Kritik zum Text "Besuch in Wien" von Nina Musil
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während der Schreibzeit Bruck am 9. 7. 2000 statt.
Gloria:
Ich finde es nicht so schlimm, daß da irgendwas fehlt, worauf sich das zuspitzt. Daß einfach so ein Vorgang beschrieben wird, was zwei Menschen jeweils denken, die sich gerade treffen und gerade in dem Zusammenhang von einem alten und einem jungen Menschen ich finde, das wird gut rübergebracht, was beide denken. Ich finde die Stelle, wo sie so tut, als ob sie gerade lesen würde, war schon okay.
Sarah:
Ich schließe mich dem eigentlich an. Ich finde nur, das Ende ist ziemlich abrupt. Aber vielleicht sollte es ja überraschend sein. Ich finde es ganz nett.
Lydia:
Ich finde, das Ende war ein bißchen abrupt. Es ergibt sich nicht wirklich aus dem Vorherigen. Also prinzipiell gefällt es mir gut, wenn man die Perspektiven wechselt, wobei es mir da ein bißchen zu schnell gegangen ist. Da bin ich nicht ganz mitgekommen, vielleicht ist es ja anders, wenn man es selbst liest.
Susanne:
Es ist vielleicht realistisch, aber man wartet schon irgendwie darauf, daß noch etwas kommt. Vielleicht etwas Witziges, das hätte vielleicht gepaßt zu dem Stil vom Text. Irgend etwas am Ende, ein kleiner Funken irgendwie. Es kann schon sein, daß so etwas passiert, aber dadurch ist irgendwie nichts Besonderes drin. Aber vielleicht gehört das so. Ich hab nichts gegen Texte, die einfach nur Situationen beschreiben.
Anselm:
Ich habe im Grunde auch nichts gegen Texte, die einfach nur Situationen beschreiben, aber in dem Fall ist das Ganze irrsinnig langweilig, weil es nur Klischees sind: Da ist der zornige Enkelsohn, den sowieso alles anzipft, da die Großmutter, die sich so freut. Das Ganze spitzt sich auf nichts zu. Vielleicht wäre es schön gewesen, wenn bei den Perspektivwechseln irgendwelche Verbindungen bestünden zwischen den beiden. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Die Absätze werden zwar kürzer, es spitzt sich zwar so zu, aber es ist überhaupt keine Verbindung zwischen dem, was er denkt und was sie denkt. Es werden keine klaren Unterschiede aufgezeigt, keine Kontraste. Es ist sagt einfach irgendwie nichts. Wenn die Geschichte noch eine unerwartete Wendung nähme
Alexander:
Also, ich habe die Geschichte ganz nett gefunden. Ich meine, sie war schon recht kindlich geschrieben mit dem happy Ending und so vorgefertigten Sätzen wie: "Wenn er doch schon da wäre..." Aber ich habe die alte Frau irgendwie lieb gefunden, wie sie so tut, als täte sie lesen. Die alte Frau hat mir besser gefallen als der Enkelsohn, der im Internet surft. Aber einen Satz habe ich gut gefunden: "Er kam sich wie ein Bittsteller vor, obwohl er nichts brauchte."
Eva:
Die Einleitung hat mir überhaupt nicht gefallen. Da werden einfach nur Tatsachen benannt. Der Enkel ist in Amerika, und die Oma ärgert sich darüber. Da verwendet sie einfach nur Klischeebilder. Da, wo sie sich das Foto hernimmt, und sich an den Großvater erinnert, das ist eine wirklich schöne Stelle, da sind einmal die Gefühle beschrieben. Ich finde, das sagt mehr aus als der Anfang. Und am Ende wieso brechen die beiden da in Lachen aus?
Gabór:
Ich finde es eigentlich recht gut. Mir gefällt das gut mit den beiden Perspektiven. Wie gesagt, der Schluß ist nicht wirklich originell: Ganz plötzlich gehen beide in die Stadt.
Theresia:
Ich finde die Idee gut, daß abwechselnd erzählt wird. Aber die Geschichte selbst ist nicht besonders. Es spitzt sich immer mehr zu, und dann erwartet man sich schon etwas Originelleres zum Ende.
Martin:
Ich habe die Idee nicht so schlecht gefunden mit diesen zwei verschiedenen Sichten. Wobei für mich zum Ende hin die Geschichte interessanter wird, wo es noch deutlicher herauskommt, wie die beiden die Situation erwarten. Der Schluß ist schon recht unspektakulär, kann aber so auch funktionieren. Wenn er so stehen bleiben sollte, würde ich sagen, daß man versuchen sollte, diese beiden Erwartungshaltungen und Gemütslagen am Anfang ein bißchen besser rüberzubringen. Anhand von Kleinigkeiten vielleicht und weniger aus so allgemeinen und mit Distanz gesehenen Situationen heraus. Allgemeinplätze, wie das mit dem Surfen, die gefallen mir nicht. Ich hätte erwartet, daß schon am Anfang der Enkelsohn ein wenig genauer beschrieben wird.
Karo:
Mir gefällt der Text schon gut. Mir gefällt der Perspektivenwechsel und daß am Anfang, wo sie sich noch nicht treffen, als sie noch eine zeitlang warten muß auf ihn und er noch mit dem Taxi zu ihr fahren muß daß da die Absätze länger sind. Das heißt, daß sie noch nichts miteinander zu tun haben. Da ist er, und auf der anderen Seite sie. Je näher der Zeitpunkt kommt, daß sie sich treffen, desto kürzer werden die Absätze. Ganz am Schluß ist es mehr ein Gegenspiel. Da handelt er, und sie muß darauf antworten. Bei dem letzten Satz gefällt mir, daß man nicht weiß, ist das jetzt aus ihrer Sicht oder aus seiner, weil sie da zusammen handeln. Das gefällt mir eigentlich recht gut.
Elisabeth:
Mir gefällt das Thema sehr gut. Es ist aber fast ein bißchen klischeehaft. Witziger wäre es vielleicht gewesen, wenn man es umgedreht hätte, daß die Oma vielleicht im Internet surft. Zwei Sachen stören mich eigentlich an dem Text: Die Mutter schreibt auf die Karte: "Viele liebe Grüße. Deine Tochter." Mit Deine Tochter unterschriebt niemand, der an seine Mutter schreibt. Aber der Anfang und die Grundidee sind sehr gut. Und der Schluß, der ist total unrealistisch. Wenn man einen Menschen das erste Mal sieht, und es sind eigentlich beide ein bißchen nervös, dann glaube ich nicht, das die gleich in Lachen ausbrechen. Nervöses Lachen vielleicht, aber nicht die ganze Zeit. Und daß sie dann gleich einen Stadtbummel machen gehen, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber sonst ist es eine gute Geschichte.
Antonia:
Ich weiß nicht, ich kann mit dem Text nicht so viel anfangen. Er ist ziemlich normal heruntergeschrieben. Die Idee mit dem Perspektivenwechsel ist gut, aber ich finde es ziemlich monoton. Ihre Sicht, seine Sicht und zum Schluß happy End. Es sollte irgendetwas drin sein, irgendetwas Plötzliches, Lustiges, damit man das nicht einfach so runterliest. Oder irgendwas zum Nachdenken vielleicht, aber so ist das irgendwie normal.
Johannes:
Mir hat der Perspektivwechsel gefallen. Auch wenn nichts weiter
über das Normale hinaus passiert, dann war mir das eigentlich
auch sympathisch. Warum muß die Oma unbedingt im Internet
surfen? Ich fand sie sehr liebevoll beschrieben. Das ist, was
mir aufgefallen war. Erstaunlicherweise ist die Autorin jung und
kann aber den Jungen schlecht beschreiben. Den empfand ich konstruiert.
In der Geschichte geht es um das Warten. Deshalb könnte der
Titel "Besuch in Wien" anders lauten. Es geht um das
Warten, um Erwartungen und durch die Perspektivwechsel spitzt
sich die Geschichte zu. Das Ende ist nicht unbedingt abrupt. Daß
die beiden in Lachen ausbrechen ist nicht abrupt, aber sie dürften
keinen Stadtbummel mehr machen, das kommt zu plötzlich. Die
Geschichte wäre auch spannend, wenn die beiden warten und
warten, und die Geschichte dann aufhört, als er vor der Tür
steht. Die Geschichte ist für mich über den Zeitpunkt
hinaus erzählt, wo sie aufhören sollte. So müßte
eigentlich wieder mehr kommen. Ich finde aber, das muß nicht
sein.
Michaela:
Das Ende Ich glaube, als sie angefangen hat, die Geschichte zu schreiben, hat sie noch nicht gewußt, wie sie ausgehen wird. Ich glaube schon, daß Warten die Hauptsache ist und daß das Ende daraus entstanden ist, daß sie irgendwann geglaubt hat, daß sie aufhören muß. Weil, irgendwann müssen sie sich ja treffen. Hier sind vielleicht Klischees dabei, aber viele lassen sich auch nicht vermeiden. Aber mir hat der Rhythmus ziemlich gut gefallen, nicht unbedingt die Absätze, aber die Sätze, die sie macht.
Verena:
Mir hat dieser Text sehr gut gefallen. Besonders, wie die Personen dargestellt wurden. Für den Sohn war der Besuch mehr ein Zwang, aber trotzdem ist er mit Pralinen und Grüßen gekommen und hat so getan, als ob er sich freuen würde. Die Oma hat sich irrsinnig gefreut und hat Erwartungen gehabt an ihren Enkel, daß er aussieht wie der Großvater, und hat ihre Freude trotzdem nicht gezeigt und sich in das Buch vertieft. Das finde ich sehr gut, weil es im wirklichen Leben oft so zu beobachten ist. Nur der Schluß: Ich habe mir irgendetwas Anderes erwartet. Ich habe gedacht, daß sich das umdreht, daß die Oma vielleicht enttäuscht ist, weil er doch nicht wie der Großvater aussieht, und der Enkel sich über die herzliche Begrüßung freut. Das hätte den Schluß zumindest interessanter gemacht. Aber sonst finde ich es recht gut.