Christine Enterpfarrer (16)

Das zweite Gesicht

Das Liebesspiel zweier Glühwürmchen im Mondschein zeichnet sich auf meiner Stirn ab. Ich bin verzaubert von ihrem Tanz, jedem neuen Schritt. Sie wiegen sich wie die Pappeln im Wind, hin und her.

Streuen ihr harmonisches Zauberpulver über mich und entführen mich, verführen mich in ihre Welt.

Ich folge ihren Schritten von Blatt zu Blatt, tauche mit ihnen in den Blütenstaub ein und fliege als Biene in den Himmel empor. Ich hülle mich in Weiß, Ballerina der Lüfte, doch meine zarten Flügel zerfallen zu Staub. Ich rase mit beängstigender Geschwindigkeit wieder auf den Erdboden nieder, den Erdboden der Realität.

Er ist heiß, ich lande auf glühenden Kohlen, die meine zuckersüßen Träume zum Schmelzen bringen.

Ich muss schwimmen lernen in meinem Zuckerfluss!

Kann ich denn in solch süßer Versuchung ertrinken?

Ich bin in einer Welt gefangen, die keinen Sonnenaufgang kennt, jedoch ist sie grausam genug, mir die Sonnenstrahlen anderer Welten zu zeigen. Hat Gott mich in die Hände des Schicksals gelegt, so wusste er vielleicht nicht, was er tat. Das Schicksal ist zu beschäftigt, um sich um mich zu kümmern.

Ich bin ein Gebrauchsgegenstand des Alltags. Das ist nicht so schlimm, wie es klingt, es ist nur, ...

Ich möchte auch einmal ein Glühwürmchen sein und so hell strahlen, bis ich vor Erschöpfung glücklich bin. Ich möchte mich in ein Entdeckergewand hüllen und nur die Hand ausstrecken müssen, um mich an einem anderen Ort zu befinden. Ich möchte im Frühling auf einer Wiese liegen, um mich rieselt der Blütenstaub nieder und hinterlässt Sommersprossen auf meinem Gesicht.

Mein Platz in dieser Welt ist nicht sehr sonnig und doch, Sonne ist alles. Jeden Tag aufs Neue strecke ich mich ihr entgegen, konzentriere mich lediglich darauf, Wärme zu spüren. Ich warte. Doch keine Sonne, keine Wärme.

So bin ich denn der Fisch, der flussaufwärts schwimmen will.

Ich sitze hinter einer Glaswand und beobachte das Leben, das lebt – ohne mich.

Meine Schreie verstummen langsam, übrig ist nur noch ein sanftes Flüstern. Doch selbst bei diesen leisen Lebenszeichen, die ich von mir gebe, das Leben erwidert sie mit einem abweisenden Beschlagen des Glases.

Ich bin Schokolade in den Händen der Begierde, warte, bis ich zum lieblichen Mund geführt werde. Bete jeden Abend, dass ich in den Himmel der Sünde geführt werde.

2

Heute war der Tag, der Tag, an dem ich wachgeküsst wurde. Mein Schlaf hat viel zu lang gedauert, und die Träume waren bittersüß. Der erste Gruß, der mich in diesem Bewusstsein willkommen hieß, war dein Lächeln. Dein Lächeln, das über mir zusammenbrach, wie eine Woge, die dem Meer entsprungen. Es zog mich in ein Element der Bewegung, der unendlichen Liebe. Deine Küsse glichen Honigtropfen, die meinen Körper fast zum Schmelzen brachten. Eine Nussschale wurde mir in die Hände gelegt, während du auf der Suche nach einer warst.

Zusammen setzten wir dann Segel, die Nussschale diente uns als Boot, und die Sonne uns als Nahrung. Dann setzte die Musik ein, zwei rasende Herzschläge wiegten unser Boot hin und her.

Ich habe aufgehört, den Kurs zu erzwingen, ich habe erkannt, dass es nicht nötig ist. Wir treiben doch alle in unserem großen See umher, manchmal führt er uns zu einem Sandstrand und manchmal nicht.

Ich spüre die Zeit kaum noch, die früher so gnadenlos schmerzte. Vielleicht ist unser Glück nicht von Dauer.

Doch unser Vermächtnis, unser Boot, wird weiter in diesem großen See treiben und von unserer Liebe erzählen.