Kritik zum Text „Im Riesenrad“ von Fabian Wahl

Die Textbesprechung fand während des Treffens der Jury am 25. April 2004 in Graz statt.

 

Susanne

Zu dem Text: Ich muss sagen, ich mag die Idee, dass man einen Rummel von oben beschreibt. Auch, dass es diesen Rahmen vom Riesenrad gibt, weil es irgendwie eine andere Perspektive ist, und das hat mir doch gut gefallen.

Nur insgesamt ist die Beschreibung teilweise gekippt. Einerseits war es manchmal zu direkt. Zum Beispiel wenn du beschreiben willst, wie lebendig alles war, würde ich nicht Sätze nehmen wie „Alles war lebendig.“ Punkt. Sondern da war zum Beispiel die Beschreibung „alles dreht, rast, überschlägt und bewegt sich“ zum Ausdruck dessen schon besser. Für mich war’s die richtige Richtung, nur war es ein bisschen zuviel des Guten. Es war eins von diesen Bildern, die so, die einen ein bisschen erschlagen, würde ich sagen.

Was einen vor allem ein bisschen erschlägt, sind die Formulierungen. Es sind, es besteht fast der ganze Text aus, ja, umständlichen Formulierungen. Die sind einerseits ein bisschen überzogen, zu pathetisch, und andererseits rein grammatikalisch ein bisschen… sind sehr viele Partizipien, die winden sich so aus dem Text raus und als Leser verliert man dann ein bisschen den Überblick, was jetzt eigentlich gesagt werden soll, weil da so Sachen wie „die im monotonen Grau des Himmels wie Irrlichter wirkenden Lichterketten“, das ist einfach, da bleibt von dem Bild nicht mehr viel übrig. Da verliert man sich in der Formulierung oder versucht, nachzuvollziehen, was du sagen wolltest. Dann fällt man ein bisschen aus dem Bild raus. Das ist schade, eigentlich, weil die Idee, das zu beschrieben, habe ich gut gefunden.

Was noch war, was den Rahmen betrifft: Einerseits ist da dieser Ich-Erzähler, der aus dem Riesenrad schaut, und dann verlierst du dich so in den Formulierungen, ja, in den Beschreibungen, dann ist man in dem Bild einmal drinnen und dann taucht plötzlich wieder das Ich auf, und das kam ein bisschen zu unvermittelt nach all den Beschreibungen, glaube ich. Vielleicht sollte man es so machen, dass das Ich inzwischen wieder vorkommt, weil ein paar fast bewertende Dinge kommen ja vor. Dass der Ich-Erzähler diesen Platz als einen Platz des Vergessens und all diese Dinge beschreibt, vielleicht könnte man da das Ich manchmal ein bisschen mehr hervorheben, dass das nicht wieder so unvermittelt kommt.

Und eine Kleinigkeit noch, die mir von der Logik aufgefallen ist, ich weiß nicht, ob die, die Klangwolken so weit hinaufreichen können, dass man die am höchsten Punkt des Riesenrades noch hört, zumindest nicht so diese Einzelheiten, wie das Gelächter der Tombola-Teilnehmer, das wohl nicht, das ist wohl eher so eine allgemeine Klangwolke, aus der man nicht mehr heraushören kann, was alles drinnensteckt. Ja, das mal als erstes.

Maria

Ging mir genauso wie der Susanne. Die Idee hat mir gut gefallen, ich mag so Texte, wo eigentlich nichts passiert und sich trotzdem etwas bewegt. Insgesamt waren mir die Bilder alle zu ausführlich, also ich glaube, dass wenn der Text vielleicht nur ein Dreiviertel so lang wäre, dann würde er an sich präziser und an sich kürzer. Dann hätte man sehr viel mehr davon als Leser. Dann waren die Zeiten auch nicht ganz konsequent, mit Gegenwart und Vergangenheit, manche Partizipien und dem, was Susanne aber auch schon alles gesagt hat.

Zwei Sachen noch speziell: Der letzte Satz, „ein Ort, an den manche Menschen gehen um zu verdrängen und zu vergessen“, den finde ich ein bisschen schade, weil der vorletzte Satz „aus dem Zwergendorf war wieder der Rummel geworden“, das fand ich einen sehr schönen Schnitt, eigentlich, oder wo er sich da wieder trifft, also da war für mich der Text zu Ende. Da war er gut zu Ende, dann hatte ich was in der Hand, und dann dieser „Ort, an den manche Menschen gehen um zu verdrängen und zu vergessen“, das war schon der Schluss vom ersten Absatz, der gleiche, und da fand ich, dass man, dass ich, ja, die Beschreibung besser fand als das genaue Aussprechen wieder.

Und noch so was, das mit dem Glück, wo du davon schreibst „ruhelose blasse Untote, die auf der Suche nach dem Sinn ihrer leidigen Existenz hier Station machten, um etwas aufzusaugen, das es dort gar nicht gibt, das sie aber dringend brauchten“, da kann man das Glück erahnen oder das so was in der Richtung gemeint ist, da kann man sich was darunter vorstellen, ohne dass du da noch hinschreibst „Glück“. Abgesehen davon ist mit Fremdwörtern wie „Existenz“ auch immer vorsichtig… das klingt dann leicht so wie eine philosophische Arbeit oder so und nicht so besonders, nicht so atmosphärisch… die leidige Existenz, hm… muss nicht sein. Aber die Idee hat mir gefallen, und es ist sicherlich dran zu arbeiten.

Martin

Ja, mir hat die Idee auch gefallen, diesen Rummel mal so von ganz oben zu beschreiben und dann eben wieder das Eintauchen nach unten. Es ist, glaube ich, nur nicht bis zur letzten Konsequenz gelungen, was ich sehr schade finde. Zum einen schon eben, wo der Erzähler praktisch oben ist, und beschriebt das eben wie einen galaktischen Sternhaufen. Dann auf einmal ist aber das Kettenkarussell die Riesenkrake, das geht eigentlich nicht, wenn das wirklich von ganz weit weg ist, kann das eigentlich keine Riesenkrake mehr sein, sondern eher fast nur eine Spinne oder so etwas Kleineres eben. Abgesehen davon habe ich dann eben auch mit manchen Bildern, etwa „ein galaktischer Sternhaufen“, ja das weiß ich halt nicht, ist vielleicht auch nicht ganz so glücklich gewählt, Auch die „emsigen Ameisen“ ist vielleicht ein bisschen zu sehr Klischee. Dann habe ich eben auch so Probleme mit vielen Adjektiven, wie „monoton“ oder „heimelig“ oder „unfassbare Lautstärke“ oder „überdrehte Welt“, „leidige Existenz“ und, wenn wir schon beim Stilistischen sind, also es ist ein stellenweise eben, ein sehr nominaler Stil. Die Hauptwörter dominieren, was dem Ganzen eine gewisse Distanziertheit gibt, das ist eben „Künstlichkeit“, „Oberflächlichkeit“, „Sekundentakt“ taucht da kurz hintereinander auf, „Hektik“, „Überzogenheit“, „Verlogenheit“. Auch das Wort „Distanziertheit“ fällt, glaube ich, selbst, was so ein bisschen das Problem des Textes ist, dass es einen Leser oder Zuhörer einfach nicht so richtig mit hinein nimmt, was ich eigentlich sehr schade finde, weil der Text einfach wirklich noch sehr stimmig werden könnte. Dann habe ich auch so ein bisschen Probleme mit der Logik, also eine Kapsel, wie es am Ende dann heißt, damit ist, glaube ich, dieser Kabine oder dieser Fahrkorb gemeint… so ein Riesenrad ist ja doch etwas sehr Geschlossenes, aber wenn man in so einer Kapsel drin ist, dann kann man eben das alles nicht mehr hören, was da vorhin ist: das Gemurmel, das Geraune, das Geschrei von unten, das Gelächter, das ist dann wirklich alles eigentlich wie ausgeblendet.

Dann sind eben auch Wiederholungen drinnen, also diese Irrlichter kommen zweimal und es wird mir aber nicht klar, dieser Wandel, der inzwischen passieren soll, dass die Welt dann auf einmal wieder wie Irrlichter ist. Also ich hab da eigentlich diesen Zwischenteil, der da irgendwie ist, als nicht soviel anders erlebt, und dann eben auch diese Formulierung „Irrlichter, Lichterketten, Lämpchen“, also dreimal diese Leuchtkörper hintereinander ist mir dann doch vielleicht ein bisschen zuviel Licht in einer einzigen Formulierung dabei. Und es fehlt mir eben bei manchem einfach an Erklärung. Diese Verlogenheit, die Alltagsprobleme, das sind eben doch sehr allgemeine Formulierungen. Ich hätte mir da eben doch einfach ein bisschen mehr an Beschreibung gewünscht. Und auch mit diesen Untoten, da fang ich irgendwie gar nichts an damit, da verbinde ich eben auch kein Bild damit, ist auch etwas recht allgemein. Und genauso überlege ich, ob jetzt am Schluss diese Erklärung noch sein muss mit diesem Rummel, der als Ort erlebt wird, in dem Menschen eben gerne verdrängen und vergessen. Also, ich glaube, dass braucht’s nicht, weil der Text das so eigentlich auch sehr gut vermittelt.

Susanne

Kann ich noch was hinzufügen?

Ich habe auch diese Eindrücke gehabt, dass man den Schlusssatz vielleicht weglassen könnte, um die Stimmung mehr zu erhalten, dass einfach aus dem Zwergendorf wieder der Rummel wird. Ich glaube, das genügt… ja, ich glaube, ich bin wieder auf dem Boden, sozusagen.

Was noch war: Eine Kleinigkeit zu der Kontinuität. Zum Beispiel, ich habe die Idee gut gefunden, dass dann von oben, dass es wieder hinunter geht, dass man wieder dem ganzen Getümmel näher kommt, nur hat mich ein bisschen irritiert die… der Übergang, der eigentlich keiner ist, dieses „ein Lüftchen wehte und ließ mich aufblicken“. Also, das weiß ich nicht, ob man bei etwas, das man spürt, aufblicken kann, ich glaube, das müsste einem dann auf irgendeine andere Art und Weise bewusst werden. Und dass es dann dunkel wird müsstest du vielleicht rein der Atmosphäre zuliebe ein bisschen genauer ausführen, wie das dann gemeint sein soll. Ob das jetzt ist, weil das Riesenrad wieder nach unten geht, ob das dann einfach wieder ein Schatten ist, dass man dem unten wieder näher kommt, oder soll das jetzt wirklich abendliche Dunkelheit sein, oder was? Das war ein bisschen irritierend.

Sonst all das mit den Lichtern, das Irrlichterbild hat mir an sich ganz gut gefallen, weil es einerseits ein bisschen diese Verlogenheit rausbringt und andererseits die Verbindung mit den Lichtern … nur war’s vielleicht wirklich so, wie Martin schon gesagt hat, ein bisschen zu viele Lichter auf einen Haufen.

Insgesamt würde ich sagen, es ist ein guter Ansatz, mir war es ein bisschen zu bewertend, um ein reiner Beschreibungstext zu sein, oder ein reiner Beschreibungstext hätte mir für dieses Thema besser gefallen. Ich glaube, da kommt dann manchmal zu sehr das Ich rein, mit diesen… mit dieser Verlogenheit und ähnlichen Sachen, die sind vielleicht zu bewertend.

Und was vielleicht gut wäre, damit die Kontinuität besser rauskommt oder besser, eine entsteht, dass man sich erst vorstellt, was man eigentlich alles beschreiben will, welche Bilder da reinkommen sollen und wie man’s aufbauen will, also zum Beispiel mit diesem zuerst oben und dann wieder nach unten, und dass man es vielleicht erst dann umsetzt. Vielleicht hilft das, dass die Bilder authentischer rüberkommen. Ja.