Kritik zum Text "Cleggan" von Anna Kohlweis

(Auszug)

Die Textbesprechung fand während des Werkstatt-Treffens in Graz am 14. 1. 2000 statt.

 

Christine:

Erstens die Jahreszeit: Man weiß nicht, ob es Frühling, Sommer, Herbst oder Winter ist, ob es warm oder kalt ist, weil erstens schreibt sie: Es ist zu kalt zum Reinspringen, dann ist sie aber rot im Gesicht und hat rote Beine, das heißt, sie hat die Hose raufgestrickt. Aber wenn es kalt ist, strickt man die Hose nicht rauf. Und man setzt sich nicht auf den Beton und läßt die Füße baumeln. Zweitens: Soviel Salz kann es auch nicht geben, da hat sie ein bisserl übertrieben. Dann ist das ganze so idyllisch, es passiert irgendwie nichts. Es ist vielleicht wie der Anfang von einem längeren Text. Aber es hat für mich keine Aussage außer einer "Urlaubsbeschreibung" vielleicht. Und am Schluß: Ich will über das wilde Meer fahren – ist das vielleicht eine Anspielung? Damit komme ich auch nicht zurecht. Sie schreibt: Wenn sie tot sind, schauen sie aus wie Jelly – aber niemand weiß, was Jelly ist, und sie hat auch keinen nächsten Satz, in dem sie es erklärt.

Anselm:

Schlecht ist es auf keinen Fall, man kann es wirklich lesen. Aber man kann es so allein nicht stehen lassen. Das ist ja keine Geschichte. Sie hat sich vielleicht auch zuviel vorgenommen. Und setzt schon Wissen voraus. Das ganze wirkt wie aus dem Zusammenhang gerissen. Ich könnte mir vorstellen, daß die Autorin wirklich zu guten Texten fähig ist.

Christine:

Ich finde, es ist ein guter Anfang für etwas. Irgendetwas muß noch kommen. (zustimmendes Nicken)

Anselm:

Von der Idee her ist es nicht schlecht. Aber für die Kürze sind zu viele Beschreibungen, wie er jetzt ausschaut. Auch der Dialog, der eigentlich keiner ist, gehört ausgebaut. Und: Man weiß nichts. Es ist zwar ein Bild, aber man weiß nicht wann, wo und wie und warum. Man weiß überhaupt nichts. Es ist keinerlei Anhaltspunkt gegeben. Es könnte ebenso um 1750 spielen wie 2034.

Martin:

Sprachlich ist es wirklich nicht schlecht, von den Beschreibungen her liest es sich ganz gut. Aber es hängt vor allem bei der Struktur. Für die Kürze ist einfach zu vieles angerissen und nicht ausgeführt, der Blick wechselt sehr oft. Und es sind immer wieder Begriffe drinnen, die man nur versteht, wenn man schon einmal dort war. Daß es in Irland sein könnte, ist nur ein Verdacht von mir, aber es wird in dem Text nirgends angesprochen. Und wenn immer wieder konkrete Namen fallen, sollte vielleicht doch der Bezug etwas klarer sein. Es sind noch viele Stellen, wo der Text ausgebaut werden müßte, damit er mehr Substanz bekommt. Aber es ist wirklich schon sehr vieles da, wo man etwas draus machen kann, und es ist schön beschrieben in den Bildern – über manche davon müßte man vielleicht noch nachdenken, ob sie so funktionieren, etwa die Muscheln, die in Beton eingeschlossen sind. Auch mit den kräuselnden Wellen hab ich ein Problem. Aber Ich denke, aus diesem Text kann sicher noch viel werden.

Christine:

Was unbedingt notwendig ist: Sie soll das "Jelly" uns nachschicken, was das ist, und da ist noch ein Satz – aber das ist vielleicht nicht so wichtig: ... ich schmecke das Meersalz auf meiner Lippe.

Martin:

Du möchtest gerne "Lippen" haben?

Christine:

Ja, bitte.