Kritik zum Gedichtzyklus "Ein Leidensweg" von Bernhard M. Sihler
(Auszug)
Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens in Graz am 3. 3. 2000 statt.
Nina:
Es wäre wahrscheinlich interessanter, wenn die erste Zeile variiert werden würde und es nicht immer Wort für Wort das Gleiche wäre. Was mir noch aufgefallen ist: Statt "scheinend" sollte "scheinbar" stehen, das stört mich einfach. Was mir positiv aufgefallen ist: Die Veränderung in den einzelnen Teilen hat mir gut gefallen.
Elisabeth:
Ein Problem habe ich mit dem ersten Satz "deine Nähe sehend". Der könnte spannender formuliert sein. Und: Der Text heißt Leidensweg, soll ein Zyklus sein; aber es wird immer die gleiche Gefühlsregung dargestellt. Hier würde ich gerne Veränderungen sehen. Es sollte sich auch in jeder Gedichteinheit etwas verändern. Aber so, wie es hier steht, ist es in einem durch das selbe. Und das ließe sich mit einem Gedicht auch sagen. Die einzige Veränderung war für mich an der Stelle, wo sie miteinander reden.
Nina:
Veränderung ist ganz stark da, wenn die Frage am Schluß ist, daß einen der andere vielleicht doch verstehen könnte. Denn erst hat man die ganze Zeit geglaubt, er versteht mich sowieso nicht und dann kommt das "oder vielleicht doch?". Das ist die Veränderung.
Elisabeth:
Die Veränderung müßte aber schon vorher stattfinden.
Nina:
Aber dann paßt der Titel nicht mehr.
Elisabeth:
Dann sollte der Titel vielleicht geändert werden.
Steffi:
Ich finde, dem Ganzen fehlt einfach die Spannung. Es ist schon eine Veränderung da, aber die ist so leicht, daß sie gar nicht spürbar ist. Und das "oder vielleicht doch?" am Schluß klingt für mich wie ein Rückkehren zum Ausgangspunkt. Das Ganze hat dadurch keinen Anfang und kein Ende.
Oliver:
Es ist nicht wirklich ein Leidensweg, sondern beschreibt eher eine Liebesgeschichte, die nicht so ganz "hinghaut" hat.
Steffi:
Der Titel ist total überzogen. Ich würde das nicht als "Leidensweg" bezeichnen.
Anselm:
Was mich vor allem stört: Zum einen schreibt er: "ich kann dich nicht an mich heranlassen" usw. und dann plötzlich: "du hast mir zugehört ein Anfang, oder?" Das paßt überhaupt nicht dazu. Vor allem sprachlich nicht. Und das ist bei jedem Ende so. Aber auf jeden Fall kann er schreiben.
Martin:
Ich glaube, daß hier vieles noch durchdacht gehört, was den Aufbau betrifft. Das Gerüst ist nicht ganz klar. Einerseits ist es reizvoll, dieses Spiel mit den Wiederholungen, andererseits ist es noch zuwenig durchdacht, vielleicht eher zufällig passiert, beim Hinschreiben. Offensichtlich kann der Autor schreiben, dürfte ein gewisses Gespür haben für Stimmungen. Allerdings: Die Sätze sind oft sehr ausufernd geschrieben; vielleicht läßt sich das Ganze dichter machen. Ich habe hier auch keinen Zyklus gesehen, für mich ist hier eher immer wieder das Gleiche beschrieben. Hier würde ich vielleicht reduzieren auf ein sehr, sehr dichtes Gedicht. Und es wäre genauso viel gesagt wie in vier Teilen.
Elisabeth:
Die Idee ist ja eigentlich recht gut, daß man einen Leidensweg beschreibt. Aber es muß eben auch ein Weg sein, es müssen Stationen sein. Also nicht vielleicht reduzieren, sondern sich überlegen, was man damit sagen will, was das für ein Weg sein könnte.
Steffi:
"Leidensweg" klingt so dramatisch. Da stellt man sich irgend etwas Schreckliches vor. Es hat auch so einen leicht religiösen Anstrich. Und das paßt einfach nicht.
Elisabeth:
Vielleicht "Reise" oder so was Ähnliches. Die Idee mit den Stationen finde ich einfach gut.