Kritik zum Text "Stille Wunden" von Markus Grundtner

(Auszug)

Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 10. November 2000 in Graz statt.

 

Steffi:

Ich finde, daß die Situation sehr seltsam beschrieben ist, nämlich daß der "Ich" sich selbst so perfekt darstellt, und sein Bruder wird als Untermensch dargestellt … irgendwie kommt es mir vor, daß es in eine rechte Richtung geht. Allerdings, es ist nicht schlecht geschrieben, nur die Sätze sind viel zu lang und zu kompliziert.

Elisabeth:

Ich finde diese Beschreibungen eher abstoßend. Es hat aber schon Leute gegeben, die solche Dinge beschrieben haben, z. B. Michel Houellebecq oder Bret Easton Ellis. Aber die Sache ist die, daß dahinter etwas gestanden ist. Mit der Verwendung von Gewalt wollten sie uns etwas sagen. Und meiner Ansicht nach will uns dieser Text nichts sagen mit seiner Gewalt-Verwendung. Bret Easton Ellis hat z. B. in einem Werk alles so überzogen dargestellt, daß man am Schluß draufkommt, daß das alles Mist ist. Aber hier, in diesem Text ist kein Hinweis, daß er sich darüber Gedanken gemacht hat. Soweit zum Inhalt.

Zur Sprache muß ich sagen: viel zu viele Adjektive. Aber da gibt es einen kleinen Trick. Und zwar: Daß man versucht, jedes Adjektiv aus einem Text zu streichen, und sich den ganzen Text noch einmal anzuschauen. Dann erkennt man oft, welche Adjektive prinzipiell wegzulassen wären. Und das würde ich dem Autor sehr raten, denn momentan ist das ein Adjektiv-Overkill. Und ich kann keine Handlung erkennen in der gesamten Geschichte. Ich weiß nicht, wie die Figuren zueinander stehen, außer, daß der eine der Bruder des anderen ist. Und das hier eine Frau anscheinend ermordet wird. Ich erwarte von einer Geschichte, daß sie mir etwas sagen will. Und das kann ich hierin leider nicht sehen.

Christine:

Erstens: Dadurch, daß er viele Beistriche hat und keinen Punkt, denke ich mir, will er, daß das ganze sehr schnell abläuft, das Ritual – oder wie auch immer man es nennen will. Allerdings, das Ganze, was diese Beschleunigung hervorbringt, ist, daß es dem Leser nicht so wichtig vorkommt, weil alles so schnell abgehandelt wird. Und dadurch, daß es die ganze Zeit so dahingeht, fehlt irgendetwas. Die Frau oder das Mädchen, das am Anfang ist, ist noch klar – aber dann kommt es mir eher so vor, als würde das alles nur mehr eine Person sein, als hätte diese irgendwelche inneren Konflikte, daß sie also innerlich zu sich redet, vielleicht schizophren ist, einen Gut-und-Böse-Konflikt hat, oder Häßlich und Schön – oder wie auch immer. Es fehlt einfach etwas. Es ist ein einziges Gemetzel – vielleicht geht es ihm ja besser, wenn er es geschrieben hat. Und "Stille Wunden" – das macht er ja nicht wirklich, das spielt sich nur in seiner Phantasie ab.

Elisabeth:

Aber es hat keine Struktur im Sinne einer Struktur, die ich von einer Geschichte erwarte. Es ist sicher eine gute Art von Therapie oder was auch immer, wenn man so etwas schreibt. Aber auf der anderen Seite muß man echt einen Unterschied sehen zwischen Dingen, die man für sich selber schreibt, damit es einem nachher besser geht und Sachen, wo man wirklich sagt, okay, das ist jetzt was, was ich jemandem zeigen will, weil ich was sagen will damit. Und ich weiß nicht, was er mir mit diesem Text sagen will. Das ist das Problem.

Martin:

Um ihn als therapeutischen Text zu sehen, ist er zu sehr im Kopf gebaut. Wenn du für therapeutische Zwecke schreibst, bist du einfach unüberlegter, mehr emotional. Und feilst nicht solange, machst nicht so komplizierte Satzkonstruktionen.

Vom Sprachlichen her ist der Text sehr ausgefeilt, für mich eigentlich zu überausgefeilt. Es sind sehr komplizierte Satzkonstruktionen, denen sehr schwer zu folgen ist, diese vielen Einschübe, Nebensätze, die in sich wieder Nebensätze haben, wo man oft den Faden verliert. Ich denke mir, das gleiche ließe sich auch mit einfacheren Satzkonstruktionen schildern, man könnte dem ganzen dann besser folgen. Es ist schon eine recht bilderreiche Sprache, man kann sich das recht gut vorstellen, was da passiert…

Elisabeth:

Aber will man sich das vorstellen?

Martin:

Das ist die Frage. Es entstehen schon eher negative Bilder.

Elisabeth:

Das kann man schon sagen.

Martin:

Ich möchte nicht träumen von diesem Text. – Es hängt für mich die Situation sehr in der Luft. Man weiß eigentlich nichts über ein Davor oder ein Danach. Es ist eine Momentansituation, aber es wird selbst da nicht klar, in welchem Verhältnis stehen die Personen zueinander, man weiß, gut die zwei sind Brüder – aber nach dieser Beschreibung der "Sie" taucht auf einmal der "Er" ganz plötzlich auf, ohne, daß er eingeführt wird.

Elisabeth:

Genau. Das "Ich" kommt irgendwann mitten im Text.

Christine:

Es wird auch nicht beschreiben, wodurch das Ganze ausgelöst wird. Nur der eine Blick, der bittende – und dann, auf einmal kommt sowas…

Martin:

Ich seh’ auch nicht so diesen Zusammenhang zwischen dem Titel und dem Text. Denn der Text ist eigentlich alles andere als ein stiller Text, ein sehr drastischer Text, von der Schilderung her.

Elisabeth:

Unter "Stille Wunden" versteh ich psychische Wunden, etwas, das einen verletzt hat in seinem Inneren. Dinge, die einen subtiler verletzen. Und da ist keine Subtilität in dem Text. Das ist für mich einfach die volle Faustkampfmethode.

Christine:

Man könnte es vielleicht in "Stille Wünsche" umändern.

Martin:

"Still" paßt einfach zu dem Text nicht.

Christine:

Ich finde das schön gegensätzlich, wie er es jetzt hat.

Elisabeth:

Ja, mir gefällt das Gegensätzliche auch.

Martin:

Ich glaube eher, daß er da etwas mitgedacht hat, was aber im Text nicht drinnen ist. Daß es um Vorstellungen geht, die sich im Kopf abspielen.

Elisabeth:

Aber es kommt auch nicht wirklich so heraus. Das ist jetzt nur Vermutung. Es könnte genausogut anders sein. Ich kann nicht sagen, daß es wirklich Fakt ist, daß es in seinem Kopf ist.

Martin:

Ich hab das einfach als mehr oder weniger reale Situation vor mir gesehen.

Elisabeth:

Für mich hat es schon ein bißchen nach "der gute Zwilling und der böse Zwilling" geklungen, nach Schizophrenie, aber nicht so, daß es für mich eindeutig wäre.

Martin:

Es fehlt einfach der Rahmen für die Situation.

Christine:

Also, wenn er es überarbeiten möchte, sollte er auf jeden Fall beschreiben, wodurch das ganze ausgelöst wird. Weil, es ist im Prinzip nur ein Blick und dann kommt das…

Elisabeth:

Und die Adjektive. Da muß ich wirklich darauf bestehen. Da hat er viel zu viele.