Fabian Wahl (17)

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Im Riesenrad

Wir erreichten den höchsten Punkt des Rades. Mit einem gemütlichen Knarren hörte es auf, sich zu drehen. Ich richtete meinen Blick nach unten: Klein wie eine Playmobilstadt und bunt wie ein Lebkuchenhausland sah der Rummel aus. Die im monotonen Grau des Himmels wie Irrlichter wirkenden Lichterketten und Lämpchen vermittelten den Eindruck eines von außen betrachteten galaktischen Sternhaufens. Alles dreht, rast, überschlägt, fährt und bewegt sich. Wie das einem großen rosa Pilz gleiche und aus der Masse herausragende Kettkarussell, dass mit seinen immer schnelleren Auf- und Ab-Bewegungen wie eine gigantische, um sich schlagende Riesenkrake wirkt, oder die Riesenschiffschaukel, die sich wie von Sturmwellen auf offener See zurückgepeitscht ihrem Höhepunkt näherte. Alles war lebendig. Das Kreischen der Achterbahnfahrer, das Gelächter der Tombolateilnehmer und das Weinen der kleinen Kinder. Das Gemurmel, Geraune und Geschrei der wie emsige Ameisen wuselnden Masse und das hektische, monotone, jedoch heimelige Musizieren von Gauklern und Drehorgelspielern bildeten eine Klangsuppe von unfassbarer Lautstärke. Und über allem schwebten wie Schafe in einer Horde aussehende, nach allen möglichen Köstlichkeiten und Gaumenfreuden riechende Rauchwolken. All das zusammen ergab ein merkwürdiges, aber fröhliches Bild, welches zeigt, dass dies Zwergendorf dort unten ein Platz des Spaßes, der Freude und der Ausgelassenheit war. Aber auch ein Platz des Vergessens.

Die Sonne ist untergegangen, es ist nun stockfinster. Ein Lüftchen weht und lässt mich aufblicken. Wir fuhren langsam nach unten, mir wurde kalt. Als ich mich wieder nach unten wandte und den Rummel mit einer merkwürdigen Distanziertheit betrachtete, bot sich mir ein anderes Bild. Plötzlich wirkte der Rummel, mit seiner einem unterirdischen Maulwurfsgang nicht unähnlichen Enge und Gedrängtheit und den künstlichen, eine heile Welt vorgaukelnden Verkaufsständen, wie ein Beispiel für die hektische, überzogene und verlogene Welt, in der wir heute leben. Plötzlich wirken die Lichter des Rummels nicht mehr lebendig und wie ein Hort des Friedens in einer ansonsten völlig dunklen Welt, sondern erneut wie Irrlichter, die Geborgenheit vorgaukeln und dann in den Abgrund führen. Unvermittelt verzerrt der Wind die Schäfchen zu unglaublichen Fratzen, böse und hinterlistig, auf einmal werden aus Lichterketten nervös blinkenden Blaulichtern gleiche Lichtbatterien, die ihre Oberflächlichkeit sekündlich auf die Menschen loslassen. Und aus den vorher noch geschäftigen Menschen sind ruhelose, blasse Untote geworden, die auf der Suche nach dem Sinn ihres leidigen Daseins hier Station machten, um etwas aufzusaugen, das es dort gar nicht gibt, sie aber dringend brauchen. Es wirkt alles so bedrohlich, so abstoßend, bietet einen Eindruck, der mehr an eine hell erleuchtete Geisterstadt als an einen Rummel erinnert.

Dann stoppte das Riesenrad erneut. Wir stiegen aus, die Fahrt war zu Ende und aus dem Zwergendorf war wieder der Rummel geworden.