Irmina Watzer (14 Jahre)
Regentränen
Heute Nachmittag hat es geregnet. Der Sturm hat das Wasser gegen das Fenster gedrückt. Alles war schwarz, als ob die Sonne sich nie mehr durch die dicke Wolkenmauer kämpfen könnte, als ob nie mehr ein Lachen zu hören wäre, auf diesem düsteren Planeten.
Ich bin in meinem weißen Zimmer gesessen und habe hinausgeschaut. Dabei bin ich mir ganz unwirklich vorgekommen. Wie eine Zimmerpflanze, die am Fenster steht und das Wetter beobachtet, und obwohl all das nur wenige Zentimeter entfernt geschieht, hat sie künstliche Wärme, künstliches Wasser.
Ich habe seit Wochen dieses Zimmer nicht verlassen. Einsam im Krankenhaus, umsorgt von Maschinen, in einem künstlichem Raum.
Aber wieder einmal hat die Sonne doch gesiegt. Als der Regen vorbei war, bin ich aufgestanden, ans Fenster gegangen, und habe es geöffnet. Draußen war die Welt frischer, sauberer, wie neu. Der Regen hing kaum mehr in der Luft, die letzten Regenschleier waren vom Wind vertrieben worden, doch an meinem Fenster waren dicke Tropfen. Regentropfen, wie Tränen. Meine ganz persönlichen Regentränen. Ich habe sie mit dem Finger aufgesammelt und meine Wangen hinunterrinnen lassen. Mein ganzes Gesicht war mit ihnen bedeckt. Auch auf meiner Nase und Stirn, wo keine gewöhnlichen Tränen hinrollen. Regentränen sind nicht gewöhnlich. Sie sind mein Gefühl von Regen. Mein Gruß an die Welt. Wenn du das nächste Mal Regen auf deiner Haut spürst, denk an mich! Ich werde bei dir sein.