Barbara Chaloupka (15 Jahre)

Seltsam

„Bin ich seltsam?“

„Du bist wie alle anderen.“

„Ich will aber nicht wie alle anderen sein.“

„Dann bist du seltsam.“

„Ist das gut?“

„Warum sollte es nicht gut sein?“

„Weil es seltsam ist?“

„Möglich...“

Gedankenverloren blickt Nadja aus dem Fenster. Draußen ist es still geworden. Die Vögel sind in den Süden gezogen, die Blumen sind verblüht, der Wind hat die Blätter von den Bäumen geweht. Alles ist kahl und trostlos. Der Herbst wird zum Winter. Das Jahr geht seinem Ende zu.

Sie erinnert sich an den Sommer. An die laue Abendbrise, die Blumenpracht, die vielen Vögel, die warme Sonne. Sie erinnert sich an die schönen Stunden mit Daniel, wie sie sich kennen gelernt und geküsst haben, wie sie zusammen gelacht haben. Es war eine schöne Zeit. Doch mit dem Sommer ging auch die schöne Zeit mit Daniel zu Ende. Der Herbst kam und brachte Kälte und Trostlosigkeit. Mit dem Lauf der Jahreszeiten änderten sich auch ihre Gedanken. Nun denkt sie über vieles nach, aber reden tut sie darüber nur mit Maria, ihrer großen Schwester. Naja, eigentlich ist Maria nicht ihre richtige Schwester, Maria ist erst seit zwei Monaten da, seit Daniel Nadja verlassen hat. Sie hat ihr beigestanden, als Nadja das Notwendige tun musste. Daniel hat es nicht verstanden. Nadja wird nie den Ausdruck in seinen Augen vergessen, als sie es tat. Aber es musste sein. Sie konnte es nicht verhindern. Ohne Maria hätte sie es nicht geschafft. Seit dem ist Maria bei ihr. Die anderen können Maria nicht sehen, das kann nur Nadja. Aber sie erzählt ihrer großen Schwester alles und diese weiß immer eine Antwort. Nur jetzt nicht. Jetzt sagt Maria nichts. Sie sitzen beide nur da und schauen aus dem Fenster.

Draußen läuft ein Igel im Garten. Nadja beobachtet ihn. Er schnuppert mit seiner Nase den Boden ab, bleibt stehen, hält einen Augenblick inne, und schnuffelt dann wieder weiter. Hat er eine Familie? Wo ist sie? Hat er genug zu fressen? Woran denkt er? Kann er überhaupt denken? Überlegt er gerade, wo er den Winter verbringen wird? Ich könnte ihn herein holen, da ist ihm sicher warm. Da kann er dann schlafen. Ich werde auf ihn aufpassen. Aber wenn er eine Familie hat...? Dann ist sie allein. Ich glaub, ich lass ihn doch draußen.

Die Mutter klopft an die Tür. „Das Essen ist fertig, du kannst kommen.“ Nadja schaut dem Igel weiter zu. Sie hört ihre Mutter nicht. Ist dem Igel kalt? Wie heißt er? Hat er überhaupt einen Namen? Die Mutter wiederholt ihre Aufforderung: „Nadja! Komm bitte essen.“

Langsam dreht sich Nadja zur Tür um. Sie sieht ihre Mutter kurz mit ihren braunen Rehaugen an, dann seufzt sie und folgt ihr ins Esszimmer. Ihr Vater wartet schon ungeduldig. Er hat heute wahrscheinlich wieder einen anstrengenden Tag gehabt. Das merkt Nadja an seinem Gesichtsausdruck. Außerdem zittert seine Hand. Er versucht es zu verbergen, doch Nadja merkt es trotzdem. Ihr Vater ist nämlich krank. Sie dürfte es gar nicht wissen, aber vor zwei Wochen hat sie ihre Eltern belauscht. Krebs! Er hat nur noch ein oder zwei Monate. Wäre Nadja wie die anderen Kinder, hätte sie vermutlich geweint. Aber sie ist nicht wie die anderen, auch wenn Maria das immer wieder behauptet. Nein, Nadja ist anders. Seltsam? Ob das jetzt gut ist, oder nicht, weiß nicht einmal Maria. Obwohl sie sonst eigentlich alles weiß.

Stillschweigend löffelt Nadja ihre Suppe. Sie ist brennheiß und Nadja verbrennt sich die Zunge. Trotzdem isst sie weiter. Endlich ist das Teller leer. Die Suppe war nicht gut. Versalzen und langweilig. Ihre Mutter kann nicht kochen. Das konnte sie noch nie. Bis jetzt hat immer Oma gekocht, doch vor einigen Wochen ist sie gestorben. Altersschwäche haben Nadjas Eltern gesagt. Doch das will Nadja nicht glauben. Ihre Oma war vielleicht alt, doch sicher nicht schwach.

Dann gibt es Spaghetti. Einfallslos. Spaghetti gibt es jeden zweiten Tag. Nadjas Mutter kann fast nichts anderes kochen. Die Spaghetti sind noch nicht ganz durch, und die Fertigsoße noch kalt, doch niemand sagt etwas. Vater hat, wie in letzter Zeit immer, kaum etwas gegessen, aber er sagt: „Gut hat’s geschmeckt.“ Nadja nickt, steht auf und räumt den Tisch ab.

Stumm verschwindet sie wieder in ihrem Zimmer. Sie schließt die Tür zu und geht zum Fenster. Der Igel ist nicht mehr zu sehen. Liegt es an der Dunkelheit, oder ist er in sein Versteck zurückgekehrt? Maria steht wie immer neben ihr am Fenster. Auch sie schaut hinaus.

„Hast du nachgedacht?“, fragt Nadja ihre Schwester.

„Ja. Ich glaub, du hast Recht. Du bist seltsam.“

„Und ist das jetzt gut?“

„Ich glaube schon, dass das gut ist“, sagt Maria, nachdem sie kurz überlegt hat.

„Und wenn nicht?“

„Es ist gut.“ Nun klingt sie überzeugend und Nadja ist mit der Antwort zufrieden.

Beide schweigen.

Nadja lehnt sich vor, haucht das Fenster an und malt ein Gesicht. Es ist ein trauriges Gesicht. Ein weinendes.

„Warum weint es?“, fragt Maria.

„Weil es traurig ist.“

„Warum ist es traurig?“

„Es denkt nach.“

„Worüber?“

„Über das Leben.“

„Findest du das Leben traurig?“, Maria klingt besorgt.

„Ja“, Nadjas Stimme ist ganz leise geworden. Dann dreht sie sich um und legt sich schlafen. Auch ihre große Schwester geht.

Es dauert nicht lange, und Nadja ist eingeschlafen.

 

„Verschwinde! Lass mich in Ruhe!“

Der Schatten kommt näher.

Nadja versucht zu fliehen, aber vergebens.

Der Abstand zwischen ihnen wird immer geringer. Schließlich streckt er die Hand aus und greift nach ihr.

 

Mit einem Schrei schreckt Nadja hoch. Sie ist schweißgebadet. Sie zittert am ganzen Körper. Es war der gleiche Traum wie gestern, vorgestern und an all den Tagen davor. Er kommt immer wieder.

Maria sitzt neben Nadja auf der Bettkante. Sie sieht besorgt aus, sagt aber nichts. Das muss sie auch nicht. Ihre Augen sagen mehr als tausend Worte.

Langsam beruhigt sich Nadja. Sie ist nun ganz ruhig. Zumindest äußerlich. Innerlich ist sie noch immer total aufgewühlt. Sie weiß natürlich, wer der Schatten in ihrem Traum ist. Sie wusste es immer schon. Auch Maria weiß es. Nur ihre Eltern nicht. Darüber kann Nadja mit ihnen nicht reden und jetzt schon gar nicht, seit es Vater so schlecht geht.

Der Schatten wird ihren Vater holen, so wie er schon ihre Großmutter geholt und nach Daniel verlangt hat. Dann wird es nicht mehr lange dauern, bis sie an der Reihe ist. Sie weiß nicht, ob sie Angst hat. Oder ist es eher die Ungewissheit, wie vor einer großen Reise? Es fühlt sich irgendwie gut an, Nadja sehnt sich danach. Aber so etwas gibt sie nicht einmal sich selbst zu.

 

Die Tage vergehen. Sie vergehen sehr langsam. Nadja sitzt in ihrem Zimmer und wartet. Nach ein paar Wochen schläft sie nicht mehr. Sie isst kaum noch. Sie hat keinen Appetit mehr. Warum, das weiß sie nicht. Es ist so. Das ist immer so, wenn man weiß, dass man bald stirbt. Zumindest redet sich Nadja das ein. Auf Maria hört sie nicht. Maria sagt immer, sie soll doch mehr essen und schlafen, aber Nadja hört nicht auf sie. Maria kann nicht wissen, wie sie sich fühlt. Obwohl Maria es vielleicht noch am besten weiß. Aber in letzter Zeit redet Nadja kaum noch mit Maria. Oft sitzt Nadja einfach nur so da und denkt nach.

Wann wird er kommen? Wieso lässt er sich so lange Zeit? Worauf wartet er noch?

Diese Fragen drehen sich wie ein Rad in ihrem Kopf. Sie kommen immer wieder und wieder. Aber Nadja hat keine Antwort auf diese Fragen. Auch Maria redet nicht darüber.

 

Es ist Dienstag. Ein Tag wie jeder andere, zumindest am Morgen. Und am Vormittag. Und zu Mittag. Am Nachmittag hört Nadja Geräusche in der Küche. Als sie hinausgeht und nachsieht, sitzt ihre Mutter beim Tisch und weint. Er ist also gekommen. Er hat sich ganz schön lang Zeit gelassen. Das heißt, dass er zu mir auch bald kommen wird. Dann denkt Nadja nichts mehr. Ihr Kopf ist leer. Sie setzt sich zu ihrer Mutter und legt ihr die rechte Hand auf die Schulter. Sagen kann sie aber nichts. Ihr Mund ist auf einmal ganz trocken. Außerdem weiß sie nicht, was sie jetzt sagen soll. Alles, was sie in diesem Moment hätte sagen können, wäre falsch gewesen. So sagt sie besser nichts. Sie wartet einfach.

Es scheint lange gedauert zu haben. Aber irgendwann ist es still. Ihre Mutter weint nicht mehr. Die Tränen sind getrocknet. Nur noch ihre Augen verraten, dass sie geweint hat.

Nadja weint nicht. Keine Träne rollt über ihre Wange. Wobei sie eigentlich traurig sein müsste. Ihre Mutter schaut sie mit großen, roten Augen an. Aber sie sagt nichts. Irgendwann steht Nadja schließlich wieder auf und geht zurück in ihr Zimmer.

Maria hat auf sie gewartet. Aber sie fragt nicht, was passiert ist. Sie weiß es schon. Sie kann es sich denken.

Nadja setzt sich auf ihr Bett. Ihre Hand tastet unter die Matratze. Sie spürt das kalte Metall und zieht die Hand wieder zurück. Eine Szene, an die sie sich nur ungern zurück erinnert, taucht vor ihrem inneren Auge auf, doch Nadja verdrängt sie sofort wieder. Heute nicht. Ein andermal. Stattdessen holt sie einen Block und einen Stift aus dem Nachtkästchen. Zögernd setzt sie den Stift auf das leere Papier. Sie seufzt, dann fängt sie an zu zeichnen. Es wird ein schönes Bild. Kein einziger Strich sitzt an der falschen Stelle. Es vergehen zwei Tage. Dann ist Nadja fertig. Sie ist zufrieden. Das Bild ist perfekt. Makellos.

Eine Träne läuft über Marias Gesicht als sie das fertige Bild sieht. Nadja erklärt ihr, dass sie nicht weinen muss, dass alles wieder gut wird. Aber Maria will ihr nicht glauben.

Die ganze Nacht lang schaut Nadja ihr Bild an. Sie schläft wieder nicht.

Noch bevor die Sonne aufgeht, geht Nadja in den Garten hinaus. Es schneit. Es schneit schon, seit sie mit ihrem Bild begonnen hat. Überall liegt Schnee. Nadja hat nur ihren Schlafanzug an. In der rechten Hand hält sie den metallenen Gegenstand. In der Linken das Bild, das sie zuvor in eine Klarsichthülle geschoben hat, damit es nicht nass wird und sich auflöst.

Nadja geht auf den großen kahlen Baum zu, der im Garten steht. Früher, als sie noch klein war, kletterte sie oft dort herum. Und im letzten Sommer saß sie mit Daniel im Schatten seiner großen Äste. Der Baum war mit ihr Jahr für Jahr gewachsen. Jetzt ragte er bereits über das Dach.

Nadja bückt sich und zeichnet mit ihrem Finger ein paar Worte in den Schnee. Es sind die gleichen, die der Schatten ihr immer zuruft.

Dann setzt sie sich in den Schnee und lehnt sich an den Stamm. Noch immer ist sie ganz ruhig. Sie hat keine Angst. Immerhin hat sie seinen Ruf schon bei Einbruch der Dunkelheit gehört.

Langsam nimmt sie das Bild in die Hand und legt es behutsam vor sich in den Schnee.

Anschließend greift sie nach dem metallenen Gegenstand, der in der Nähe des Bildes am Boden liegt. Sie klappt es auf. Es ist Daniels Messer. Sie hat es genommen, als sie ihn vorausschickte. Nadja hat es bis heute aufbewahrt.

Nadja schließt ihre Augen. Sie denkt an Daniel. Sie denkt an ihre Oma, den Vater. Schließlich denkt sie an den Igel, den sie vor Wochen beobachtet hatte. Jetzt schläft er bestimmt. Jetzt kann ihn nichts mehr wecken. Langsam führt sie das Messer an ihren linken Unterarm. Sie denkt an ihren Traum. An den Ruf, den sie immer wieder gehört hat, den sie auch jetzt wieder hört.

Der Druck auf ihrem Unterarm verstärkt sich. Nadja spürt, wie eine warme Flüssigkeit über ihre Hand fließt. Ihre Augen lässt sie jedoch geschlossen. Sie will nicht sehen, wie sie die Klinge über ihren Unterarm zieht. Will nicht sehen, wie das Blut herausfließt.

Dann wechselt sie das Messer in die andere Hand. In die verletzte. Sie hat fast kein Gefühl mehr darin. Jetzt wiederholt Nadja den Vorgang auch auf der Rechten. Dann fällt das Messer aus ihrer Hand. Nadja wird ganz ruhig.

Ihr Atem wird langsam. Sie erinnert sich noch einmal an die schönen Stunden mit Daniel. Lässt jedes einzelne Treffen noch einmal vor ihren inneren Augen vorbeiziehen. Dann überlässt sie sich der Kälte und der Dunkelheit und atmet ein letztes Mal aus.

 

Es dauert nicht lange, bis es aufhört zu schneien. Die Sonne geht auf. Sie scheint Nadja ins Gesicht und lässt sie glücklich aussehen.

Zwei Stunden später findet ihre Mutter sie. Sie fällt vor Nadja auf die Knie und fängt zu weinen an. Nicht einmal der eintreffende Notarzt kann sie beruhigen.

 

Noch Jahre später wird in dem Dorf Nadjas Geschichte erzählt.

Die einen sagen, Nadja sei krank gewesen.

Andere behaupten, sie sei erleuchtet worden.

Ich finde sie einfach nur seltsam.