Kritik zum Text von Marlene Kelnreiter

(Auszug)

Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 22. September 2000 in Graz statt.

Steffi:

ich finde, der Text hat irrsinnig geniale Ideen, wie mit dem Löschpapier und dem Käfer und der Frühstückssemmel. Dafür ist der Text einfach zu kurz. Sie sollte ihn ausbauen oder, wenn der Text so kurz bleiben soll, die Rückblende weglassen und die ganzen Dinge anders in die Situation reinbringen, wo sie auf der Wiese liegt. Aber an sich finde ich, daß sie den Text wirklich länger schreiben sollte. Und der Schluß ist wirklich sehr gut: Mama, ich höre das Gras wachsen! Und vielleicht sollte sie auch einen Titel finden. Das wäre nicht schlecht. Ich finde, es sind total viele originelle Ideen in dem Text, das gefällt mir sehr gut.

Christine:

Also, ich weiß nicht, ich komme da nicht ganz zurecht mit dem Text. Erst spielt es in der Gegenwart, wo sie da im Hof liegt, im Gras. Und dann kommen die Rückblenden. Und diese Rückblenden sind so, daß sie die ganze Zeit irgendetwas macht… Also, mir kommt vor, sie will damit ausdrücken, das sie irgendwas verloren hat, in der Vergangenheit, in ihrer Jugend, was sie jetzt nicht mehr besitzt, und deswegen wirkt sie jetzt so ausgetrocknet, wie sie da so liegt…

Sonja:

Also, ich finde, es geht um einen außergewöhnlichen Menschen, außergewöhnlich schön beschrieben, leider nur sind die schönen Bilder sehr dicht gedrängt. Und was mir nicht gefallen hat, ist das Ameisenhaarspray, weil das zieht das ganze irgendwie ins Lächerliche, das paßt nicht zum Text dazu. Ich finde die Beschreibungen jedenfalls sehr schön. Der Text macht einen irgendwie melancholisch. Ich bin auch der Meinung, daß er länger sein sollte, daß auch die Rückblenden gut reinpassen. Aber der Schlußsatz muß auf jeden Fall so bleiben, der gefällt mir total gut.

Martin:

Der Schluß gefällt mir auch am besten. Es sind viele schöne Beschreibungen in dem Text, die man noch nicht so oft gehört hat, wie "die Zunge wie Löschpapier" oder das Bild mit der Frühstückssemmel. Was vielleicht ein bißchen übergenau ist, ist der "Dreivierteltakt", das klingt für mich auch zu technisch, das sagt mir auch zu wenig. Und da ist auch ein plötzlicher Wechsel der Perspektive, wo die Hauptperson auf einmal aus der Sicht der Mutter als Tochter bezeichnet wird – aber das ist auch schwierig, wenn "sie" keinen Namen hat. Oder an der einen Stelle, wo sie den Kopf runterhängen läßt – da wird nicht beschrieben, wie lange sie es tut, das wirkt dann vielleicht unfreiwillig komisch.
Ich denke mir, insgesamt könnte man noch viel mehr herausholen aus diesen einzelnen Rückblenden. Es sind viele gute Einfälle, aber einfach zu dicht gedrängt. Ich glaube, es wäre schön, wenn der Text noch ausgebaut würde.