Kritik zum Text "Der Kanal" von Lukas Winter
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 6. Oktober 2000 in Graz statt.
Elisabeth:
Am Anfang hab ich mich gewundert, warum die da herumrennen, das erfährt man nämlich erst am Schluß. Es ist nett geschrieben. Aber ich hab ein Problem mit der Thematik. Ich glaube warum muß das ein Kanalsystem in New York sein? Es gibt auch in Österreich Kanäle. (lacht) Es müssen nicht Pete und Jane sein, es können ruhig auch Peter und Julia sein, oder was weiß ich. Man sollte irgendwie schon schauen, daß man ein bißchen bei diesen Dingen bleibt, wo man sich auskennt. Das ist eigentlich das Hauptproblem bei dem Text. Vom Stil her ist es schon gut. Aber früher oder später muß man anfangen, über Dinge zu schreiben, die einen wirklich selber auch interessieren.
Sonja:
Ich kann mich dem nur anschließen. Ich finde in der Geschichte auch wenig interessante Aspekte. Sie hat irgendwie nicht den vollen Höhepunkt. Und es ist nicht besonders interessant. Und leider ist es, finde ich, vom Stil her nicht besonders ausgefeilt und außergewöhnlich.
Elisabeth:
Es sind mir keine groben Sachen aufgefallen, wo ich sagen würde, das kannst du überhaupt nicht sagen.
Sonja:
Ja, schon, aber mir ist nichts aufgefallen, wo ich sagen würde: Mein Gott, das ist besonders gut.
Elisabeth:
Ja, schon. Aber er will ja nur einfach eine Geschichte erzählen. Ich glaube, es würde eher überzogen wirken, wenn er einen ausgefeilten, blumigen Stil wählen würde für so eine Geschichte.
Sonja:
Und es sind unnütze Wortwiederholungen drinnen, finde ich. "Jack und Pete" kommt sehr oft vor. Nein, aber es ist insgesamt nicht so schlecht. Ich finde, er sollte es überarbeiten, sollte vielleicht am Anfang mehr Klarheit in die Sache bringen und auf einen gezielten Höhepunkt hinarbeiten. Und es sollte vielleicht irgendwas passieren.
Karin:
Was mir auch aufgefallen ist, sind die kurzen, abgehackten Sätze gegen Ende. Das ist am Anfang nicht so. Und mit den Wortwiederholungen wirkt es ein bißchen zusammengestoppelt. Was für mich unlogisch ist, ist, daß Pete von der Polizei verfolgt wird, weil er Jane entführt hat und er mit ihr aber gemeinsame Sache macht. Also, irgendwas muß da inzwischen passiert sein. Das kommt aber nicht heraus.
Elisabeth:
Und warum er sie entführt hat.
Karin:
Erstens das. Und warum sie dann offensichtlich auch ihre Meinung geändert hat und jetzt ihn wahrscheinlich doch sympathisch findet und mit ihm freiwillig mitgeht. Und was ich generell finde: Daß die Charaktere ein bißchen platt sind. Also, die Jane abgesehen vom Namen kommt sie mir vor wie die typische Blondine aus dem Tarzan- und King-Kong-Film: schreien, stürzen, ohnmächtig werden Da könnte man sicher mehr machen.
Christine:
Mir kommt vor, als wäre das ganze die Randhandlung; der Inhalt ist entweder vor dem Ganzen oder danach. Es ist gerade etwas passiert, und jetzt rennen sie in den Kanal, und nachher passiert etwas. Und jetzt weiß ich, ehrlich gesagt, nicht, was ich mit dem ganzen Kanal anfangen soll. Das kommt mir relativ unbedeutsam vor. Es ist halt wahrscheinlich der Kanal, da verstecken sie sich. Und die Dialoge gefallen mir auch nicht. Also, es gibt eigentlich gar keine Dialoge Was irrsinnig interssiert, ist, warum das ganze passiert, die Entführung also, es läßt sich schon irgendwie ahnen, daß es sehr dramatisch war: Sie mußten flüchten, was weiß ich, vor ihrem bösen Vater, Ehemann so irgendwie Das muß man sich alles noch denken, das fehlt einfach.
Martin:
Um mit dem Positiven anzufangen: Es ist doch recht flüssig geschrieben, das kann man schon sagen, abgesehen von Wortwiederholungen. Aber es ist halt sehr vieles ausgespart in dieser Geschichte. Die Entführung kommt ganz am Schluß erst heraus, dabei müßte die im Text vorher schon irgendwie vorbereitet werden. So, wie sie momentan da steht, wirkt sie so, als wäre sie dem Autor gerade an der Stelle eingefallen. Und eigentlich müßte das schon in die Geschichte hineinverstrickt sein, weil sich die Personen dann ja auch anders verhalten würden. Was überhaupt schwierig ist: Daß das ganze in New York spielen soll. Ich denke mir, wenn man sich in der dortigen Kanalisation nicht besonders gut auskennt, ist es schwierig, darüber zu schreiben. Und es ist halt die Frage, ob es wirklich New York sein muß. Generell würde ich gerne mehr von den Personen erfahren, daß die Beschreibung mehr in die Tiefe geht. So ist das ganze Geschehen eher aus großer Ferne beobachtet. Man weiß eigentlich nicht genau, wie die Personen sich fühlen, in der Situation. Man bekommt über die einzelnen Personen kaum etwas mit. Und das finde ich eigentlich schade. Ich denke, das ist eine Geschichte, wo man noch viel mehr daraus machen sollte, müßte.
Christine:
Und der Titel "Der Kanal" ist wie so eine typische Kapitelüberschrift.
Elisabeth:
"Die Kanalratte" würde ich witzig finden.
Martin:
Aber es ist auf jeden Fall besser, einen neutralen Titel zu haben, als einen, der schon alles vorwegnimmt.
Karin:
Das, was einfach stört, ist, daß es am Anfang aus der Handlung der Personen nicht hervorgeht, daß sie eigentlich nicht Freunde sind. Wenn es um eine Entführung geht, dann sind Jane und Pete keine Freunde. Und weil das erst am Schluß eingeführt wird, kommt es so abrupt. Und das verwirrt.
Martin:
Ich denke mir, daß die Beziehung zwischen den beiden sicher spannungsgeladener wäre.