Kritik zum Text "Abschied" von Marina Martinez Mateo
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 2. Februar 2001 in Graz statt.
Martin:
Was mir sehr aufgefallen ist: Daß dieser Text sehr lang ist. Es ist ja überhaupt schwierig, einen so langen Text durchzuhalten, beim Schreiben. Mir hat es irgendwie gefallen, diese Idee von diesem Mann da weiß man eigentlich nicht genau, ist der jetzt real, oder ist es doch nur etwas, was sich diese Ich-Erzählerin vorstellt daß das so vermischt wird miteinander.
Es bleibt in dem Text halt leider vieles im Unklaren. Man würde vielleicht doch gerne ein bißchen mehr erfahren über diese Person, die offensichtlich doch eine sehr große Rolle spielt. Außer, daß sie immer diesen grimmigen oder furchterregenden Blick hat vielleicht gibt es da doch noch ein bißchen mehr zu sagen, wie man den vielleicht beschreiben könnte.
Was mir auch auffällt, ist, daß doch sehr vieles so aus einer Distanz geschrieben ist, wo man das Gefühl hat, da ist diejenige, die das erzählt, doch eher unbeteiligt. Was mit dem Ganzen aber eigentlich nicht zusammenstimmt, weil diese Person ist eigentlich kurz davor, sich umzubringen. Nur als ein Beispiel: "Als das Gefühl der Panik endete" das klingt irgendwie sehr weit weg, aus großer Entfernung beobachtet. Oder die Formulierung "Diese unbegründbare Angst, die in der letzten Zeit so oft in mir aufgekommen war, erschien wieder in meinem Herzen und breitete sich mit so einer unglaublichen Geschwindigkeit über meinem ganzen Körper aus " Also, ich denke, wenn man wirklich in so einer Angstsituation ist, dann empfindet man das einfach anders.
Ich würde vielleicht versuchen, bei den Beschreibungen ein bißchen mehr bei den Gefühlen zu bleiben, weil es ist doch eher eine emotionale Situation, die da beschrieben wird. Also, wenn man kurz davor ist, sich umzubringen, da gebraucht man, glaube ich, nicht so ausgefeilte Formulierungen, sondern da ist man einfach spontaner, direkter vielleicht. Wie überhaupt sich für mich jetzt die Frage stellt, ob jemand, wenn er so kurz davor ist, sich umzubringen, tatsächlich einen so ausführlichen Brief schreibt, in dieser Form.
Es waren auch manche Szenen, wo man sich nicht so genau auskennt, z.B. einmal wird erwähnt, daß die Ich-Erzählerin die Schule schwänzt, es kommt eigentlich sehr plötzlich, oder, was auch irgendwie ein bißchen unverständlich ist, diese Szene in der Pause, wo man sich denkt, da geht es eigentlich drunter und drüber, da sind hunderte Schüler wahrscheinlich, und dann ist sie aber auf einmal allein mit dem Mann beim Getränkeautomaten okay, das könnte eben vielleicht auch so eine Stelle sein, wo die Geschichte von der Realität auf einmal kippt in so eine Art Traumwelt, Alptraumwelt. Aber an dieser Stelle hab ich geglaubt, der Mann ist jetzt wirklich real da, das stellt sie sich nicht nur vor. Das machts dann vielleicht schwierig. Oder sie verbringt die ganze Woche auf einer rostigen Schaukel das ist vielleicht doch nicht ganz zutreffend, etwas übertrieben. Vielleicht empfindet sie es o. Aber es ist einfach unpräzise, an der Stelle.
Oder auch, wie dieser Satz fällt: Es gibt kein Zurück wahrscheinlich, sich umzubringen, das ist unausweichlich das wirkt an dieser Stelle für mich einfach unmotiviert. Oder diese eine Stelle, wo die menschliche Welt angesprochen wird, und "ihr" irgendwie der Zugang zur anderen fehlt wo man sich als Zuhörer fragt, was dann eigentlich die andere Welt? Oder auch diese Stelle, wo der Mann sie berührt und da heißt am Schluß einfach nur: "Als er fertig war mit mir " Da denke ich mir, da ist vielleicht doch ein bißchen mehr passiert, wenn das mit ein Grund ist, sich umzubringen.
Auch dieses nachgestellte Tagebuch von der Mutter, das ist irgendwie so hinten drangehängt. Wenn, dann müßte man vielleicht mit dem Tagebuch anfangen und daß es vielleicht am Schluß wieder kommt, z. B. daß die Mutter ins Tagebuch schreibt, daß sie jetzt diesen Brief gefunden hat, und sie beschäftigt sich damit, da könnte man zwischendurch vielleicht immer wieder einmal auch die Sicht der Mutter mit reinbringen, das wäre vielleicht auch noch eine Möglichkeit, die Geschichte ein bißchen besser zu gliedern. Oder, was für mich auch nicht so ganz verständlich war, warum die Mutter glaubt, daß ihre Tochter zu alt war für Mutter-Tochter-Gespräche.
Aber ich finde es wirklich beachtlich, daß jemand mit 13 oder 14 Jahren so einen Text zustandebringt.
Christine:
Ich finde, daß der Text relativ zäh wirkt, sie wiederholt sich immer wieder, es sind immer die gleichen Szenen, der Traum, und sie ist erschrocken vielleicht könnte sie das etwas detaillierter bringen, prägnanter, mehr eingehen darauf. Es kommt immer das Gleiche aber vielleicht will sie das auch so. Wegen der anderen Welt: Das vermischt sich dann auch; einmal ist es die Traumwelt, einmal ist es das Jenseits. Wobei sie es so relativ gut aufbaut. Aber vielleicht sollte man das rausstreichen, was man nicht wirklich braucht. Weil ich finde, der Text geht ein bißchen an der Länge zugrunde. Schon, daß man die Wiederholungen drinnen läßt. Aber daß sie auf die dann genauer eingeht, vielleicht auch noch auf die Gestalt des Mannes. Und vor allem am Schluß, sozusagen, wo er sie dann vergewaltigt oder niedermetzelt oder so, daß sie das noch genauer beschreibt, denn das ist doch eine sehr interessante Stelle. Denn am Anfang verfolgt er sie ja nur. Und ich hätte mir nicht gedacht, daß er am Schluß noch das von ihr will.