mit Gedichten. Ich verstehe häufig Gedichte auch nicht so gut. Und dann noch Reimgedichte: Ich denke, dein Tipp (zu Elisabeth) war ganz gut. Vielleicht noch vorher: Ich weiß nicht, wie man Reimgedichte schreibt. Ich würde vorher das Gedicht ohne Reim schreiben und später Reime suchen, die zu der Stimmung passen. So würde ich es machen. Dann passt für mich das "Du" nicht so ganz. Weil "gegen all dein Talent", was macht dann ein untalentierter Mensch, darf der dann das Gedicht nicht lesen? Weil ich meine, wenn man in einem Text das "Du" verwendet, spricht man den Leser an. Gut.

Tanja:

Ich bin eigentlich auch ganz der Meinung von Elisabeth und Malte. Es ist einfach ein Reimgedicht, und bei einem Reim muss man auch Sachen sagen, die man eigentlich nicht so wirklich meint. Aber das muss man einfach sagen, weil gerade kein anderes Wort da ist. Aber ansonsten, weiß nicht, kann damit nicht so viel anfangen.

Julia:

Ja, ich finde das Gedicht eigentlich ziemlich banal. Und ich finde es ein bisschen gezwungen: "besitzt", "geschlitzt" und die ganzen Reime, finde ich nicht so toll. Außerdem glaube ich, dass da ziemlich viele von den "großen Worten" benutzt wurden, wie das "Schicksal" und so weiter. Ich muss der Marlene ein Kompliment machen, dass man aus so etwas nicht unbedingt Guten so einen guten Schluss mit der Oma ziehen kann.

Alexander:

Hut ab, also Reim benutzen und so. Heutzutage ist das ja ziemlich schwierig. Ich meine, Goethe und Schiller haben ja auch Reime benutzt und ausgesagt, was sie sagen wollten. Das heißt, sie haben sich nicht vom Reim einzwängen lassen. Allerdings ist nicht jeder Goethe und Schiller, nicht jeder hat so ein Talent und so eine Kunst "zu eigener Gunst" und so... (Lachen in der Runde). Ja, überarbeiten vielleicht, und Reim muss ja nicht immer sein.

Nadja:

Als ich das Gedicht zum ersten Mal gehört habe, kam mir spontan eine junge Sportlerin in den Sinn, wo die Mutter dauernd hinter ihr steht und sagt: "Ja, das musst du jetzt machen." Und: "Du hast Talent". Aber dann wiederum kam für mich der Widerspruch, wenn es heißt, "gegen all dein Talent wurdest du behutsam in die Wege gelenkt." Also, irgendwie ist da ein Widerspruch drinnen. Und die Bilder passen überhaupt nicht zusammen, so dass eine richtige Stimmung entstehen könnte.

Thera:

Ich habe eigentlich nichts gegen Reime, weil ich finde, sie können Gedichte manchmal – nur, man weiß am Anfang nicht, was man sagen will damit, und dann kommt man zu einem Reim und das kann ein Gedicht manchmal auf ganz komische Bahnen lenken. Nur in diesem Fall wurden, glaube ich, irgendwelche Reime untereinander geschrieben und dann irgendetwas dazugefunden. Also, ich lasse mich am Anfang immer von der ganzen Sprache bestechen, aber wenn man es sich dann noch einmal durchliest, kommt man drauf, dass das alles eigentlich überhaupt nicht zusammenpasst. Ich habe den Anfang eigentlich ganz gut gefunden, also "Fertigkeit, die du besitzt" und "ganz tief in dein Herz geschlitzt". Aber dann das "Wurdest behutsam in die Wege gelenkt," das stimmt überhaupt nicht zusammen. Und das zerstört dann irgendwie auch wieder das Gefühl, das man am Anfang kriegt.

Janine:

Am wenigsten gefällt mir das "In dein Herz geschlitzt", weil man Talent einfach nicht in Herzen schlitzt. Und ich denke auch, der Gegensatz zu "behutsam" ist zu groß.

Klara:

Ich kann mich dem auch nur anschließen, also Talente ins Herz hineinschlitzen, ich weiß nicht. Zuerst muss ich einmal sagen, ich kann überhaupt nicht reimen, deshalb bin ich da immer ganz baff, wenn jemand überhaupt irgendwelche Reimworte findet. Aber auf jeden Fall ist es nicht so gut gelungen, glaube ich. Und außerdem, auch wie die Marlene gesagt hat, die Oma, die einen belehren möchte, und dieses "möge dein Schicksal", also das ist ja schon... Außerdem, ein Gedicht, das nur so belehren möchte, ich kann damit auch nicht so viel anfangen.

Johannes:

Ja, das mit den Reimen, das hatten wir schon, das ist so eine schwierige Sache. Ich will auch sagen, wenn man es dann reimt, dann muss man auch mal schauen, z.B. "Talent" und "gelenkt" reimt sich eben nicht. Und es sollte sich reimen. Da sollte man dann schon schauen, ob man ganz darauf verzichtet. Und mir ist das so ähnlich gegangen, dir (zu Nadja) ging es um eine Sportlerin, ich dachte mir, Mensch, da ist jemand, der kann fantastisch kochen und wird dann Chefkoch in einem Drei-Sterne-Restaurant. Und was auch immer für Geschichten dahinter liegen, über das Eigentliche, über das Talent, und über das Ich, was mich da anspricht, oder was da angesprochen wird, vielleicht bin ich ja der, der das Talent hat, darüber, über welches Talent, darüber habe ich nichts erfahren. Und insofern ist das Gedicht dann nichtssagend. Weil, es enthält eigentlich keine Information. Nur, dass da ein Talent ist und einem ins Herz geschlitzt wird. Vielleicht ist ja "all deine Kunst" ein Stichwort, aber es gibt ja auch eine Kochkunst. Wenn es schon keine Sportkunst gibt. Und warum die Kunst einem erliegen sollte, erliegen ist eigentlich, wenn jemand eine Schlacht verliert. Also, warum soll die Kunst verlieren und das Ich gewinnen. Ja, vielleicht ist das Kunstzerstörung. Also ich habe mit all diesen gewählten Wörtern und der Lehre einfach Schwierigkeiten bei diesem Gedicht.

Martin:

Ich habe mit dem Gedicht eben auch so meine Probleme. Also nicht nur, dass es teilweise mit Gewalt gereimt ist und eben auch kein Rhythmus durchgehalten wird, von Anfang bis zum Ende, und es bleibt eben sehr vieles offen. Da eben das Talent nicht beschrieben wird, um das es da geht, dass es einfach nur genannt wird, "Talent", das sagt einfach irgendwie sehr wenig, das lässt eben einfach sehr viel offen. Eben auch, um was für eine Art von Kunst es dabei geht, die da möglicherweise im Spiel ist. Also, wobei ich sagen muss, das mit dem "Du", da habe ich das Problem nicht so sehr gehabt wie der Malte, sondern ich habe das "Du" mehr so als lyrisches Ich gelesen, also dass praktisch der, der da in dem Gedicht spricht, eigentlich sich selbst meint damit. Also, das kann man durchaus machen in einem Gedicht.

Johannes:

Ja, aber da muss man schon wissen, wer das zu ihm sagt. Damit wir wenigstens ahnen können...

Martin:

Auf jeden Fall, hier wäre noch ein ganzes Stück Arbeit nötig.