Benjamin Bläsi (15)
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Mirmilith
Der rote Sand glänzte im Morgenlicht. Ein sanfter Wind wehte und brachte den Geruch von Thymian und Lavendel mit sich. Das Meer war ruhig und azurblau. An den breiten Strand schloss sich ein Wald aus Pinien an. Geschäftig sprangen Mäuse umher und suchten ihr Futter. Libellen schwirrten durch die Luft und Krebse liefen umher.
Auf einmal schob sich eine Wolke vor die Sonne. Die Luft wurde merklich kühler, und ein jäher Windstoß wirbelte den feinkörnigen Sand auf. Eine kleine Pelzkugel fiel vom Himmel und fiel mit einem lauten Platscher ins Wasser. Sofort paddelte es mit dünnen Ärmchen an die Oberfläche und schwamm an den Strand.
Wassertröpfchen flogen durch die Luft, als sich das erschrockene Wesen ausschüttelte. Schnell rannte es unter einen großen Baum, wo es sich auf den Boden legte.
Es war ungefähr halb so groß wie ein Wildkaninchen und hatte struppiges, dunkelgraues Haar. Es lief auf zwei starken Beinen und hatte zwei schlanke Hände mit je drei grazilen Fingern und je einem kräftigen Daumen. Sein Gesicht war das einer Katze, die Augen blau wie Saphire und die Ohren zugespitzt mit langen Pinseln. Der Schwanz war lang und buschig. Sein Name war Mirmilith. Und es hatte eine lange Reise hinter sich.
Eine Weile später, als es nicht mehr so müde war, stand das Wesen auf und lief zu einem kleinen Bach, der kühles Wasser vom Norden hierher brachte. Es stützte sich mit den Händen auf der braunen, nassen Erde ab und trank einige Schlucke.
Dann ging Mirmilith weiter. Unter einem großen, knorrigen Apfelbaum, den wohl jemand hier gepflanzt hatte, fand es einen saftigen, roten Apfel. Hastig bis es einige Stücke ab, verschlang sie und lief weiter. Den Rest des Apfels ließ es unter dem Baum zurück.
Bald schon kam es wieder zum Strand. Am Rand blieb es stehen und musste blinzeln, weil das Licht der Mittagssonne es blendete.
Als es sich an die starke Helligkeit gewöhnt hatte, begann es, den Strand, und was ihn umgab, zu erkunden. Es war fasziniert von dem roten Sand. Noch nie hatte es so etwas Weiches und Feines gespürt. In seiner Heimat gab es so etwas nicht. Nur nasse Erde, saftige Grashalme und Bäume mit breiten Kronen.
Eine große Welle rauschte auf den Strand und brachte den Geruch des Meeres mit sich. Mirmiliths Näschen zuckte ununterbrochen, als es die Gerüche von Salz, Seetang und Fischen einatmete.
Als die Begeisterung schließlich etwas verklang, sah es vor sich auf den Boden. Eine große, geschlossene Muschel lag dort. Sie war weiß wie Schnee und schimmerte. Wassertropfen perlten auf Mirmiliths Hände, als es sie aufhob.
Sofort ließ es die Muschel wieder fallen und leckte mit einer winzigen, rosaroten Zunge die Tropfen auf. Das Wesen schauderte vor Ekel und spie angewidert aus. Nie zuvor hatte es so etwas Abscheuliches geschmeckt.
Es las die Muschel wieder auf und schnupperte an ihr. Sie roch gut. Sanft biss es hinein, doch die Schale war zu hart. Nicht einmal Abdrücke der Zähne blieben zurück.
Plötzlich öffnete sich die Muschel und brachte silbernes Fleisch zum Vorschein. Ein Geruch, ähnlich den Fischen, die Mirmilith so gerne verspeiste, stieg ihm in die Nase. Doch noch bevor es seine Finger hineinstecken und das Fleisch herausziehen konnte, schloss sich die Muschel mit einem lauten Knall. Verdutzt starrte es auf die Muschel und tastete die Schale ab. Es kratzte an ihr und versuchte, die zwei Hälften auseinander zu zerren. Doch sie öffnete sich nicht einmal einen dünnen Spalt. Schlussendlich gab es auf, ließ die Muschel fallen und setzte sich in den heißen Sand.
Mirmilith überlegte, wie es die Muschel öffnen konnte, als ein Möwenschrei die Stille zerschnitt. Es sah auf und sah, wie ein großer Vogel am Himmel kreiste. Er schien etwas im Mund zu halten. Dann klappte er seine Flügel zusammen und stürzte auf den Erdboden zu. Er ließ etwas fallen, das einem Stein ähnlich sah, und bremste dann seinen Sturzflug und flatterte davon. Das Ding fiel auf einen Felsbrocken, der aus dem Sand ragte, und zerschellte dort. Mirmilith stürzte darauf zu, doch da war die Möwe schon gelandet und vertrieb es mit lautem Schnabelklappern.
Als die Möwe etwas aufgepickt hatte und davongeflogen war, kam Mirmilith und schaute sich den Stein an. Da erkannte es, was die Möwe gemacht hatte. Überall lagen weiße Schalensplitter und es roch nach Fisch.
Rasch holte Mirmilith die Muschel wieder und legte sie auf den Fels. Dann huschte es davon und kam mit einem faustgroßen Stein wieder. Es hob ihn über den Kopf und ließ ihn dann auf die Muschel plumpsen. Sie hielt dem Schlag nicht stand und zerbrach.
Geschickt zerrte Mirmilith das silberne Fleisch hervor und steckte es sich in den Mund. Es hatte das Gefühl, das Meer würde es durchfluten, so köstlich war die Muschel. Sie schmeckte genauso wie die Fische, die in Mirmiliths Heimat lebten. Dazu kam ein Hauch von Seetang, was dem Fleisch zusätzliche Würze verlieh.
Nach diesem Mahl ging Mirmilith in den Schatten zurück und legte sich dort auf die blanke Erde. Es war froh über die Kühle, die hier herrschte. Denn Mirmilith stammte aus dem fernen Norden, wo im Winter Schnee fiel und im Sommer immer ein frischer Wind wehte. Kurz darauf schlief es ein.
Nachdem Mirmilith eine weitere Muschel als Frühstück verspeist hatte, und aus einem Bach ein wenig Wasser getrunken hatte, ging es wieder an den Strand hinunter, um dort seine Erkundungstour fortzusetzten.
Ein wenig später fand es ein kleines, gesprenkeltes Haus einer Meeresschnecke. Die Rot- und Gelbtöne gingen sanft ineinander über, und die Perlmuttschichten im Innern des Schneckenhauses glitzerten wie frischer Schnee. Mirmilith war fasziniert davon und betrachtete es ausgiebig. Doch als Mirmilith das Schneckenhaus aufheben wollte, zerbrach es in tausend Stücke.
Zutiefst betrübt lief es weiter und suchte mit den scharfen Augen den Boden ab, beseelt von der Hoffnung, ein weiteres Schneckenhaus zu finden.
Doch dem war leider nicht so. Und deshalb, aber auch weil es die starke Hitze nicht vertrug und davon leicht beduselt wurde, machte es sich auf, in seine Heimat zurückzukehren. Obwohl Mirmilith nur wusste, dass seine Heimat irgendwo im Norden liegt, hatte es sich entschieden, die lange Wanderung auf sich zu nehmen und möglicherweise enorme Strapazen erleiden zu müssen.
© by Benjamin Bläsi, Oktober 2004