Kritik zum Text "Manchmal wünschte ich…" von Kathi Serles

Die Textbesprechung fand am 2. September 2001 während der MESZ Wolfenbüttel statt.

 

Christof:

Ja, ich sehe das so, wie der Jan es vorhin auch schon zu mir gesagt hat: Eine interessante Allmachtsphantasie. Ein Problem sehe ich in der etwas holprigen Verwendung des Konjunktivs, immer mit "würde", das ließe sich sicher besser machen. Und interessant finde ich auch besonders den Schluss, weil da noch so eine Art kleine Ironie auftaucht, weil sie im richtigen Leben auch immer unsichtbar ist, nur eben auf eine ganz andere Weise als die von ihr anvisierte, indem sie sich unsichtbar macht, indem sie sich allen anderen anpasst, um nicht aufzufallen.

Sarah:

Ich weiß gar nicht so, was ich dazu sagen soll, weil mich persönlich dieser Text eigentlich nicht anspricht. Er ist einfach naiv, finde ich. Also, ich weiß, dass ich selber mal fast den gleichen Text geschrieben habe, irgendwann. Ich finde es einfach sehr undurchdacht, was darin ausgesagt wird.

Olaf:

Was ist daran naiv?

Sarah:

Hm, zum Beispiel dieses... Die Art, wie es geschrieben ist. Also, ich glaube nicht, dass jemand, der sich Gedanken darüber gemacht hätte, sagen würde: "Dann wäre ich glücklich, wenn’s so wäre." Und auch irgendwie dieses ganze Klischee: "Jeden Tag würde mich mein schöner Prinz aufwecken." Das... mag ich nicht. (Lachen der anderen) Ja, mehr möchte ich eigentlich gar nicht sagen.

Anselm:

Na ja, neben dem, was da schon gesagt worden, kritisiert worden ist: Ich sehe das noch negativer als alle anderen vorher. Ja, ich weiß eigentlich auch nicht, was das eigentlich soll. Prinzipiell, ja, die Idee ist eine Wunschvorstellung, auszubrechen, um dann wieder festzustellen, wie erbärmlich man ist, und dann eigentlich wieder so... Aber wie schlimm finde ich: "Manchmal wünschte ich, ich wäre eine Prinzessin." Das kann einfach niemand schreiben, der... Das passt einfach nicht, "Prinzessin", vielleicht wäre sie eine Frau von einem Diktator oder sonst irgendetwas, irgendetwas anderes, aber diese ganzen Bilder, das sind Bilder aus dem Kindergarten, aus irgendeinem Märchen oder sonst irgendetwas, die passen einfach nicht...

Johannes:

Wozu? Wozu passen die nicht?

Anselm:

Die passen nicht zu dem, was sie sein... Naja, ich finde das ziemlich... Da ist wirklich null Originelles drinnen. Da bräuchte man nur so ein Thema geben: "Manchmal wünschte ich..." und dann kriegt man Tausende von solchen Texten. Das ist nicht unbedingt etwas, was man gehört haben muss, sagen wir es einmal so. Ja, prinzipiell allerdings, die Idee geht in Ordnung, aber... (Lachen in der Runde) Aber eigentlich... Eigentlich ist es gar nicht mal so blöd. (Wieder Lachen von allen) Der ganze Text, das könnte man auf zwei Sätzen auch bringen... Aber dass das die Substanz des ganzen Textes ist, das kann ja nicht wirklich wahr sein.

Martin:

Man muss aber dazu sagen, es gibt bessere Texte von ihr.

Anselm:

Es gibt bessere Texte von ihr... Okay. (Lachen der anderen)

Melanie:

Ich find’, ich kann persönlich nichts damit anfangen, und ich finde das eigentlich traurig, dieses materialistische Denken und dieser Konformismus, der da zum Vorschein kommt, dass man nur tut, was die anderen tun. Und man wünscht sich, dass man etwas Besseres ist, als ob das der Weg zum Glück wäre oder irgendeine persönliche Befriedigung, wenn man auf andere herabsehen kann, also ich weiß nicht, ob das... ob man sich das wünschen sollt’, und es ist – das ist vielleicht gemein – aber es hört sich so an, als ob pubertäre Minderwertigkeitskomplexe dahinter stecken würden, also teilweise...

Johannes:

Gibt’s das noch heutzutage?

Melanie:

Ja, ich glaub’ schon. Aber man könnte sicher mehr daraus machen, indem man sich vielleicht weniger klischeehafte und weniger menschenverachtende Wünsche hätte.

Johannes:

Oder mehr!

Stefanie:

Ja, ich denke mir einmal, jeder hat einmal in irgendeiner Situation solche Gedanken. Dass man das jetzt auf zwei Seiten so richtig ausformulieren müsste, ist, glaube ich, zu wenig Stoff für eine Geschichte. Ich glaube, man hätte den Wunsch oder das Gefühl vielleicht anders verpacken können. Nicht ausformulieren oder gerade dahin sagen, sondern vielleicht in eine andere Situation hineinpacken oder so.

Gábor:

Ich weiß nicht, entweder habe ich den Text vollkommen falsch verstanden... Aber ich finde ihn an und für sich ganz gut. Und zwar eigentlich genau in dem, wo alle gesagt haben, dass sie das negativ gefunden haben. Ich finde es genau so gut. Das zieht sich durch, dieses "Ich würde..." und blablabla. Also ich finde das ziemlich gut. Ich glaube nicht, dass sie das wirklich ernst gemeint hat. Ich meine, ich kenne sie nicht, es kann sein, aber... Mir scheint das aber eher so, dass sie das nicht persönlich meint, das "Ich würde...", sondern allgemein, und eben gerade diese Klischees, die passen alle rein. Ich meine, das zieht sich einfach durch, das sind alles sehr bekannte Bilder. Das, was mich allerdings stört, ist dieses "unsichtbar". Das mit der Prinzessin finde ich gerade gut, aber ich glaube, das würde reichen, wenn nur die Prinzessin-Geschichte allein dastehen würde. Ja, und den Schluss mit der Wirklichkeit finde ich etwas zu abgedroschen. Aber sonst finde ich das eigentlich ganz gut.

Christof:

Also du glaubst, dass das ironisch gemeint ist?

Gábor:

Ja, auf alle Fälle, ich glaube nicht, dass sie das so gemeint hat.

Olaf:

Wo zeigt uns der Text, dass es ironisch gemeint ist?

Gábor:

Ja, das Ganze in sich ist irgendwie...

 

Christof:

Ich würde sagen, wenn der Text ironisch gemeint wäre, dann wäre sie doch sicher stärker, die Ironie.

Gábor:

Ja, das könnte man vielleicht stärker machen. Aber dieses dauernde "Ich würde..." und diese ganzen abgedroschenen Bilder. Es ist schon so übertrieben, dass es wiederum für mich nicht mehr wirklich ernst zu nehmen ist. Alles in allem wirkt das ironisch auf mich, würde ich sagen.

Susanne:

Um mich gleich einmal auf die andere Meinung zu beziehen: Ich glaube nicht, dass das ironisch gemeint war. Ich fand’s irgendwie relativ banal. Für mich ist es ziemlich uninteressant, weil ich glaube, das kann ich auch in meiner Klasse finden, das fand ich irgendwie ein bisschen so ein pubertäres "Hässliches Entlein wünscht sich zum Schwan", und das ist für mich eine Art bekennendes Gewinsel. Ich glaube nicht, dass ich so etwas brauche. Also, ich muss so etwas nicht unbedingt lesen, würde ich sagen.

Elisabeth:

Ja, ich habe in diesem Text gesehen, was bereits mehrmals angesprochen wurde, also dieses Kindliche, dieses Naive, dieses sich Wünschen, dass man eben eine Prinzessin ist, das kommt einem ja nur im wirklichen Kindergarten vor, dass man sich als Prinzessin verkleidet und so. Und natürlich, es hat etwas Aufsatzmäßiges mit diesem "Manchmal wünschte ich, ich wäre..." und ich finde, es vermittelt schon ein gewisses Gesellschaftsbild. Wenn’s ironisch gemeint ist, dann hat sie’s nicht so schlecht gemacht, aber es ist mir trotzdem zu wenig, zu wenig Ironie. Wenn es ironisch gemeint ist... Man bemerkt’s nicht so, denke ich. Also ich weiß nicht, wenn’s ironisch gemeint war, dann müsste sie das stärker herauskristallisieren. Wenn’s nicht ironisch gemeint ist, dann ist es nichts Besonderes. Das schreibt man vielleicht ins Tagebuch, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Julia:

Ja, ich kann mich eigentlich nur anschließen, was die anderen gesagt haben. Was mich zusätzlich ein bisschen stört, ist dieses Schwarz-Weiß-Sehen, was Gut und Böse ist, dass man das so leicht unterscheiden kann und das Gute sich herauskristallisiert – und dass man da immer dazu gehört. Naja, ich denke, das ist kindliche Naivität. Und sonst wurde mehr oder weniger alles gesagt.

Cordula:

Also, ich finde, da ist absolut nichts Ironisches dran, und ich finde, dass das eine ziemliche Übertreibung sein muss, dass sie sich das denkt, weil ich nicht glaube, dass sie eine größenwahnsinnige Psychopathin ist, weil so viele wird es ja auch nicht geben. Und ehrlich gesagt, das letzte Mal, als ich eine Prinzessin sein wollte, das war im Alter von vier Jahren. Ich kann dem absolut nichts abgewinnen.

Helena:

Ja, zuerst habe ich gedacht, sie versucht sich als Märchenerzählerin oder so etwas. Sprachlich finde ich es auch total flach und auch ziemlich naiv, und banal und ohne Tiefe.

Marina:

Ja, mich erinnert das ein bisschen an diese "Fantadu"-Bilderbücher. Ich weiß nicht, ob ihr die kennt. Hm, also, ich finde, das klingt einfach so ein bisschen bilderbuchmäßig und... Ich find das süß, aber ich find das auch nicht schön oder so. Und, ja, ich find es auch nicht besonders. Ich find es jetzt nicht so schrecklich wie so manch anderer hier. Aber ich fand’s nicht gut.

Eva-Maria:

Ja, für mich macht das so ein bisschen den Eindruck, dass es schnell hingekritzelt ist. Gerade das, was mir durch den Kopf geht, das habe ich jetzt hingeschrieben, aber nichts überarbeitet, nicht darüber nachgedacht. Am Anfang ist es unheimlich seicht. Da habe ich mir schon gedacht, nein, ich schalte jetzt ab und denk mir etwas anderes, dann ist mir aber aufgefallen, je weiter sie sich als Prinzessin beschreibt, da kommt irgendwie irgendetwas von ihrer Seele heraus, und zwar, dass sie mit ihrem Selbstbewusstsein wahnsinnig zu kämpfen haben muss, weil sie sich von anderen Menschen wünscht, dass sie die zu ihr aufsehen, sie bewundern, was sie auch mit der Körpersprache sehr gut zum Ausdruck bringt: Sie würde gerne irrsinnig souverän wirken, wird es aber wahrscheinlich im wirklichen Leben aber nicht sein. Im Teil dann, wo sie unsichtbar wird, das wäre dann vielleicht der Wille zur Freiheit, dass sie sich aus den gemachten Käfigen herausarbeiten will, indem sie eben unsichtbar wird. An der letzten Stelle, wo sie dann eigentlich in ihrer Nähe sein sollte, wird sie meiner Meinung nach schizophren, sie ist einerseits unsichtbar, andererseits geht sie real durch die Straße. Ja, es ist der Wille zum Anderssein da, aber so wirklich rausgebracht wird das nicht.

Malte:

Vielleicht stellen wir einmal dar, was wir in diesem Text haben: Wir haben ein Mädchen, das Prinzessin sein möchte. Von allen beachtet werden will und von allen bewundert werden will. Andererseits wünscht sich das Mädchen, unsichtbar zu sein und am Ende merkt man auch, dass es wirklich unscheinbar ist. Ich würde nicht sagen "Unsichtbar", es ist unscheinbar. Ich weiß nicht, was sie genau schreibt. Das wirkt irgendwie wie ein Widerspruch in sich, sie wünscht sich, unsichtbar zu sein, gleichzeitig aber auch nicht, da sie ja unsichtbar ist. Ich denke mir, die Geschichte läuft anders ab, sie hat das jetzt ein bisschen verdreht dargestellt: Sie ist dieses hässliche Entlein, diese Person in dieser Geschichte, und wählt dann diese Einsamkeit selbst, von sich aus, ja, und wünscht sich dann aber aus dieser Einsamkeit heraus, bewundert zu werden. So stell’ ich mir das vor, insofern ist es gar nicht so schlecht, weil durch dieses Verdrehte sich was Interessantes ergibt, sodass man darüber nachdenkt. Ja, also so übel ist der Text auch wieder nicht.

Jan:

Als ich den Text angefangen habe zu lesen, habe ich erst mal gelacht, weil ich das, diese Phantasie, eine Prinzessin zu sein und diese ganze Macht zu haben, das fand ich eigentlich eine ziemlich lustige Idee. Nur finde ich es nicht extrem genug durchgespielt, also. Ich fand nämlich die Idee von Anselm mit der Frau des Diktators total lustig. Da kann man was ganz Extremes draus machen, genau wie aus dem Unsichtbaren, da kann man sich sicher lustige Sachen ausdenken, die man dann macht, und nicht nur, dass man von den Leuten in Ruhe gelassen wird. Von da fand ich es erst mal ganz gut, ich fand nur, dass diese Synthese ein bisschen die Pointe verschenkt. Sie sagt ja dann eben: Irgendwie ist sie im wahren Leben dann gar keine Prinzessin, sondern ist sie unscheinbar, fühlt sich irgendwie hässlich und will von den Leuten auch überhaupt nicht gesehen werden. Ich hab also dann drauf gewartet, dass dann einen Gegensatz zu den beiden ersten Teilen gibt. Also zuerst der Gegensatz zur Prinzessin, dass sie vielleicht ganz hässlich ist, und arm und so. Und zum Zweiten, dass sie eben trotzdem gerade im Rampenlicht steht, und gerade trotzdem von allen gesehen wird. Vielleicht wird sie gehänselt oder so was. Dass beiden ersten Teilen das Gegenteil entgegengestellt wird, das hätte ich dann so ein bisschen wie eine Auflösung empfunden. Aber so ist es ein bisschen halbherzig, dass sie zwar keine Prinzessin, sondern das Gegenteil ist, also irgendwie hässlich, oder irgendwie feige, das sagt sie ja: "Ich bin feig." Irgendwie versucht sie ja, unsichtbar zu sein und schafft das nur nicht. Und das fand ich dann nicht so gut an dem Text. Ich glaube, wenn man das alles ein bisschen extremer machen würde, dass man da was ganz Lustiges daraus machen kann.

Und was ich ganz prinzipiell nicht so gut an der Kritik fand: Ich finde es nicht richtig, wenn man aus so einem Text so eine Psychoanalyse macht. Da muss man auch dazu sagen, die Autorin ist übrigens erst 14 und das ist ja was anderes, wenn man einen Text mit 18 schreibt oder mit 14. Und ich find’s nicht gut, wenn man dann... Ich meine, ich denke mir das ja auch, wenn ich es lese. Aber wenn wir das hier aufnehmen, ich denke, sie wird das ja zu lesen kriegen, als Feedback für sie. Und wenn sie dann nur hört: "Ich kann damit nichts anfangen" oder "Ich find’ das doof" oder "Scheiß Text", das bringt ihr überhaupt nichts, außer dass vielleicht genau die Situation vielleicht noch schlimmer wird. Ich finde, man sollte nicht versuchen, vom Text aus auf den Autor zu schließen, sondern über den Text zu reden.

Malte:

Es wurde aber doch über die Person in dem Text geredet und nicht über den Autor.

Jan:

Ja, schon, aber mir kam das vor wie so eine Persönlichkeitsanaylse der Autorin.

Christof:

Ich hatte den Eindruck bei Malte aber nicht, ich hatte eher den Eindruck, dass er den Text ein wenig überinterpretiert. Dass du da schon Sachen siehst, die sich die, die das geschrieben hat, vielleicht nie gedacht hat.

Malte:

Ja, wenn sie es nicht gedacht hat, liegt ja darin ihre Stärke. Dass sie so etwas automatisch offenbar darstellen kann.

Olaf:

Ist das jetzt hier ein Kriterium, was sich jemand dabei gedacht hat? Also wenn ich jemanden frage: "Hast du dir das dabei gedacht?" und der sagt "Nee", was machen wir dann? Was machen wir mit Leuten, die schon gestorben sind, dann ist es ja völlig zum Verzweifeln. Die können wir ja nicht mehr fragen. Also ich würde sehr dafür plädieren, was wir ja schon gesagt haben, den Text so zu nehmen wie er ist und nicht darüber zu spekulieren, was sich jemand dabei gedacht haben könnte. Aus meiner Sicht bringt das sehr wenig. Das sind Spiele, die eigentlich keinem – jedenfalls in der Interpretation – Gewinn einbringen.

Christof:

Ja, ich verstehe schon, was Sie meinen. Und wenn wir darüber jetzt diskutieren, dann kommt sicher eine lange Diskussion dabei heraus. Nur finde ich, man sollte nicht in das Radikal fallen, Texte künstlich überzuinterpretieren, also Dinge hineinzuinterpretieren, die einfach nicht da sind. Das möchte ich eben ansprechen. Wobei ich auch noch sagen wollte, irgendjemand hat gesagt "Das ist menschenverachtend". Das kann ich wieder nicht feststellen, also dem möchte ich doch ganz klar widersprechen.

Melanie:

Ich habe damit nur gemeint, dass sich das für mich so anhört, wenn jemand meint, er will etwas Besseres, dass die ganzen Heuchler einem zu Füßen liegen. Dann hat das für mich etwas Menschenverachtendes. Persönlich habe ich damit Probleme, wenn jemand so eine Einstellung hat, ja.

Christof:

Ich meine, ich finde den Text insgesamt nicht sehr gelungen, ja. Aber für mich kommt am Schluss für mich doch heraus, dass nicht sie die Menschen verachten will, sondern dass sie der verachtete Mensch ist. Einer, der nämlich nur anerkannt werden kann von den Leuten auf der Straße, wenn er genau so ist, wenn er genau das Gleiche sagt, bis zu einem gewissen Grad unsichtbar wird. Und ich glaube, da unterstellt man in einem gewissen Grad etwas. Der Unterschied zwischen uns beiden ist wohl, dass ich die Person eher als Opfer sehe und du eher als Täter.

Jan:

Also ich finde, dass das ganz klar im dritten Teil drin steht, dass das lyrische Ich, also die dritte Person des lyrischen Ichs, ganz klar das Opfer ist. Der es schlecht geht in der Gesellschaft. Also das steht da ganz klar. "Ich wünschte, ich wäre eine Prinzessin. Bin ich aber nicht. Und ich bin auch nicht unsichtbar." Ich will hier nicht belehren, ich fand das nur ganz klar. Ich verstehe jetzt nicht, warum da jetzt darüber diskutiert wird, ob das jetzt ein Opfer oder ein Täter ist. Ein Gedankenverbrecher sozusagen, aber ansonsten...

Martin:

Aber das ist jetzt wirklich zu komplex, das führt einfach zu weit weg vom Text.

Olaf:

Nur wenn man über Prosatexte spricht, ich glaub‘, das war ein Prosatext, oder? Ich würde vorschlagen, nicht "lyrisches Ich" sondern "Erzählerin", hier will ich einmal belehren, ich kenn’ das nur so. Also die Erzählerin: Was mich an dieser Erzählerin interessiert hat, war eben diese vereinsamte Seele, die ich eben aus diesen Phantasien heraus gehört habe. Was mich gestört hat, war, wie sich mir diese vereinsamte Seele vermitteln wollte, das waren eben diese Klischeebilder, diese Allmachtphantasien. Also wenn ich mir eine Allmacht vorstelle, König oder Prinzessin, also Reaktionäreres gibt es ja kaum. Wir haben ja nur noch solche Schaubudenfiguren als Prinzessinnen, da muss man dann schon bei Märchen Anleihen machen oder so übersteigern, dass es schon wieder gut wird.
Was ich wiederum interessant fand bei dem Text: dass das Unsichtbarsein und das Prinzessinsein eigentlich zwei Seiten der selben Medaille sind. Wo diese vereinsamte Seele noch sichtbar ist und sich wehren muss, braucht sie natürlich Allmacht, um die anderen zu unterdrücken. Und wo sie unsichtbar ist, ist sie eben nicht im Kreuzfeuer und kann sich durchs Leben schlängeln, aber das ist ja natürlich überhaupt nicht alles ausgeführt. Es bleibt alles bei diesen wirklich sehr, sehr dürftigen Klischees.

Martin:

Ja, ich möchte vielleicht ein bisschen was sagen zur Ehrenrettung der Autorin. Also es gibt schon wesentlich bessere Texte von ihr. Sie hat ja auch diesen und einen anderen Text in die Tratschecke gestellt und hat immerhin einen dritten Preis bekommen unter 80 Texten. Das heißt also...

Johannes:

Aber doch nicht mit diesem?

Martin:

Nicht mit diesem, mit dem Vakuum-Text glaube ich, also so schlecht kann sie wieder auch nicht sein, wie sie vielleicht durch den Text jetzt erscheint, aber das ist jetzt nur Hintergrundinformation. Vielleicht ist es auch das Unglück, wenn jemand, der in der Prosa ziemlich gut unterwegs ist, sich versucht in so einer Art Lyrik. Wo man vielleicht versucht, so ein bisschen mit Bildern zu arbeiten und wo man dann vielleicht nicht die richtigen erwischt. Weil an sich geht es für mich schon in die Richtung Lyrik, auch wenn es jetzt vielleicht nicht unbedingt ein Gedicht ist, aber es wird eben einfach in diesem Text sehr viel mit Bildern gearbeitet. Und da sind es auch sehr viel gängige Bilder, die verwendet werden, so wie etwa der Prinz, der mit dem sanften Kuss die Prinzessin aufweckt. Dann sind wieder auch Allgemeinplätze, also Formulierungen, die sehr allgemein klingen, wie z.B. "Für mich gäbe es keine Grenzen." Das ist wieder so ein Satz, der sagt sehr viel und damit auch wiederum eigentlich nichts. Da wäre es besser, ein einzelnes Bild zu bringen, was das einfach fassbarer macht als Leser. Und jetzt abgesehen von diesen Bildern, die irgendwie nicht so besonders originell sind, und eben diesen allgemeinen Formulierungen, glaube ich auch, dass man da vom Aufbau her auch noch mehr machen könnte. Einfach, indem man vielleicht diese drei Teile, aus denen das Gedicht jetzt eben besteht, dieses "Manchmal wünschte ich, ich wäre eine Prinzessin." und dieses "Manchmal wünschte ich, ich wäre unsichtbar." und am Schluss eben die Wirklichkeit, dass man das einfach miteinander stärker in Beziehung setzt. Vielleicht auch untereinander noch ein bisschen stärker verdichtet, damit das Ganze noch spannender wird, von der Struktur her. Also ich glaube, da könnte man noch was dran machen.

Johannes:

Also ich habe den Text gehört und all diese Bildaufzählungen, die manchmal unglücklich sind und war dann am Ende immerhin froh, dass es diese Ironie gab: Dieses Ich, dieses ist im Alltag eine unscheinbare Figur. Dieses Kippen hat den Text für mich überhaupt ertragbar gemacht und das liegt nicht unbedingt daran, dass ich da ein inhaltliches Problem hätte, aber es ist ein formales, wie Martin schon sagte. Insofern schließe ich mich an. Man hätte das wahrscheinlich straffen können. Weil ich glaube, zehn Bilder aufzuzählen und das wirklich Treffende nicht zu erwischen, das ist dann eben auch schade, das verlängert nur den Text. Ein strukturbildendes Mittel ist in solchen Dingen oft, wenn man Dinge aufzählt, dass es eine Steigerung und eine Richtung gibt, das die Dinge miteinander zu tun haben. Ich glaube, an dem Text kann man noch arbeiten, insofern klingt das an, das man das vielleicht hingeschrieben hat und nicht noch einmal überarbeitet hat. Was mich auch sehr gestört hat, diese – gut, vielleicht nicht unbedingt Naivität, weil die Prinzessin steht so im Raum – aber es ist auf jeden Fall dumm, weil.... (Lachen in der Runde) Doch wirklich, das ist ’ne Dummheit an dieser Stelle. Ich kann verstehen, dass dieses Ich etwas Besonderes sein will, aber im gleichen Atemzug – und da steht vielleicht noch ein Komma dazwischen – sagt sie, etwas Besseres. Da liegen Welten dazwischen. Das ist glaube ich das, was der Text nicht durchdacht hat. Bei aller Ironie und bei allem, das geht unkommentiert da durch, und das ist vielleicht die Stelle, die Melanie mit "unmenschlich" gemeint hat. Also ich habe da an der Stelle Schwierigkeiten damit. Da wird nirgends ironisiert. Das wird einfach gleich gesetzt. Und das halte ich für eine schwierige Sache. Eine dumme Sache.