Kritik zum Text "Stille" von Isabel Casellas
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens am 22. September 2000 in Graz statt.
Steffi:
Eigentlich gefällt mir der Text ganz gut, vor allem das Thema. Aber es sind auch zu viele Klischees drinnen wie eben "Licht am Ende des Tunnels" und auch so übertriebene Sachen wie "das tiefe Leid, das dich zu verschlingen droht." Auch die Stelle mit dem Zug find ich zu klischeehaft. Immer, wen es um Selbstmord geht, ist es eine Brücke, oder ein Zug Aber ich finde es gut, daß der Text am Schluß eine Wendung nimmt, daß er doch lebensbejahend wird, nicht mit dem Selbstmord endet. Auch der Titel gefällt mir recht gut.
Christine:
Ich finde, der Text hat gut angefangen, er ist auf jeden Fall so, daß man weiterlesen will. Auch der Schluß paßt ganz gut dazu. Aber wie schon die Steffi gesagt hat das mit dem "Licht am Ende des Tunnels" vielleicht könnte man das noch ein bißchen anders machen. Aber ich finde den Text schön zum Zuhören.
Sonja:
Es ist wirklich schon viel gesagt worden. Ich finde auch, daß der Text ein bißchen überladen ist mit Klischees. Und es gibt aber teilweise schöne Bilder, wie den brennenden Ast, und auch andere, z.B. die stummen Zeichen des Leidens ist zwar irgendwie abgedroschen, aber ist auch schön. Ich finde, wenn man weniger Klischees nehmen würde, würde das andere in den Vordergrund treten. Und vielleicht den Menschen, der das liest, mehr berühren. Und es hat mich gestört, daß sie sich umbringen will als erstes Klischee und als zweites Klischee daß sie dann kurz vorher draufkommt, daß ist doch nicht das wahre. Das hat mich ein bißchen gestört, daß es nachher so drastisch wird. Weil der Anfang ist, obwohl er traurig ist, voll schön. Schöne Stimmung.
Steffi:
Vielleicht sollte er eine andere Wendung nehmen schon, daß sie erst verzweifelt ist und dann plötzlich wieder weiterleben will, aber es muß ja nicht gleich Selbstmord sein.
Martin:
Es sind sehr schöne Beschreibungen drinnen, auch das Bild mit dem brennenden Ast hat mir sehr gefallen. Manche Beschreibungen waren schön detailliert. Manche waren ein bißchen übertrieben, z.B. "in Strömen aus schwarzen Wolken". Aber was mir von der Formulierung her sehr gefallen hat: "Hinter einer verschlossenen Tür in Deinem Kopf schreit eine Stimme." Was mir dann nicht so gefällt, ist, daß diese Selbstmordsituation so plötzlich kommt und so plötzlich wieder verschwindet. Ich glaube, da braucht es einfach mehr an Beschreibung, damit man das dem Text abnimmt.
Steffi:
Der Text verträgt diese Situation einfach nicht.
Martin:
Die Frage ist auch, ob der Text das Liegen auf den Schienen usw. überhaupt braucht, oder ob er nicht einfach so auch wirkt. Ich denke mir, dafür (für den Selbstmordversuch) ist er dann doch zu kurz. Und warum muß es unbedingt der Zug sein?