Kritik zum Text von Patrick Kappacher

Die Textbesprechung fand während des Treffens der Jury am 25. April 2004 in Graz statt.

Susanne

Also, mein erster Eindruck: Mir hat’s zuerst der Eingangssatz angetan, so von wegen, es wird am Anfang eine Stimmung beschrieben, zumindest habe ich damit gerechnet, aber plötzlich bricht das ab und dann geht’s mit irgendwas anderem weiter. Das war eines von vielen Sachen, die man noch hätte ausbauen können. Dann war ich natürlich vom Schluss etwas verwirrt, weil das wirkt ein bisschen wie abgebrochen oder unterbrochen worden und dann nicht mehr weiter geschrieben. Oder nicht mehr weiter eingesandt, keine Ahnung. Insgesamt würde ich sagen, die Idee könnte gut sein, aber es sind lauter Ansätze drin, die alle noch, oder zumindest einige davon müsste man ausbauen und kein einziger davon ist wirklich genug ausgebaut, habe ich den Eindruck.

Zum Beispiel war ein Ansatz, wo seine Arbeitsvorgänge beschrieben werden und wo anhand dessen dann seine Ideen und seine Gedanken rauskommen, so fast wie ein innerer Monolog. Aber dieser Ansatz verliert sich irgendwo unterwegs. Es wäre vielleicht eine ganz gute Möglichkeit, den Ablauf des ganzen Textes ein bisschen anhand seiner Arbeit zu strukturieren. Zu beschreiben, was er tut, von einer Tätigkeit zur anderen, und was er dazu denkt, weil vielleicht wird der Text dadurch mehr Struktur bekommen. Und dann müsste man vielleicht noch aus den Themen, die da überall so ein bisschen angerissen werden bestimmte mehr herausarbeiten. Man hat eigentlich, wenn man den Text gelesen hat, das Gefühl, man weiß nicht genau, worum es jetzt wirklich hätte gehen sollen.

Ich habe den Eindruck, es sollte eine Charakterisierung von der Hauptperson David sein, und, was weiß ich, seines Verhältnisses zu Frauen oder so, aber mir kommt vor, es kommt nicht genug raus. Und was mir vom Stil her aufgefallen ist: Es gibt relativ umständliche Formulierungen, sehr viel sehr lange, zum Beispiel, Partizipien. Es sind oft so umgangssprachliche Ausdrücke drin, die vielleicht so ein bisschen einen ironischen Touch haben, das kommt aber nicht genug, was heißt es kommt nicht genug raus, es ist weder durchgehalten dieser Stil, noch rein ernster Stil, noch ein innerer Monolog. Und mir kommt vor, als wäre es ein bisschen eine gescheiterte Ironie, mit der er sich selber ansieht.

Ja, mein erster Eindruck.

Maria

Ich fang mit den Kleinigkeiten an, allerdings hat die meisten davon die Susanne auch schon erwähnt. Sätze viel zu umständlich, Sätze zu lang. Zu viel Partizipien. Umgangssprachliche Sachen, die mich gestört haben, zum Beispiel: speckig, oder Seelenklempner oder dergleichen. Ja, wäre nur bei einem sehr lustigen Stil passend. Und so lustig ist es dann nicht geschrieben. So genaue Zahlenangaben können auch ungünstig sein, oder so. Irgendein, oder irgendwas, oder irgendwie kam öfter mal vor.

Ein, zwei logische Sachen haben mich gestört. Zum Beispiel diese Conny, die im einen Satz als verklemmt oder als ängstlich beschrieben wird und im anderen Satz als Schulflittchen, das passt nicht so richtig zusammen.

Gut gefallen haben mir dafür andere einzelne Formulierungen, da zum Beispiel bei dem Baudelaire-Band, wo er vorsichtig den Staub mit den Fingern wegschiebt und den Blick freigab auf die Skyline. Da kann ich mir was vorstellen, was er macht und wie das aussieht und wie es ihm dabei geht. Gut fand ich auch die Idee, na ja, was Susanne auch schon gesagt hat, seinen Zustand anhand einer Tätigkeit zu zeigen, ja, so wo er die Nachbestellungen macht in dem Versandkatalog. Aber das war mir insgesamt einfach zu schlecht formuliert. Da hätte ich mir ganz einen anderen Ausbau gewünscht. Also, dass er lange Zeit in dem Katalog liest und nur ganz wenig nachbestellt, daran erinnert man sich gut, aber nicht mit den zwanzig Minuten, und dann sind es glaub ich noch einmal zwanzig Minuten und dann sich zu fragen, wann er in Wut ausbrechen würde, fand ich ja auch ein bisschen komisch. Also, entweder wird er wütend, oder nicht.

Insgesamt kann ich mir die Beziehungen zu den beiden Frauen gut vorstellen, also sowohl zu seiner eigenen als auch zu der Conny. Bei der Beziehung zu seiner eigenen Frau eigentlich auch so Sachen wie diese Art, wie die sich streiten zum Beispiel, die wird mir klar, wenn er Telefongespräche mit ihr beschreibt oder mal ein einzelnes mit ihr beschreiben würde. Das wird mir nicht klar beziehungsweise das ist nicht literarisch, wenn du schreibst wie: des reinigenden Streits aus Samstagnachmittag-Talkshows, das ist so, na ja, keine Ahnung wie Journalismus oder so eher.

Dann ist mir auch nicht klar, warum diese Reihenfolge. Warum zuerst seine eigene Frau und dann diese Schulbekanntschaft oder Schulfreundschaft, die ja doch recht länger her sein muss dann. Da ist an die Funktion von den Texten nicht klar angeschlossen, ich meine, am Text ist es so nicht, wenn’s ein Ausschnitt ist oder ein Anfang von irgendwas, dann müsste man das dazu sagen oder dazuschreiben.

Wenn man die Atmosphäre ausbauen würde mit den entsprechenden Mitteln, könnte es aber noch ein guter Text werden, finde ich.

Martin

Ja, mir ist es leicht ähnlich gegangen wie der Susanne und der Maria, also ein Text, der stellenweise Atmosphäre hat, eben der Anfang mit diesen Staubflöckchen auf dem Holzregal, das habe ich als schönen Einstieg gefunden, weil man da irgendwie schon mal dabei ist, bei so einem Bild, aber dann wird’s eben immer mehr verwirrend. Also ich glaube, es ist einfach die grundsätzliche Entscheidung nicht gefallen: was soll erzählt werden, um welche Personen soll es denn eigentlich nun wirklich gehen, in welcher Beziehung stehen die zueinander und auch wie soll’s erzählt werden. Soll es eher etwas Ernstes werden, soll’s von der Sprache her eher etwas Poetisches werden oder eher was Umgangssprachliches. Es ist einfach vieles gemischt und da müsste, glaube ich, erst einmal vom Autor einfach grundsätzlich entschieden werden. Also, ich erfahre einfach auch viel zu wenig über die Beziehung zwischen der Hauptperson David oder David [engl.] und der Conny, also die wird sowieso nur ganz kurz abgehandelt, aber auch zu seiner jetzigen Frau, zu dieser Jennifer heißt sie, glaube ich. Da wird auch vieles nur Angesprochen, also es ist irgendwie von Streit die Rede, und sie konnte einen echt zur Weißglut bringen, aber das sagt mir einfach viel zu wenig, als dass ich mir das jetzt wirklich vorstellen könnte. Und auch was eben seine Person betrifft, axtschwingender Psychopath, das ist für mich eben auch einfach nichtssagend, das ist für mich irgendwie so aus dem Zusammenhang, also es kommt einfach so aus dem Nichts heraus. Ich stelle mir auch eigentlich nicht wirklich etwas vor unter einem nirvanaerfüllten Buddha, der gerade die Grenzen seines Seins hinter sich gelassen hat, der einen Amoklauf machen will. Das ist für mich einfach sehr, sehr abstrakt gedacht, also sehr im Kopf zurecht, zusammengedacht.

Auch ein von Staub und Verfall zerfressener Alltag sagt mir eigentlich nicht wirklich etwas. Auch das Wort Sex ist eben einfach nur ein Begriff, der eigentlich nichts aussagt. Dann gibt es auch noch einen Perspektivenwechsel, wo dann von Straßenstreusteinen die Rede ist, die sich selbständig machen und einen Tapetenwechsel brauchen, aber diese Perspektive wird dann auch schnell wieder verlassen, weil man dann wieder beim David ist. Dann werden alte Haarspangen gefunden, die dann wieder doch keine Bedeutung haben, aber es werden ihnen doch einige Zeilen gewidmet. Also es bleibt einfach sehr, sehr viel unklar, letztlich.

Und dann sind eben auch noch so Partizipkonstruktionen, zum Beispiel „der von wenigen dafür vom Schnee umso nässeren Schuhen verdreckte und schlammverkrustete Linoleumboden“ oder „dem aufkommenden allgemeinen Trend entsprechend einfach der nicht stimmenden Chemie“, also das ist einfach, also das könnte man, glaube ich, einfach viel treffender, lebendiger beschreiben, indem man diese Partizipien umgeht und sie vielleicht durch Verben ersetzt.