Kritik zum Text "Abschiedsbrief und Erkenntnisse" von Richard Groier

(Auszug)

Die Textbesprechung fand während der Schreibzeit Hard am 10. 6. 2000 statt.

 

Sonja:

Ich glaube, man kann den Text irgendwie nicht richtig kritisieren. Aber was soll man machen. Er hat ein paar schöne Redewendungen reingebracht, ein paar schöne Wortspiele. Manchmal ist es allerdings ziemlich in die Hose gegangen, weil es total überzogen ist. Es ist viel zu lang, und immer wieder das Gleiche. Und es macht sehr depressiv, ohne Grund eigentlich. Agressiv sogar. Vielleicht könnte er es kürzer machen, nur die schönen Stellen herausnehmen und sich nicht so verrennen in den Wahnsinn des Seins und ins Nicht-Sein. Er widerspricht sich eigentlich auch die ganze Zeit. Ich glaube, er weiß eigentlich selber gar nicht, was er sagen will. Er will vielleicht nur beeindrucken.

Sebastian:

Ich finde, in dem Text ist ziemlich viel drinnen, von Religion, Philosophie usw. Es sind schöne Wendungen drinnen, die sich aber leider meistens widersprechen, im Laufe der Zeit. Das wirkt ziemlich konfus. Gewisse Themen könnte man herausgreifen und weiterarbeiten, aber so ist es zuviel auf einmal.

Sara:

Die Widersprüche im Text stören mich weniger, weil ich glaube, daß Gefühle oft mit Widersprüchen zusammenhängen. Aber ich glaube, daß alles zu lang geworden ist, und vielleicht sollte man einmal probieren, die Gefühle, das, was man fühlt, nicht so zu verkünsteln, sondern kurz schreiben, wie das Gefühl ist…

Eva-Maria:

Der ganze Text würde eher in ein Drama passen, antikes Drama oder Shakespeare. Wenn er etwas älter wäre, würde ich sagen: ein eindeutiger Fall von Midlife-Crisis. Ich würde es kürzen oder nur einzelne Stellen wegstreichen, damit man noch ein bißchen zum Mitfühlen kommt.

Marlies:

Wenn ich den Text selber hätte lesen müssen, wäre ich nicht sehr weit gekommen. Und ich habe ihn mir nur angehört, weil ich ihn anhören mußte. Es sind so schrecklich viele Bilder wie Tränen, Atem, Blut, Schmerz, Trauer – oh Gott!

Dani:

Für mich ist der Text ziemlich übertrieben geschrieben, zum Teil. Und er widerspricht sich auch die ganze Zeit. Alles ist so wundervoll und danach wieder so schrecklich…

Marlies:

Pubertät! Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt…

Johannes:

Es ist immer ein bißchen schwierig, wenn man den Text nur gehört hat. Vielleicht vertragen Gefühle Widersprüche. Aber der Text heißt ja "Abschiedsbrief und Erkenntnisse". Und vom Abschiedsbrief ist nur sehr wenig die Rede. Es bleibt alles im Dunkeln, eigentlich das Entscheidende. Nicht, daß der Text unbedingt die Geschichte erzählen soll, die dahinter liegt. Allerdings, Erkenntnisse vertragen dann keine Widersprüche.
Es sind eigentlich Wiederholungen drinnen, die sich nicht steigern, und das macht es, glaube ich, sehr, sehr schwer. Man muß nicht unbedingt eine Erkenntnis haben, wo am Schluß steht: Ja, ich glaube, so ist es, und danach werde ich mich richten. Aber ich denke, daß bestimmte Wiederholungen sich dann wenigstens steigern sollten. Und gerade im zweiten Teil würde ein bißchen mehr Überlegung, was Struktur betrifft, dem Text durchaus guttun. Man kann Sachen wegstreichen, die Entscheidenden dalassen; und ich denke, daß das Motiv mit dem möglichen Selbstmord ziemlich spät kommt. Vielleicht hätte man es vorher auch leicht andeuten können. Weil da wurde für mich der Text noch einmal spannend. Ich denke, das ist ein Text, der Erkenntnisse bringen kann, wenn man noch ein bißchen daran arbeitet.

Katrin:

Für mich hat der Text gar keinen Zusammenhang. Das einzige, was ich verstanden hab, ist, daß es um die Sehnsucht nach dem Tod geht.

Anna:

Für mich ist der Text Sturm-und-Drang-mäßig, also sehr überschwenglich.

Marlies:

Vielleicht hat er bei seinem Alter geschwindelt.

Martin:

Dann hätte er keine Deutschlehrer mehr. Oder er macht die Abendmatura, wer weiß. – Ich tu mir auch schwer mit dem Text. Der Titel hat für mich wenig Bezug zu dem, was dann beschrieben wird. Ein bißchen Erkenntnis ist schon drinnen…

Johannes:

Vielleicht ist es ein Abschiedsbrief von Gott…

Martin:

Das könnte natürlich auch sein. Es kommt halt nur in einem Satz vor: "Wer glaubt noch an Gott?" Es könnte schon sein, daß es der Zweifel ist, was ist mit Gott und dem ewigen Leben…

Marlies:

Aber ist der zehn Tage vor seinem Tod oder so…?

Martin:

Warum soll man nicht so ein Thema aufgreifen, wenn es einen momentan beschäftigt. Am Anfang vermutet man ja, daß er schon sehr an Gott und die Ewigkeit und das alles glaubt, und am Schluß tauch dann so ein Zweifel auf – aber das Ganze hat eigentlich keinen Aufbau. Es ist auch sehr viel direkte Botschaft drinnen, zuviel an Botschaft und zuwenig an Bildern und interessanten Gedankengängen. Tränen, Atem, Blut, Schmerz, Trauer – das sind ja eigentlich keine Bilder, nur Begriffe.

Sonja:

Das hätte er schön umschreiben können.

Marlies:

Er müßte eine Situation herausgreifen, und die ein wenig beschreiben…