Marion Ziegler (17 Jahre)
Komm!
Zwei Quadratmeter Kälte. Triste, kalte Backsteine zierten die Wände. An der Wand eine Uhr. Tick, tack, unaufhörlich. Man konnte den Angstschweiß und die Verzweiflung förmlich riechen. Wie eine schwere Wolke, die jeden Augenblick explodieren konnte, hing sie im Raum.
Günter lag zusammengekauert auf der winzigen Pritsche, die lieblos in der Ecke stand, und dachte an das Kind. Dachte daran, ob ihm diese Tat wert gewesen war, um mit dem Tod zu bezahlen. Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Hatte er überhaupt gedacht? Er wusste es nicht. Konnte sich nicht mehr einmal genau an das kleine, unschuldige Gesicht erinnern, das so schmerzverzerrt und mit Tränen in den Augen im Wald auf dem Boden gelegen hatte. Tick, tack. Nur mehr dreißig Minuten, dann würde er dafür bezahlen, was er angerichtet hatte. Günter heftete seine Augen auf die Uhr. Seine blau-grauen Pupillen schrumpften auf Stecknadelgröße zusammen. Die Lider zitterten und zuckten vor Angst und Müdigkeit. Er hatte schon etliche Tage nicht mehr geschlafen. Seine Mutter war nicht einmal gestern bei ihm gewesen! Sie hatte es ihm doch versprochen! Hatte versprochen, ihm noch einen letzten Mohnkuchen zu bringen, den er so mochte. Etwas bricht zusammen. Etwas hat keinen Grund zum Optimismus mehr.
Günter stand auf. Seine Knie zitterten wie Espenlaub. Er ging zu den Gitterstäben und umklammerte sie, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Etwas stöhnt auf.
Günter schreit. Schreit aus vollem Hals. Rüttelt an den dicken Gitterstäben und schlägt mit beiden Fäusten auf die kalten Backsteine ein. Tick, tack.
Kalter Schweiß bildet sich auf seiner hohen Stirn und perlt am Kinn ab.
Ein Wächter tritt vor die Zelle und rammt ihm mit einem harten Stoß seinen Knüppel in die Magengrube.
Irgendetwas hört auf.
Günter setzt sich schmerzverzerrt auf die Pritsche. Er dachte wieder an das Mädchen. Sie musste wohl in dem Alter seiner Tochter gewesen sein. Sie hatte geweint, gefleht und gebettelt. Doch ihm war alles egal gewesen. Sie hatte dann doch getan, was er von ihr verlangte. Mehr hatte er nicht gewollt. Er wusste nicht, ob es ihm Leid tun sollte. Tick, tack
Günter fragte sich, ob sich vielleicht noch etwas geändert hätte, wenn er einsichtig gewesen wäre.
Etwas spuckt sich selbst ins Gesicht. Der Wächter stand noch immer vor der Zelle und blickte in kurzen Abständen auf seine Armbanduhr. Er wartete. Stand breitbeinig da, mit dem Rücken zu Günter, und klopfte mit seinem Knüppel rhythmisch gegen seine Handfläche. Sein Blick war kalt und emotionslos. Günter grübelte, ob er wohl auch Kinder daheim hätte.
Günter zuckt zusammen. Irgendwo am Ende des Ganges rastet eine Tür ins Schloss. Dann hört er Schritte. Dumpfe, schwere Schritte, die wie bedrohliches Donnergrollen durch den Gang hallen. Sie kommen immer näher. Er spürt sein Herz, das hart und fest in seinem Brustkorb pocht, als ob es sagen will: Hey, hörst du mich? Ich lebe, und das soll sich auch nicht ändern!
Er kann nicht mehr denken, kann nicht mehr schreien. Tick, tack. Es ist eine Minute vor Mitternacht.
Wie in Trance haftet sein Blick an der schwarzen Uhr, deren Zeiger die letzte Runde dreht.
Regungslos sitzt er da, seine Hände zusammengefaltet. Er hört nur mehr einen Eisenschlüssel, der die Zelltür aufsperrt, zwei Paar Gummistiefel, die eintreten und eine Stimme, die sagt: Komm!