Kritik zum Text "Souvenirs" von Anna Kohlweis
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens in Graz am 14. 4. 2000 statt.
Christine (die mit dem "Jelly"):
Ich finde, sie wiederholt sich. Wenn ich so etwas schreiben
würde, dann würde ich vielleicht ein paar Gegenstände
rauspicken. Nicht von so vielen schreiben, wo man nicht so recht
weiß ... Sie schneidet immer nur kurz an, ohne wirklich
Geschichten zu erzählen. Und am Schluß weiß man
nicht, warum sie das Ganze geschrieben hat, außer, daß
sie einen Tempel gegen das Vergessen baut. Und so abartig finde
ich das auch nicht. Außer vielleicht, wo er herumrennt und
mit den Gläsern Gerüchen einfängt ...
Entweder, sie nimmt ein paar total simple Gegenstände und
schreibt Geschichten dazu. Oder sie zieht es ins Lächerliche,
etwa wie bei den Zigarettenstummeln. Aber so weiß ich nicht,
ob ich es scherzhaft aufnehmen soll oder ernst.
Der Text sollte entweder kürzer und prägnanter sein.
Oder es müßte ein ordentlicher Schluß gefunden
werden.
Anselm:
Für mich ist es, wie wenn jemand eine Geschichte über
das Sammeln von Briefmarken schreiben würde. Was auch langweilig
ist. Irgendetwas fehlt. Die Geschichte an sich ist schon einmal
nicht allzu interessant, so wie sie es erzählt. Obwohl sie
sprachlich nicht schlecht ist. Und sie schreibt: Was ist falsch
daran, jeden Tag so intensiv zu leben zu versuchen, damit er nie,
niemals in Vergessenheit gerät? Das ist im Prinzip ein
Widerspruch. Weil, wenn man in der Vergangenheit lebt, dann lebt
man nicht sonderlich intensiv. Dann lebt man eigentlich gar nicht.
Die Vergangenheit ist ja nur im Kopf existent.
Es fehlt der Geschichte einfach etwas. Man könnte sie interessant
machen, indem es immer extremer wird. Daß es zu einer Angewohnheit
wird, daß jeder sieht, der muß ja Störungen haben.
Z. B.: Er beschreibt etwas, das für ihn ganz normal ist,
aber in Wirklichkeit absurd ist. Das wäre vielleicht eine
Idee. Oder es ins Lächerliche zu ziehen.
Vom Sprachlichen her ist es nicht schlecht geschrieben. Am Ende
hat sie schon ziemlich dick aufgetragen. Das wirkt schon ein bißchen
lächerlich: "Was ist schon falsch daran?"
Und soviel Pathos: Ein Tempel, eine Villa für die Vergangenheit,
ein Tempel gegen das Vergessen. Wenn ich Hundescheiße
aufsammeln gehe, ist das alles, nur kein Tempel gegen das Vergessen
und auch keine Villa für die Vergangenheit.
Christine:
Am Anfang hat sie auch angeschnitten, daß er so ungeliebt ist von den Eltern. Und daß er es vielleicht ersetzen will durch den Sammelwahn. (Wobei ich da nicht ganz versteh, warum er Hundescheiße sammelt.) Vielleicht hat sie das andeuten wollen, und ist aber dann wieder davon abgekommen.
Martin:
Ich tu mir auch schwer mit dem Text. Wahrscheinlich hat sie am Anfang noch nicht genau gewußt, worauf das Ganze hinauslaufen soll. Z. B. die eine Stelle, wo das "Ich" als von den Eltern ungeliebt dargestellt wird. Und wo es dann auf einmal heißt, daß die Eltern ohnehin nicht mehr an ihn denken. Aber das kann ich mir schwer vorstellen. Das ist ein Gedanke, der wird einmal aufgeworfen, aber nicht weitergeführt. Es sind schon gute Ansätze da, aber insgesamt wirkt der Text für mich zusammenhanglos. Ich hab mir auch erwartet, daß es sich zum Ende hin vielleicht richtig zuspitzt, verrückter wird. Aber es ist keine Entwicklung da. Ob das "Ich" etwas mit 17 oder mit 22 macht es ist immer das Gleiche, was beschrieben wird. Und die Nachbarstochter, die ist fünf, wenn er 22 ist. Und dann gibt sie ihm aber, wie er 17 ist, eine Ohrfeige. Das geht sich schon mathematisch nicht aus. Hier müßte vieles noch überdacht werden. Der Text ist sprachlich schön gemacht, aber es hapert bei den Verknüpfungen der Gedanken.
Sonja:
Es hat mir eigentlich recht gut gefallen, vom Gefühl her, was rübergekommen ist. Es könnte vielleicht ein Teil einer anderen Geschichte sein, die auch mehr Handlung hat oder einen Höhepunkt. Aber so ist der Text ziemlich langweilig. Vielleicht könnte sie ihn überarbeiten.