Kritik zum Text "in memoriam" von Nora Rzadkowski
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens in Graz am 5. 5. 2000 statt.
Anselm:
Ich kann mit dem wenig anfangen. Es sind einfach Dinge, wo mir der Zusammenhang fehlt. Und zwar, daß eine Batterie leer gehen kann, das Lied kann noch zucken das versteh ich noch, aber "für immer ins herz brennen" das paßt einfach nicht zusammen. "Es zuckt nur noch" heißt: Es ist ja nicht mehr ganz da, nur mehr schwach da. Lebt noch kurz auf. Und dabei brennt es sich noch ein das paßt einfach nicht.
Christine J.:
Ich finde, das Problem liegt eher bei den Zeiten. Ich finde, es wäre besser, wenn alles in der Vergangenheit wäre ...
Anselm:
"brannte sich für immer ins herz" das würde heißen, es ist wirklich so, aber es ist ein Moment, der nicht so stattfinden wird. Das ist so, wie "ich möchte am liebsten im Erdboden versinken" das sagt sich leicht, das denkt sich leicht. Aber im nachhinein "brannte sich für immer ins herz" das ist ja das, was wirklich eingetroffen ist, nicht nur eine Momentaufnahme. Deshalb ist die Vergangenheitsform völlig unpassend für diesen Text.
Christine J.:
Auf jeden Fall finde ich, daß es sich sehr wohl einbrennen kann, im letzten Zucken, und ich glaube, es ist eine gute Symbolik für das, was sie aussagen wollte. Und ich glaube, man kann es ruhig noch ausbauen.
Christine E.:
Ich würde schreiben: "erwürgt das lied", weil durch das Leerwerden der Batterie ist das Lied erwürgt worden ... Ich finde, es paßt sonst so, wie es ist.
Martin:
Dieses Gedicht wirkt auf mich mehr durchgestaltet als das vorhergehende von ihr. Erst habe ich nachgedacht über die Länge dieser einen Zeile "zuckt noch und brennt sich für immer". Aber dann habe ich mir gedacht, es paßt, weil das der Sprung in die Gegenwart ist. Das soll vielleicht eine Art historisches Präsens sein. Man soll an dieser Stelle vielleicht besonders dabei sein. Für mich ist es klar, worum es geht. Das Lied, das verbunden wird mit einer Liebe, die nicht mehr ist. Und ich finde es ein sehr schönes Bild, daß die Batterie dieses Lied erwürgt, daß es nur noch zuckt und sich einbrennt. Ich halte das Gedicht für sehr gelungen. Und zum "einbrennen": In diesem Moment empfindet man es subjektiv so, würde ich sagen. Es soll ja nicht eine Erkenntnis sein, die allgemein gültig ist. Das ist ein wirklich sehr subjektiver Moment, einfach sehr, sehr dicht eingefangen. Da ist wirklich nichts zuwenig und nichts zuviel.
Anselm:
Es ist wirklich eine gute Idee, das stimmt schon. Aber das Bild von der Batterie ist ohne jeden Realitätsbezug. Daß eine Batterie ausgeht und dann noch diese Kraft vorhanden ist ...
Martin:
Für mich ist der Blick vom Realen, der Batterie, immer weiter weggehend. Aber das ist, glaube ich, schon bewußt so gesetzt.