Kritik zum Text „Seltsam“ von Barbara Chaloupka

Die Besprechung fand während der Schreibzeit Hard 2006 statt.

 

Gregor:

Ich finde, dass der Text einige grobe Handlungsfehler und inhaltliche Schwächen hat. Zuerst einmal sind viel zu viele einzelne Handlungsstränge begonnen und kaum weiter behandelt worden (Der Igel, Schatten, Daniel...). Es scheint auch so, dass die Akteure völlig ohne Motivation handeln, denn die meisten Begründungen muss der Leser sich selbst in dem Gewirr aus Handlungssträngen finden, und teilweise fehlen sie auch völlig.

Grobe Denkfehler machen das weitere Verstehen noch schwerer, wie etwa sollte Daniel ihr sein Messer geben, mit dem sie ihn dann umbringt; wie kann man sich, nachdem man sich die Sehnen einer Hand aufgeschnitten hat, mit dieser auch noch genug Druck ausüben, um die andere ebenfalls aufzuschneiden usw. Die einzelnen Problematiken werden auch wenig behandelt oder bleiben gleich völlig ungelöst in der Schwebe. Der Schluss ist allerdings der größte Schwachpunkt, da es neben kitschiger Formulierung und schlechter Wortwahl auch kaum einleuchtet, wieso die Geschichte eines unscheinbaren Mädchens noch jahrelang weitererzählt werden soll.

 

Petra:

Um den Text wirklich zu verstehen, muss man ihn ein paar Mal lesen. Und auch dann bleiben einige Fragen offen. Das liegt zum Teil daran, dass du viele verschiedene Handlungen in den Anfang bringst, die Fragen aufwerfen oder für die „Hauptgeschichte“ einfach nicht relevant sind. An manchen Stellen sind deine Formulierungen etwas kitschig. Vielleicht solltest du auch die Anzahl der Toten in deinem Text etwas verringern, zum Beispiel ist der Tod des Vaters eine eigene Geschichte, und es kommt auch nicht wirklich raus, wer der Schatten ist oder warum Daniel (wer ist Daniel überhaupt?) umgebracht wird. Und warum wird diese Geschichte noch Jahre später erzählt? Woher wissen die Leute denn alles so genau?

 

Irene:

Das Problem des Textes ist die fehlende Einheit der Handlungsstränge und eine übermäßige Dramatisierung: Der Tod der Großmutter scheint keinen Einfluss auf die Handlung zu haben. Der Krebstod des Vaters wäre eine eigene Geschichte für sich, wird jedoch innerhalb weniger Zeilen abgehandelt.

Der Mord an Daniel und der Selbstmord aufgrund ihrer Schuldgefühle scheint mir der Haupthandlungsstrang zu sein, wird jedoch nicht wirklich glaubwürdig erzählt: Warum hat Nadja Daniel umgebracht? Wer war Daniel? Warum bringt sie sich erst jetzt um?

Und das Nebenthema Schizophrenie macht den Text zu einer vollkommen überladenen Geschichte: Mord, Selbstmord, Krebstod, Tod wegen Altersschwäche und Schizophrenie sollte man nicht alles in einem dreiseitigen Text unterbringen wollen, wo man dann ohnehin keinem dieser Themen gerecht werden kann.

Die Motivationen und Charaktere der Figuren bleiben unklar, da allen nur wenig Raum bleibt, eine Persönlichkeit zu entwickeln.

 

Patrizia:

Wie auch vorher schon genannt, habe ich das Gefühl, dass du dich mit der Anzahl der Handlungsstränge etwas übernommen hast. Im Grunde schreibst du über sechs unabhängige Themen, denen du aber viel zu wenig Spielraum lässt, um sich zu entfalten. Da ist zum Ersten die Schizophrenie Nadjas, die ja an und für sich schon ein ausgesprochen heikles Thema darstellt, in dem man gerne auf Vorurteile und Klischees zurückgreift,weil einem logischerweise das nötige Fachwissen dazu fehlt, wobei du dieses Problem meines Erachtens eh relativ gut gelöst hast; die Frage, die sich hier stellt, ist nur, ob diese fiktive Figur der Maria (deren Bezeichnung als Schwester ich auch relativ unglücklich finde) für die Geschichte an sich wichtig ist. Sie nimmt oft unberechtigt Platz in Anspruch und trägt manchmal nur zur Verwirrung des Lesers bei, ohne einen Zweck zu erfüllen.

Das zweite Thema ist die Krebserkrankiung des Vaters, die entweder genauer erklärt, oder auf die verzichtet werden sollte (ganz abgesehen davon, dass der von dir beschriebene Ablauf der Erkrankung unlogisch ist und in der Realität so nie stattfindet; wenn dieser Mann nur noch wenige Wochen/Monate zu leben hat, vertrödelt er erstens seine Zeit nicht mit harten Arbeitstagen und zweitens ist er dann gesundheitlich in viel schlechterer Verfassung, ist bettlägrig, hat Schmerzen, etc.

Drittens ist es praktisch unmöglich, eine Krebserkrankung, vor allem vor der eigenen Familie, geheim zu halten, allein schon wegen der Untersuchungen, Behandlungen, Operationen, ... ein Kranker wird ja nicht einfach so für todkrank erklärt!).

Ein Teil der Geschichte, der für mich überhaupt nicht funktioniert, ist die Rolle des Igels. Die Fragen, die sich Nadja stellt, sind lächerlich und kindlich und bringen der Geschichte überhaupt nichts zumindest habe ich den Zusammenhang nicht gefunden...

Der Vierte Punkt ist der Tod der Großmutter, der für den Ablauf auch nicht wirklich von Bedeutung ist. Er bringt eine deprimierende Komponente in einen Text ein, der durch seine ganze Stimmung schon sehr schwarz und düster ist und den Leser eher herunterzieht.

Meines Erachtens, also so wie ich den Text verstanden habe, geht es im Kern der Geschichte um die Beziehung zwischen Nadja und Daniel, wobei beide Charaktere, besonders der Daniels, viel zu wenig herausgearbeitet wurden, und die Motivation für ihr Handeln nie wirklich klar war: Warum verlässt Daniel Nadja? Weshalb muss sie ihn dann töten (wobei auch dieser Mord nicht so richtig herausgekommen ist)? Welche Rolle spielt dabei dieser ominöse Schatten und was verkörpert er? Problematisch ist für mich auch die zutiefst lethargische und depressive Mutter, die zwar funktioniert und auch einiges zur düsteren Stimmung der Geschichte beiträgt, aber viel zu wenig Persönlichkeit besitzt. Warum ist sie so geworden? Wie geht sie mit dem Tod der Großmutter und des Mannes um? etc.

Auch der Schluss der Erzählung ist insofern unbefriedigend, als du den Leser mit sehr vielen offenen Fragen zurücklässt. Mich würde zum Beispiel brennend interessieren, was sie auf dieses Bild gemalt hat, was der Schatten ihr zuflüsterte, in welchem Zusammenhang das mit Daniel stand, und wieso es sie letztendlich in den Tod trieb... Auch der Nachsatz am Schluss, dass ihre Geschichte über Jahre erzählt wurde, ist eher unglaubwürdig, da es zwar ein tragischer Schichsalsschlag war, aber defintiv kein Einzelfall, also nichts derart Spektakuläres, dass sich Mythen und Legenden darum ranken würden; besonders die Formulierung „sie war erleuchtet worden“ ist in Anbetracht der Tatsache, dass sie zumindest zwei Menschen getötet hat, ziemlich unglücklich gewählt.

Neben den inhaltlichen Unklarheiten tauchen durch die ganze Geschichte hindurch auch oft logische Fehler auf, z. B. dass Nadja nie in die Schule muss, dass sich ihre Mutter nie darum kümmert, ob sie isst oder schläft; das soziale Umfeld (Freunde, etc.) Nadjas bleibt total im Dunkeln; wenn man sich die Pulsadern so tief einschneidet, dass man das Messer kaum noch halten kann, sind meistens die Sehnen durchtrennt, d h., man hat kein Gefühl mehr in den Händen und kann gar nichts mehr mit ihnen machen; wenn man jedoch wirklich nur die Venen erwischt, ist es kein Problem, dass gleiche auch mit der anderen Hand zu wiederholen.

Stilistisch kommen oft Wortwiederholungen vor, wie z. B. bei dem Wort „seltsam“, das einfach viel zu oft genannt wird, oder in der Szene, kurz nachdem ihr Vater gestorben ist, da hast du auf zwei Zeilen vier oder fünf mal das Wort „sagen“ verwendet. Auch Formulierungen wie die, dass sie eine lange Zeit wortlos neben der stummen Mutter gestanden hat, und es dann plötzlich still wird, funktionieren einfach nicht.

Alles in allem ist die Idee der Geschichte durchaus interessant, nur wäre es besser, sich auf eine Kernhandlung zu konzentrieren und hier dann die Charaktere und deren Handlungsmotivation genauer herauszuarbeiten; ich denke, dass dann auch viele Fehler im logischen Handlungsablauf von selbst verschwinden...