Kritik von: malte.borsdorf@gmx.at

ich rezensiere ausgerechnet diesen text, da bei ihm noch einiges an kritik angebracht ist. in meinen augen geht die kritik von der netzwerkstatt gerne ein bißchen unter und ist nur oberflächlicher natur, was meiner meinung nach dazu führt, das die leute nur noch oberflächliche texte schicken, da man auf tiefsinnigkeit nicht wirklich eingeht, vielleicht auch nicht eingehen kann.

ich weiß, daß man nicht erwarten kann, daß sich die literaturwerkstatt so eingehends mit diesen texten befaßt, und gerade deshalb werde ich nun mit einem guten beispiel vorangehen und einen text kritisieren.

an dem titel des textes "naive betrachtung…" sollte unbedingt etwas getan werden. für meine begriffe ist er einfach zu lang. ein titel sollte so kurz sein, daß der leser ungefähr meint, so viel über den text zu wissen, daß er sich dafür interessieren könnte. er soll nicht einen ellenlangen titel lesen, denn dann meint er entweder, man wolle sich über ihn lustig machen, oder er meint, er wisse schon anhand des titels, was in dem text geschrieben stehe (so wie es beispielsweise bei tageszeitungen häufig der fall ist – die leute lesen nur die schlagzeile, vielleicht allerhöchstens noch die einleitung des artikels, und meinen, sie seien nun hinreichend informiert. was natürlich nicht der fall ist.)

ich glaube, der autor war bei diesem text (ich kenne leider keine anderen texte von ihm) ein wenig unschlüssig, ob er nun seine gedanken in einer geschichte oder einem theoretischen text schreiben wolle. da sah er vielleicht diese einrichtung "netzwerkstatt" und hat sich gedacht: dann schreibe ich eben meine gedanken, mit einer rahmenhandlung – dann lesen es wenigstens die. ich möchte hier keine vermutungen äußern, aus welchem grund der verfasser diesen text schrieb und warum er ihn zu einer kritik versandte, das liegt wirklich nicht in meinem kompetenzbereich.

doch diese vermutung (sei sie auch noch so altklug von mir) leitet schon zur eigentlichen kritik über: der autor wollte nun wohl seine gedanken zum besten geben und sie dabei in eine geschichte einflechten. hierbei möchte er wohl die fußstapfen marcel prousts betreten. und was mir daran gefällt, ist, daß er es in einem gewissen gegenteil zu proust angeht. sagt doch schließlich dieser in seinem werk "die entflohene": "wenn man sich am rande des abgrundes sieht und meint, gott habe einen verlassen, zögert man nicht mehr, von ihm ein wunder zu erwarten."

richard groier erwartet in diesem text kein wunder, alles was der autor möchte, ist ja das ende (den tod) sehen und erkennen, um keine angst mehr davor zu haben; ein wunder, wie es proust meint, wäre hier nur hinderlich. doch stilistisch will er, glaube ich, dasselbe: er möchte, wie schon erwähnt, in eine geschichte seine gedanken einbauen, seine gedanken quasi spielerisch zum besten geben. doch anders als proust, der durch eine vollkommene klarheit seiner gedanken spannung aufbaut, scheitert er noch ein wenig, der leser ist nach einiger zeit leider gelangweilt. und das liegt dem zu grunde, daß groier sich ein wenig in den gedanken versteigt und seine geschichte schleifen läßt. er vergißt dabei also eine wichtige rolle des schriftstellers, und zwar geschichten zu erzählen: wie er plötzlich mit einem schlag zu den nachdenklichen teilen der geschichte übergeht – ca. auf absatz VII, "Und dieses Unbegreifbare wird uns alle vernichten…" – und die eigentliche geschichte wie einen lästigen hund fortstößt.

ich weiß beispielsweise nun im nachhinein überhaupt nicht, um was es in der geschichte eigentlich geht. vielleicht ist der text nicht genügend durchdacht. wie man auch in der kritik des autors sehen kann, schrieb dieser seinen text einfach drauflos und ohne vorher lange darüber nachzudenken. durch dieses drauflosschreiben behält die geschichte zweifellos eine gewisse freiheit und originalität, doch diese originalität geht leider manchmal auf kosten des lesers (wie wir in dem vorliegenden text sehen können, obwohl er zweifellos eine gute sprache verwendet, doch die ist nicht genug). er sollte seine gedanken ordnen, es hindert ihn ja auch niemand daran, einen rein theoretischen text zu schreiben. oder er sollte einen text wie diesen schreiben, und einfach danach nocheinmal überarbeiten. ich kenne keinen schriftsteller, der seine texte nach dem verfassen nicht nocheinmal überarbeitet hätte – abgesehen von rolf dieter brinkmann, der von sich behauptete, er schreibe seine texte, und im selben moment seien sie auch schon fertig, und müssten nicht mehr überarbeitet werden. wahrscheinlich hat groier seinen text auch überarbeitet, aber scheinbar noch nicht genug.

ich möchte nicht, daß diese kritikpunkte zu ernst genommen werden, ich möchte nur, daß sie ernst genommen werden. ich von malte borsdorf sende freundliche grüße aus hatting an richard groier, martin ohrt, anselm, sonja und christine (von denen ich leider keine nachnamen weiß).