Kritik zum Text "Naive Betrachtung…" von Richard Groier

(Auszug)

Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 1. Dezember 2000 in Graz statt.

 

Anselm:

Naiv sind die Gedanken wirklich nicht. Aber ich hab damit sehr wenig anfangen können. Was schreibt er? Er schreibt ja nur, wie jemand stirbt, was sich irgendjemand sicher nicht dabei denken wird … es sind wirklich einfach naive Gedanken. Aber ich muß sowas ja nicht unbedingt lesen. Vom Sprachlichen her … einen Wortschatz hat er. Aber es ist alles viel zu dick aufgetragen. Man weiß eigentlich nicht, worum es geht, in dem ganzen Text. Da stirbt jemand, dann steht er wieder auf, gibt es eine Auferstehung – ich kann mit dem Ganzen nichts anfangen.

Sonja:

Dadurch, daß ich den Text vorgelesen habe, hab ich wahrscheinlich einiges selbst verpaßt. Ich finde, er ist viel zu lang für das vorgegebene Thema. Der Autor wiederholt sich ständig, auch immer wieder mit den gleichen Worten, den gleichen Satzkonstruktionen. Also, es kommt öfter das Gleiche vor. Es geht immer um den Kampf zwischen Leben und Tod, Haß und Liebe … Aber der Stil gefällt mir teilweise sehr gut, die Sätze sind schön formuliert. Und man muß ihn wirklich aufmerksam lesen, daß man jede Feinheit mitkriegt. Der Gedanke an sich ist ja nicht schlecht, über das Leben, über den Tod zu philosophieren und zu schreiben …

Anselm:

Das sollte man am besten im Bett vorm Einschlafen machen.

Sonja:

Aber es wäre schön, vielleicht könnte man was daraus machen, wenn es gekürzt wird, wenn ein klare Botschaft rüberkommt. Für mich ist das alles sehr wirr.

Anselm:

Aber gerade die Botschaft ist ja so widerwärtig.

Sonja:

Und was mich gestört hat, war diese Tür, die er aufmacht, und da kommt dann irgendein Nebel … mit dem hab ich überhaupt nichts anfangen können. Das war nicht wichtig für die Handlung. Weil – es gibt keine Handlung, habe ich das Gefühl. Es sind wirre Gedanken im zeitlosen Raum. Aber sonst hat mir der Text nicht so schlecht gefallen.

Christine:

Ich finde auch, daß das alles viel zu viel ist auf einmal, was er da an Gedanken hat. Entweder, er macht eine Handlung und baut seine Gedanken so, wie er sie da hat, in Nebensätze oder was weiß ich ein. Bei der bloßen Gedankenschilderung kommt einfach nichts heraus. Im Prinzip ist alles das Gleiche. An Schluß weißt du soviel wie am Anfang.

Martin:

Um gleich mit dem Schluß anzufangen: Was mich am Schluß gestört hat, ist, daß er zu sehr interpretierend wird, eben die Dunkelheit ist die Metapher für den Tod, und so. Da läßt er sehr wenig Möglichkeiten offen für mich, beim Lesen. Das hat mich sehr gestört. Während der erste Teil, mit den Bildern – also, da waren schon einige schöne Beschreibungen dabei; stilistisch war es nicht so schlecht geschrieben, bis auf ein paar Dinge vielleicht, z.B. "ehrfurchterregend", "wie sich die Ewigkeit anfühlt" – ich glaube, anfühlen kann sich zwar ein Gegenstand, aber etwas so Abstraktes wie die Ewigkeit, das fühlt sich sehr schlecht an. Oder Allgemeinplätze wie "ein Gedanke an die Liebe" und dann kommt schon der nächste Satz, ohne daß dieser Gedanke genauer ausgeführt wird, was vielleicht interessant sein könnte. Und das hab ich überhaupt nicht verstanden, vom Sinn her: "Das Licht erringt durch Selbstaufgabe einen Sieg." Auch dieser Kampf da zwischen Licht und Dunkelheit ist für mich immer diffuser geworden. Im Prinzip fehlt es dem Text vor allem an Struktur, das Problem liegt weniger im Sprachlichen. Auch über die Überschrift würde ich sehr nachdenken. Die kann sehr leicht ironisch verstanden werden, obwohl sie wahrscheinlich nicht so gemeint ist, mit dieser Übertreibung "der Kampf, der im Inneren von uns allen tobt"

Anselm:

Es gibt ja keinen Kampf, der in uns allen tobt. Es gibt keinen Kampf im Innersten um Leben und Tod. Das gibt’s einfach nicht. Ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Man kämpft ja nicht mit sich selber, will ich jetzt leben oder will ich sterben.

Sonja:

Das kann schon ein.

Anselm:

Der tobt auf jeden Fall nicht in uns allen. Also, in mir sicherlich nicht.

Martin:

Ich glaube auch, das Problem ist ganz einfach, daß er verallgemeinert. Er geht davon aus, daß es in uns allen überall gleich ausschaut. Das geht eben nicht. Man sollte sich hüten vor Verallgemeinerungen in Texten.