Kritik zum Text "Unfreier Vogel" von Rebekka Reimers

(Auszug)

Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 1. Dezember 2000 in Graz statt.

 

Sonja:

Ich finde den Reim leider irgendwie aufgezwungen. Die Worte passen nicht wirklich zusammen, dadurch kommt auch keine richtige Stimmung auf, finde ich. Weil man richtig merkt, daß der Reim nicht von allein kommt. Und dieses "Wirst nie mehr sehen das Licht" – das ist kein schöner deutscher Satz, da stolpert man einfach drüber, und er paßt überhaupt nicht ins Schema hinein. Und … es ist nichts Besonderes. Am Anfang "Ketten des Gewissens" – ja, nette Metapher, oder das Bild "Käfig aus Trauer und Angst" ist auch noch gut, aber dann wird es immer schlechter, kommt mir vor. Vielleicht könnte man versuchen, ohne Reim die gleichen Gefühle auszudrücken. Ich finde, der Reim zerstört das Gedicht. Und die Interpunktion ist sinnlos.

Anselm:

Grundsätzlich ist es so, daß Gedichte, die sich reimen, nicht unbedingt leichter sind als sonstige, wenn man das so sagen kann. Weil sie sich ja nicht nur reimen sollen. Was mir wieder abgeht: Es ist wieder überhaupt nichts. Von der Bildern her – da will ich jetzt am Anfang gar nicht darauf eingehen. Aber es ist nicht ein schöner Rhythmus … es muß schon ein schöner, ein gleichmäßiger Rhythmus oder vielleicht irgendwo einmal ein Bruch sein, wenn sich ein Gedicht schon reimt. Und ich hoffe doch, daß ihr ein bißchen ein besseres Versmaß einfällt. Es geht nicht nur darum, daß sich die Wörter gut reimen, sondern daß es zusammenpaßt, in einem Fluß, in einem Gedicht. Und das hat sie eben überhaupt nicht gemacht. Es fehlt auch die Sprache in dem ganzen Gedicht. Ich hab kein einziges Bild wirklich gehabt. Es gibt einige Bilder, die waren aber nicht wirklich in mir drinnen. Vor allem wechselt das Ganze … An ihrer Stelle würde ich ein bißchen mehr Gedichte lesen.

Martin:

Beim Vorlesen klingt es irgendwie gut, weil es hat doch so einen Klang und einen gewissen Rhythmus, der jetzt zwar nicht einem bestimmten Schema folgt, was aber vielleicht auch nicht unbedingt muß ist. Aber so richtige Bilder, die besonders gelungen wären … finde ich eigentlich nicht so richtig. Vieles sind halt Bilder, die schon oft verwendet worden sind … "Käfig aus Trauer und Angst" ist vielleicht auch nicht so aufregend, "Ketten des Gewissens" ist vielleicht in der Kombination ungewöhnlich, interessant. Aber die schweren Flügel und das Zum-Meer-Fliegen ist wirklich nicht besonders originell. Ich würde bei der Auswahl der Bilder einfach strenger sein. Und vielleicht auch schauen, daß die mehr zueinander stimmen. Erst einmal sind wir beim Käfig, und dann sind wir am Meer und bei der Flut, dann sind wir wieder irgendwo im dunklen Raum, dann sind wir wieder irgendwo draußen, beim Grün und bei den Blumen, die blühen – und am Schluß, wenn das Glück kommt und das Licht, da wird es sehr abstrakt. Ich glaube, da gehört noch vieles gemacht. Von der Auswahl der Bilder her und von der Art und Weise, wie die Bilder angeordnet werden. Und da würde ich im Zweifelsfall lieber doch verzichten, ein Reimgedicht daraus zu machen, wenn die Reime zu gezwungen werden.