Kritik zum Text "Na, Raupe…" von Beate Metzen

Die Textbesprechung fand am 2. September 2001 während der MESZ Wolfenbüttel statt.

 

Helena:

Eigentlich finde ich es ziemlich sprachgewaltig, und es ist ziemlich originell. Doch da zum Schluss: Das klingt irgendwie abrupt und passt stilistisch nicht ganz hinein.

Cordula:

Irgendwie glaube ich, gerade weil es nicht so hineinpasst, fällt es eben mehr auf. Und gerade deshalb, weil hier Fragen gestellt werden, die eigentlich logisch beantwortet werden können, passt es eigentlich um so besser.

Kathi:

Mir gefällt der Text sehr gut. Jetzt sehe ich erst [den Text vor sich liegend], wie das mit den Absätzen gemacht ist, das gefällt mir. Mir gefällt das sehr gut von dieser anderen Person, dieses "Frag nicht".

Elisabeth:

Grundsätzlich würde ich einmal sagen: Mir gefällt der Text sehr gut, er ist sehr wortgewaltig. Das muss ja noch nichts Negatives sein. Ich frage mich nur, ob es nicht ein bisschen zu viel ist. Was mir aufgefallen ist, da sind viele Alliterationen, also Worte, die mit den selben Buchstaben beginnen. Das ist mir sehr aufgefallen. Mir hat er auch sehr gut gefallen.

Susanne:

Ich fand ihn auch sehr gut. Der erste richtig brauchbare Text wahrscheinlich. Und ich fand auch die Wortwahl sehr gut. Ich muss das immer vor Augen haben, ich bin so ein optischer Typ, ist jetzt ein bisschen viel zum Zuhören, aber ansonsten, mir hat er gut gefallen, ja.

Gábor:

Ja, wie gesagt, stilistisch finde ich ihn auch sehr gut. Vor allem mit diesem "Frag nicht". Vor allem am Schluss kommt dieses "Frag nicht" etwas unerwartet. Ich finde fast, dass der Stil besser ist als der Inhalt. Ich weiß nicht, ob ich bei so einem Inhalt auch so viel schreiben könnte.

Stefanie:

Also, ich finde den Text eigentlich ziemlich originell und witzig. Und was mir speziell aufgefallen ist, ist dieses Springen zwischen diesem Frühlingshaften, Flatterhaften und der Raupe, die eigentlich nur wenig sagt und auch dann nur das Notwendigste. Und zum Schluss dann noch im letzten Satz keine Antwort mehr hat.

Melanie:

Ja, ich bin mir da nicht ganz sicher: Sie beschreibt hier wahrscheinlich das Gefühl des Verliebtseins. Ich weiß eigentlich nicht, was ich darüber sagen soll. Mir ist es eigentlich ein bisschen zu übertrieben, aber ich finde es eigentlich interessant, dass sie die letzte Frage eben offen lässt, so als ob man es nicht beschreiben könnte, und dass Einwände dagegen kommen. Vielleicht ist es zu illusionär, dieses Gefühl so zu beschreiben. Kann mir nicht vorstellen, also... Wie auch immer.

Anselm:

Frag nicht. (Gelächter in der Runde) Ja, auf den ersten Blick ist dieser Text eigentlich nicht so schlecht. Aber wenn ich es mir genauer anschaue, habe ich eigentlich schon Probleme damit. Mir ist eigentlich nicht ganz klar: Ein Schmetterling erzählt der Raupe das – das kann ich noch irgendwie nachvollziehen; warum das so ist, weiß ich allerdings nicht. Warum "Ach, frag nicht"? Warum soll sie nicht fragen? Was soll dieses "Ach, frag nicht". Da habe ich keine Ahnung, warum das so sein soll. Und außerdem, diese Bilder, die Liebeslieder und so weiter, da fehlt mir irgendetwas. Man kann sich das so richtig vorstellen. Aber das einzige Mal, wo es einen so wirklich... "Schon mal den Nektar gekostet, göttergleich im Genuss" und so weiter, und außerdem "Schon einmal verliebt gewesen?" Das ist eigentlich ziemlich plump am Ende. Wenn man darüber nachdenkt, worauf das Ganze hinauslaufen soll, da ist dann die letzte Frage eigentlich ziemlich plump. Da wird zuerst die ganze Zeit erklärt, wie das Gefühl ist, verliebt zu sein, und dann streitet sie das selber ab. Und dann fragt er also ganz plump: "Schon einmal verliebt gewesen?" (Gelächter in der Runde) Ja, ich bin jetzt ein bisschen unkoordiniert. Aber wenn ich das alles sammeln würde, dann könnte ich das schon erklärlich machen. Hat mich irgendwer verstanden?

Martin:

Ja, das war schon sehr komplex.

Anselm:

Ja, ich kann das jetzt nicht erklären, aber auf jeden Fall ist das jetzt mal was Besseres.

Sarah:

Ich mag den Text sehr gern. Ich finde nur, man sollte den Text öfter lesen, auf den ersten Blick ist das schon ein ziemlicher Wortschwall, der da auf einen zukommt, auch total übertriebene Gedanken, wie man Verliebtsein beschreibt. Daher finde ich den Text eigentlich auch sehr schön, weil das alles im Kontrast zum Wort "Schmetterling" steht. Weil ich denke, dass man eben, um das zu beschreiben, einerseits diese ganzen übertriebenen Beschreibungen nutzen kann, andererseits kann man auch einfach "Schmetterling" sagen und man weiß einfach, was gemeint ist. Das finde ich an dem Text ganz schön, dass das Wort "Schmetterling" gar nicht vorkommt, sondern dass man da erst einmal selber draufkommen muss, auch wenn das nicht schwierig ist. Und ich finde dieses "Schon mal den Nektar gekostet" eine sehr gute pikante Anspielung. Das finde ich auch sehr nett gemacht. Ich finde den Text gut.

Christof:

Der Text ist sicher der Beste der drei, ich glaube, das ist ohnehin klar. Und ich finde auch, dass es eben nicht so ist, dass das Ganze zu pathetisch oder zu übertrieben wirkt. Und zwar deshalb, weil ja ganz intelligente Brechungen angebracht sind, eben dadurch, dass da diese Raupe, die ja nicht unbedingt gerade das große Liebessymbol ist, vorkommt, und auch dadurch, dass das unter Anführungszeichen so "plump" endet. Also ich glaube, das ist ganz gut kalkuliert. Dadurch werden die Beschreibungen, die immer wieder zwischendurch vorkommen und immer wieder hart an der Grenze zum zu pathetischen sind, gebrochen. Und was mir auch aufgefallen ist, sind diese eben schon angesprochenen wortgewaltigen Alliterationen. Also, mir gefällt der Text insgesamt gut. Versöhnt mich mit dem heutigen Abend.

Jan:

Ja, ich habe jetzt ja auch gar nicht mehr so viel zu dem Text zu sagen. Ich finde ihn auch gut, ich finde es auch eine gute Idee, dass diese Raupe, die ja gefragt wird, und der ja diese ganzen Verheißungen des Schmetterlingslebens – als Bild für das Verliebtsein, "Schmetterlinge im Bauch haben", also da kriegt man ziemlich gut die Verbindung – die kriegt das also vorgeschwärmt, die will ja eigentlich auch gar nichts davon hören. Aber vielleicht kann ja auch diese Raupe irgendwann einmal zum Schmetterling werden. Das ist ja eigentlich ganz schön: Da ist ja irgendwie auch die Chance drinnen, das vielleicht auch einmal zu erleben. Ich finde den Text auch sehr gut. Gerade mit diesen Alliterationen. Ich habe so einmal ein bisschen aufgemerkt – dieses "Göttergleich im Genuss" fand ich ein bisschen zu pathetisch, aber andererseits kommt das ja mit dieser "Schon mal verliebt gewesen"-Floskel da am Ende, da ist das dann beruhigt, zum Schluss. Dann wird mich das auch nicht weiter stören.

Malte:

Ich war von Anfang an von diesem Text eigentlich auch beeindruckt. Es sind wahnsinnig schöne Wörter drinnen. Mir ist dann aber aufgefallen, man kann den Text aus zwei Blickrichtungen betrachten: Einerseits ist das ein lyrischer Text, die hübschen Wörter würden dafür stehen, andererseits kann man es auch als Prosatext sehen. Bei einem lyrischen Text genügen eigentlich schon die schönen Wörter, wie schon bereits erwähnt wurde bei den vorherigen Texten. Das würde schon genügen, man liest das ja sehr gerne. Insofern als lyrischer Text gefällt er mir, als Prosatext nicht wirklich, weil das einfach nur ein Gespräch ist. Wir erfahren über die Person nichts. Der Frager, der Interviewer ist ziemlich arrogant. Und die Raupe ist so dieses kleine, nutzlose Ding, das eigentlich noch nichts erlebt hat. Ja, mir fällt jetzt gerade erst auf, was vorher nicht gelesen wurde: Die Raupe ist am Ende wütend. Sie schreit: "Frag nicht". Das ist mir erst jetzt aufgefallen. Also insofern... Weil mein Kritikpunkt gewesen wäre, dass der Raupe das eigentlich irgendwie Wurst ist. Doch sie wird ja gereizt vom Frager. Und sie wird hier schon so dargestellt, sie ist nachher stinksauer. Also, als lyrischer Text ist er gut, als Prosatext weiß ich jetzt nicht so genau.

Marina:

Mir hat der Text auch total gut gefallen. Vor allem der Kontrast, dass auf der einen Seite diese Fragen so schön und so voll von Metaphern sind und auf der anderen eben diese Raupe: Immer nur "Frag nicht" und so, die antwortet ganz einfach, so wie ein kleines Kind. Und mir gefällt auch die Wortwahl total gut, ich mag solche übertriebenen Sachen eigentlich total gerne, das finde ich irgendwie total schön. Also ich finde ihn total gut, den Text.

Johannes:

Also jetzt will ich mal die Raupe retten. Ich halte es da mit dem Malte: Mir hat der Text so beim Überfliegen gefallen, und zwar, wenn man es als lyrischen Text liest, ist es eben ganz nett. Das hat mir dann erst einmal ziemlich gut gefallen. Es gefällt, durch die Alliteration, das ist schön gemacht, es gibt Steigerungen, ich mochte auch das "Göttergleich im Genuss", diese Übertreibungen. Ich habe es falsch vorgelesen, da muss ich Malte recht geben, das war aber, weil ich es nicht zu Ende gelesen habe vor dem Vorlesen. Ich würde aber nicht sagen, "Prosatext", sondern das ist dann dramatisch, wenn es ein Gespräch wird. Und das, wenn man sich das wirklich als ein Gespräch vorstellt, so, nur zwei Stimmen, dann ist es hier ja so, dass hier jemand im Liebesüberschwang jemandem anderes die Liebe beschreibt, der mehrfach versichert, dass er davon nichts mehr hören will. Also diese Raupe will ja davon nichts mehr hören, da steigert sich dieser Schmetterling in Beschreibungen rein, bis er dann sagt: "Was, du bist noch nie verliebt gewesen?" Und das ist eigentlich fast eine Frechheit dieser Raupe gegenüber. Und da finde ich es eigentlich schön, das diese Liebeselemente der lyrischen Ebene auf der dramatischen Ebene eigentlich hinterfragt werden. Das ist nämlich auch ein ganzes Stück Anmaßung, wenn sich jemand da hinstellt in seinem Liebesüberschwang und das dann jemandem anderen erzählt, der traurig ist. Das ist nicht immer erheiternd. Man ist nämlich auch sehr autistisch, verschlossen, man hört nicht mehr zu, wenn man in diesem Überschwang ist. Und dass dieser Text auf diese Weise auf der zweiten Ebene noch einmal spannend wird, weil da die Kehrseite dieser Liebe gezeigt wird, da sind diese Übertreibungen erst recht gerechtfertigt, weil das ist ja das, was diese Raupe ja eigentlich aufregt. Und so hat mir der Text auf diese Weise sehr gut gefallen. Und auch die Raupe.

Martin:

Ja, ich habe eigentlich auch diese Mischung sehr interessant gefunden, einerseits dieses Lyrische mit diesen Bildern und was es da sonst noch so an schönen Elementen gibt, und andererseits auch dieses Eingebettetsein in einen Dialog, wo dann eben auch ein bisschen was Dramatisches dazukommt. Ja, obwohl, also beim letzten Satz habe ich dann einfach überlegt, ob dass nicht – ja, zu platt ist für den Schluss. Ob man da nicht vielleicht noch etwas anderes findet, aber es funktioniert auch mit dem Schluss. Wahrscheinlich muss man ihn dann so gehässig lesen, dass es funktioniert.

Olaf:

Ja, der Text ist ja wirklich sehr gut weggekommen, ich habe da nur eine Grundschwierigkeit. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand, der in der Nahrungskette hinter dem Federvolk steht, sich dafür interessiert, wie das Liebesleben da aussehen sollte. Man kann wenigstens "Schmetterlinge im Bauch" ganz wörtlich verstehen. Diesen Schritt könnte ich da einfach nicht mitmachen bei diesem Text, und da wirkt er für mich auch wirklich unfreiwillig komisch und auch von dem Verfügen über die Bildlichkeit der Natur einfach sachlich falsch. Was für mich ähnlich schwach ist, aber das wurde auch erwähnt, ist die Lösung da am Schluss, "Schon mal verliebt gewesen". Im Text ist das Bemühen zu spüren, immer Bilder für das Verliebtsein zu finden. Ich will mich gar nicht dazu äußern, ob ich das gut oder schlecht finde, das wird auf jeden Fall in verschiedenen Bildern ausgeführt, und am Schluss sehe ich eher in diesem Resümee eine Unsicherheit, dass man meint, man schafft das doch nicht, das durch die Bildlichkeit dem Leser zu vermitteln, das da ein Moment der Verliebtheit ist. Also hier wird noch einmal klar festgestellt: Es geht um Verliebtsein. Und ich glaube, soweit müsste der Text hier nicht gehen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass er früher endet, oder dass die Bilder vielleicht noch ein bisschen anders gestaltet werden.