Kritik zum Text "Eine Geschichte" von Kathrin
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 1. Dezember 2000 in Graz statt.
Anselm:
Als allererstes: Der Titel ist vielleicht für den Archivar etwas, aber nicht für diesen Text. Zweitens: "ducken" will ich nie mehr lesen, und "Suchtrupp" Was mich vor allem stört: es ist nur so ein kurzer Auszug, und mit nicht sonderlich viel Spannung. Sie schreibt eigentlich überhaupt nichts, das irgendwie interessant wäre. Es ist klar: Sie will stark sein. Es ist alles klar, das weiß man. Das ist logisch, das kann man sich denken. Es ist überhaupt nichts anderes, nichts Originelles drinnen. Nur Aussagen, die man eh schon kennt. Zusätzlich hat das Ganze nicht einmal eine Handlung, sondern ist nur so ein kleiner Auszug, bei dem eigentlich überhaupt keine Spannung da ist. Mich interessiert es nicht sonderlich, wie sie sich fühlt, weil irgendwer stirbt, weil irgendwelche bösen Leute und die Welt so schlecht ist. Das Ende da frage ich mich, was das soll. In gewisser Weis hats natürlich schon einen Sinn. Aber leider keine Wirkung. "Die anderen werden schon auf uns warten, ich muss ihnen die Nachricht überbringen." Okay, das sagt etwas über die Situation da drüben aus, so eine Art Kriegszustand aber "ich muss ihnen die Nachricht überbringen" man liest das nicht fertig und denkt sich: Schafft der es jetzt? Und "Micke" das klingt so deutsch, das gefällt mir nicht.
Sonja:
Man hat am Anfang irgendwie das Gefühl, daß sie gerade einen Erste-Hilfe-Kurs besucht hat. Weil sie so genau beschreibt, wie sie oder er das Hemd in Streifen reißt, und genau etwas abbindet, um jemanden zu retten, der eigentlich nicht mehr zu retten ist. Es gibt sprachlich auch nicht viel her. Es ist keine Spannung aufgebaut. Es ist eine nüchterne Betrachtung. Und ich finde, es ist auch schwierig, etwas in der Gegenwart zu schreiben. Wenn, dann muß man daß spannender machen oder emotionaler. Es hat mich nicht direkt berührt. Und das mit den 10 Minuten finde ich irgendwie blöd: "Gib mir 10 Minuten. Gib mir 10 Minuten, um schwach zu sein." Und dann: "Die 10 Minuten sind um." Und das mit dem Container finde ich sehr makaber. Und zum Schluß weint er doch wieder, obwohl er sich schon zusammengerissen hat. Die Situation wird einfach irgendwie beschrieben, aber es ist für den Leser nicht besonders aufregend und lesenswert, würde ich sagen.
Christine:
Falls dieser Text so jetzt vollständig ist, dann fehlt auf jeden Fall, worum es sich handelt. Weil, sie kann nicht von einem Suchtrupp schreiben Okay, ich kann es mir denken. Es kann vielleicht eine Verfolgung sein, die könnten aus dem Gefängnis ausgebrochen sein, es könnte Krieg sein, das finde ich, gehört wenigstens kurz irgendwie beschrieben, oder besser eingeleitet. Und das mit den "10 Minuten schwach sein" finde ich eigentlich gar nicht so schlecht, nur ich hätte es vielleicht noch ein bißchen anders beschrieben. Was mich am Anfang noch gestört hat, ist, wie er ihn am Boden liegen sieht: "Aus der Wunde an deiner Stirn läuft dein Lebenssaft aus." Also, ich schätze kaum, daß der noch am Leben ist, wenn er einen Schläfenschuß gekriegt hat, und er stribt da jetzt langsam vor sich hin. Wenn er einen Schläfenschuß gekriegt hat, ist er sicher gleich tot, oder er ist verfehlt worden. Und ich weiß auch nicht, warum er ihn dann unbedingt noch verbinden muß, in die Mülltonne reinwirft und die Nachricht, die er den anderen bringt: Handelt es sich jetzt um die Nachricht, daß der jetzt gestorben ist, oder waren die vorher irgendwo unterwegs, haben ein Nachricht erforscht Es ist einfach vieles unklar. Und das könnte sie/er noch klären.
Martin:
Wie schon gesagt wurde: Es ist ein Text der vieles offen läßt, viele Fragen. Man weiß eigentlich nicht, was die äußere Situatuion ist, wo sich das Ganze abspielt. Über die Umstände erfährt man eigentlich nichts. Es wird einfach einmal von einem Suchtrupp gesprochen, aber eigentlich nicht, wer da jetzt wen sucht oder: "Die anderen werden schon auf uns warten" Wer die "anderen" sind, wird nicht klar. Oder "Das Elend, das sich hier mit jedem Tag vergrößert" warum dieses Elend, was für eine Art von Elend überhaupt, das wird eigentlich nicht richtig beschrieben. Vom Sprachlichen her ist es nicht schlecht, muß man sagen. Stilistisch fallen nur einige wenige Dinge heraus. Z.B. "läuft dein Lebenssaft aus" finde ich, ist ein schlechter Begriff für Blut, zumindest an der Stelle, oder "die lebenswichtige rote Flüssigkeit" ist für mich auch keine elegante Lösung. Es wirkt insgesamt wie ein Ausschnitt von etwas Größerem. Wenn es nur so als Geschichte stehen soll, bleibt zu vieles offen.
Christine:
Auch der Titel "Eine Geschichte" bezieht sich zuwenig auf den Text. Beim Titel könnte man schon viel verbessern.
Martin:
Man könnte vielleicht mit dem Titel ein bißchen was an Erklärung mit dazu geben. Daß man versteht, wo die Geschichte angesiedelt ist. Aber ich finde den Einstieg schon gut: "Ich ducke mich. Der Suchtrupp rennt an mir vorbei. Sie haben mich nicht gesehen."
Christine:
Da ist man gleich voll drinnen. Es geht gleich los.
Martin:
Genau. Da entsteht sofort ein Bild.