Kritik zum Text "Mein Vater" von Rafael Fritsch

(Auszug)

Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 26. Jänner 2001 in Graz statt.

Martin:

Von der Idee her finde ich es schon einmal nicht schlecht. Also sicher etwas, das was hergibt für eine Geschichte. Nur mit der Ausführung hab ich halt so meine Probleme.

Und zwar, das eine wäre einmal die Tagebucheintragung, die für mich irgendwie doch sehr konstruiert wirkt. Das ist, glaube ich, nicht die Sprache, die dieser Mensch wirklich verwenden würde… Ich weiß jetzt eigentlich gar nicht, aber mir kommt schon vor, daß der, der das geschrieben haben soll, sozusagen ein Judenhasser ist. Aber es wirkt halt so aus einer Distanz geschrieben, daß auch die Position gar nicht so richtig klar wird, die der Tagebuchschreiber bezieht.

Und das zweite wäre eben, die Szene dann, die sozusagen die reale ist – da sind teilweise schon Stellen drinnen, wo man das Gefühl hat, da ist der Autor irgendwo beteiligt. Aber dann sind eben doch viele Stellen, wo es aus einer Distanz heraus geschrieben ist, bis hin zu Stellen, die in der Form eigentlich gar nicht funktionieren. Zum Beispiel die eine Stelle, wo er zuschlägt mit dem Knüppel, und der Geschlagene nickt dann auch noch mit dem Kopf. Das kann ich mir nicht vorstellen, daß sich eine Szene wirklich so abspielt.

Da wäre noch sehr viel an Arbeit nötig, damit diese Geschichte wirklich rund wird.

Sonja:

Für mich ist die Tagebucheintragung irgendwie unmotiviert, weil, es wird zwar eh im Text gesagt, daß der Vater Nationalsozialist ist – die könnte man vielleicht sogar weglassen oder einfach verkürzen. Ich verstehe auch nicht, was der Vater meint, wenn er sagt: "Ich habe geschafft, was ich all die Jahre erreichen wollte." Das macht es zwar irgendwie spannend… Aber ich kenn mich da nicht aus.

Und es ist ziemlich brutal, von der Sprache her, vor allem am Schluß. Weil, normalerweise, über den Vater schreiben die wenigsten auf die Art und Weise. Aber die Geschichte selber gefällt mir sehr gut, vor allem, weil eine Spannung aufgebaut wird. Und die Sprache ist auch recht schön.