Kritik zum Text "Regen" von Verena Lippa
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 1. Dezember 2000 in Graz statt.
Christine:
Am Schluß, wo sie schreibt: "Ich höre die letzten Worte meiner toten Oma. Pass auf, was du dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen." Wenn man den Text darauf aufbaut, und es mit anderen Worten macht, dann könnte es irgendwie klappen, einfach wirken. Die Sprache müßte halt geändert werden, die Wortwahl müßte eine andere sein. Z.B. das mit der SMS würde ich weglassen. Sie haben sich ausgemacht, daß sie sich treffen. Und nicht: "Ich hab ihm eine SMS geschickt", und dann vielleicht auch noch den Wortlaut der SMS Das Unwichtige müßte sie einfach weglassen.
Anselm:
Mehrere Dinge: Erstens zur Sprache. Furchtbar. Zweitens die Handlung. Furchtbar. Was ist denn eigentlich passiert in der Geschichte? Es ist da weder ein Aufbau, noch sonst irgendwas. Was man daran vielleicht verändern könnte, daß sie von Anfang an nur durch diesen Regen geht und versucht, sich selber Schmerzen zuzufügen und daß sie sich das Ganze soweit in Erinnerung ruft. Das wäre irgendwie ein Aufbau, wie sie die Geschichte hätte schreiben können.
Sonja:
Ich fang mit dem Anfang an, konkret dem zweiten Satz. "Es hätten mich keine zehn Pferde vor die Türe gebracht." Das ist nett, wenn man das in der Umgangssprache verwendet. Aber es ist absolut abgedroschen. Die Sprache wirkt sehr unreif auf mich. Ich kann mit der Geschichte nicht viel anfangen. Das ist vielleicht etwas, was man in ein Tagebuch rein schreibt, oder einer Freundin. Aber es ist nicht wirklich Literatur im eigentlichen Sinne. So, wie es dasteht, ist es einfach uninteressant, wer ihr Freund ist und was mit ihnen ist sie stirbt halt zum Schluß, so hab ich das interpretiert. Ich kann mit dem Text einfach wenig anfangen.
Martin:
Was mir irgendwie gefällt an der Geschichte ist der Schluß, daß der offen bleibt. Es wird angedeutet, daß sie sich wahrscheinlich umbringt oder daß das Auto sie niederführt, sie sich vors Auto wirft aber es bleibt offen und wird nicht auch noch beschrieben. Aber insgesamt ist der Text unausgewogen. Manche Details sind zuviel, wie etwa die SMS, andere Stellen sind vielleicht wieder zu wenig beschrieben. Und die Geschichte ist eigentlich überhaupt nicht auf den Schluß hin aufgebaut. Umgangssprachliches ist in dem Text insoferne problematisch, weil der Text an sich in Hochdeutsch ist. Stilistisch wäre es durchaus möglich, nur umgangssprachliche Sätze zu verwenden wie "er hatte 180 km/h drauf". Aber das müßte dann konsequent im ganzen Text durchgehalten werden. Dann würde es funktionieren. Aber so fällt es stilistisch einfach raus aus dem Text. Da wäre also noch viel Arbeit nötig.