Andrea Kern (17)

Worte einer Glücksspielerin

Was ist Liebe, meine Damen und Herren? Was ist dieses unstillbare Gefühl, dem mich hinzugeben ich mich so sehr sehne, rein der Empfindung wegen. Wenn ich dies sagen darf, so möchte ich behaupten, daß es alles ist, wofür ich lebe, meine Damen und Herren, alles wofür ich sterben will. Doch wie unsäglich einfach wäre das Leben, wie lächerlich eingängig und unmißverständlich, würde jeder Traum, jeder Wunsch seine berechtigte Ursache haben und die eingängige Fähigkeit besitzen, erfüllbar zu sein, und nicht nur den Schein dieser Erfüllbarkeit mit sich ziehen, so daß stets eine perfide Hoffnung bleibt. In meinem Fall ist dieser tückische Fehler, der den Wunsch zu verwirklichen so beinahe unmöglich macht, jener, daß, und so möchte ich anmerken, ich mit diesem Problem sicherlich nicht allein auf dieser Welt stehe, ich rein emotionell nicht in der Lage bin, einen anderen Menschen zu lieben, denn so schwer und tief in meiner Seele ist dieser schwingende Grund, der sich an der Vorstellung der Liebe dermaßen ergötzt. Dieses Innerste meines Ichs nagt so sehr an der Idee der Liebe, daß es sich scheinbar von meiner Seelenwelt losgelöst hat, um sein eigenes Universum zu bilden und in seiner neuen Unerreichbarkeit mich mehr und mehr besessen macht, doch in Wirklichkeit gibt es in mir eine seltsame Erscheinung von Nichtexistenz, aus der mein gesamtes Wesen seine Wurzeln schlägt und dadurch ohne diesem nicht sein könnte. Dieser groteske Seelengrund von Nichtexistenz, aus der die Darstellung meines Ichs erwächst, ist durchtränkt vom Gefühl einer ewigen Liebe, ja mehr noch, denn ist, da in dieser Nichtexistenz jegliches seine Bedeutung und Begründung verliert, es die Liebe selber, die nur in und aus sich selbst besteht, und keines menschlichen Bewußtseins mehr bedarf, um sich zu verwirklichen, und daher zu dieser göttlichen Macht wird, die mich quält. Wie sollte ich da nicht von einem solchen Liebeswahn besessen sein, meine Damen und Herren, wenn das, was meine Existenz ausmacht, die Liebe selbst ist? Natürlich kenne ich die Begriffe Vertrauen, Hingabe, Zuneigung und dergleichen, kann ich sie doch ohne weiteres empfinden, doch auch dann, wenn sich diese verschmelzen, einander überlappen und sich gegenseitig aufs höchste steigern, können sie doch nie eine solche umfängliche Leidenschaft in mir erwecken, wie es die Vorstellung dieser Liebe in mir bewirkt, denn wie rationale Begriffe, ja welche fast körperlichen Eigenschaften sind jene im Gegensatz zu dieser überirdischen Liebe, da sie ihr Sein nur meiner Existenz allein verdanken. Ich aber gehe aus dieser Nichtexistenz hervor wie eine Blume aus dem gewaltigen Schoß der Erde, doch bleibt diese für mich zu unermeßlich und ungreifbar, und möglicherweise bin ich nur eine zufällige oder vielleicht auch fehlerhafte Eigenart aus dieser übersinnlichen Größe. Verstehen Sie jetzt, meine Damen und Herren, warum so betrachtet jegliches, das aus meinem Gedankenkreis entsteht, so unwirklich und unwichtig gering erscheint? Daher kann doch nur Liebe mein einziges und wahres Glück sein. Natürlich gibt es jemanden, den ich wirklich und aufs innigste liebe, aber das bin ich wohlweislich selber. Doch was ist das für eine Liebe, meine Damen und Herren, das werden Sie wohl einsehen. So wird die Sehnsucht nach dieser schrecklichen, großartigen Empfindung zur schleppenden Qual, denn könnte ich nur einen solchen Menschen lieben, der genauso wie ich ist, genauso besessen von dieser Vorstellung wirklich zu lieben. Doch wie finde ich ihn, wie kann ich ihn erkennen? Man kann mit Menschen zusammen leben, man kann in sie einsehen, für kurze Zeit vielleicht sogar verstehen, doch man kann nie dieser andere Mensch sein. Wie erkenne ich also, daß er von einem solchen Liebeswahn befallen ist wie ich? Wie nur, wie? Doch würde ich ihn finden, könnte ich doch endlich ihm gegenüberstehen nach dieser langen zehrenden Sehnsucht, dann würde ich ihn auf schrecklichste Weise lieben. Doch könnte ich ihn bloß finden, nur der Liebe willen. Dann wäre ich er und er wäre ich, denn sind wir beide doch aus diesem innersten Seelengrund, der ja nicht existent ist, dem jegliche Begründung fehlt, und wir liebten einander wie jeder sich selbst. Und würde ich ihm gegenüberstehen, würde ich ihm die Augen auskratzen mit spitzen Fingern aus lauter Liebe. Und er würde lachen vor Glückseligkeit und würde indes das gleiche mir tun. Wir würden übereinander herfallen, verliebt wie wir sind, und würden uns gegenseitig zur Verzweiflung bringen, würden uns umbringen, auch gegenseitig, nur weil wir uns so schrecklich lieben würden. Und wenn wir dann sterbend und ruhig daliegen, würden wir uns stille Küsse schicken und wundervolle Versprechungen. Das ist Liebe, meine Damen und Herren, das ist wirkliches Glück.