Kritik zum Text von Bobby Jolly
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 1. Dezember 2000 in Graz statt.
Sonja:
Es ist interessant: Es ist viermal hintereinander eine Aufzählung von Eigenschaftswörtern zu Nomen. Und dann plötzlich kommt dieses "langsam nagend", dann die "spröde lebenskraft" das paßt überhaupt nicht zusammen, finde ich. Wenn er lauter Hauptwörter hintereinander schreibt und die irgendwie beschreibt, und dann plötzlich ein Zeitwort rein wirft und dann wieder ein Hauptwort, wieder ein Zeitwort und dann "nur noch gedanken/ verfallend/ nie entschwindend", ein Gerundiv Es sagt meiner Meinung nach überhaupt nichts aus, wirkt irgendwie schon lebensmüde, aber es hat für mich keine Struktur es paßt einfach nicht. Also, was mir eben aufgefallen ist: Daß das "langsam nagend" einfach rausfällt aus dem Ganzen und dann zum Schluß es überhaupt sehr abstrakt wird, man hat das nicht mehr nachvollziehen können.
Anselm:
Es ist folgendes Problem: Es hat nämlich zwei Fehler. Das Erste: Es hat keinen Sinn. Und zweitens hört es sich auch nicht gut an. Ich glaube nicht, daß da wirklich was dahintersteckt, weil, es ist ganz offensichtlich: "langsam nagend" Ich kann mir einfach überhaupt nichts darunter vorstellen. Es hat auch überhaupt keinen Rhythmus. Und ein experimentelles Gedicht muß unbedingt einen Rhythmus haben.
Sonja:
Es ist aber auch überhaupt nicht experimentell.
Anselm:
Es fehlt einfach alles bei dem Gedicht. Es sind weder Bilder, noch eine Sprache, noch irgendein Rhythmus, wie man das vorlesen könnte, und es hört sich einfach auch nicht gut an.
Sonja:
Und man stolpert eigentlich die ganze Zeit.
Anselm:
Man stolpert, man wird hin und her gerissen, und dann, die furchtbare, unvergessene Vision am Ende entschwindet nie mehr
Sonja:
Es ist so hoffnungslos
Christine:
Wenn ich ein Gedicht lese, ist es mir wurscht, ob da jetzt Nomen oder Adjektive oder irgendetwas aneinandergereiht sind. Es muß einfach etwas aussagen, was in diesem Fall nicht zutrifft. Und es ist einfach zu wenig da. Er hat, vermute ich, irgendeinen Gedanken verfolgt, aber den hat er nicht zum Ausdruck bringen können.
Anselm:
Eine Vision hat er gehabt, eine unvergessene.
Christine:
Wahrscheinlich hat er gedacht, wenn er das einfach so aneinander reiht, dann klingt es gut, und es paßt schon so, und fertig
Sonja:
was ich gerade gesehen hab: "spröde lebenskraft" das find ich gar nicht so schlecht, Lebenskraft als spröde zu bezeichnen. Aber der Rest
Martin:
Möglicherweise steckt eine Idee hinter dem Text. Aber irgendwie erschließt er sich mir nicht richtig. Es sollte vielleicht experimentell sein, deshalb wahrscheinlich die Kleinschreibung. Aber Kleinschreibung allein macht einen Text auch noch nicht experimentell. Da wäre noch viel Arbeit nötig. Die Idee ist für mich einfach noch nicht nachvollziehbar. Es wird nicht klar, worum es gehen soll es werden viele Dinge mit großen Wörtern angesprochen, die in verschiedene Richtungen gehen, aber es ist nicht eine Entwicklung, die da beschrieben wird, oder irgendein bestimmter Zustand. Es wird vieles nur angerissen. Man kommt nicht wirklich irgendeinem Gedanken näher mit diesem Gedicht.