Irina Maria Zamfirescu (17)



weil ich an einem morgen beim fahrradfahren einen kleinen blauen vogel überfuhr. weil ich noch manchmal das vibrieren des rades fühle, als es den vogel berührte. weil ich dachte, er ist tot, und weil er mir nicht leid tat.


im großen schwarzen buch schreiben wir: ich patentiere das gefühl, das ich am morgen habe, wenn es regnet, und die kälte in die wände hineindringt. eine andere handschrift: ich patentiere birkenrinde und das weinen in der kehle, als ich das rauschen seiner lederjacke zum ersten mal durch die nacht hörte. schräg durch ein neues blatt: ich patentiere meine hände, meinen hals und meinen linken fuß.

wir patentieren wünsche und regentropfen, träume und musik und abende, die wir alleine verbracht haben. wir patentieren ein lächeln, das wir im bus gesehen haben, und in das wir uns verliebt haben, ein stück holz (im garten gefunden), einen roten, giftigen pilz.

und obwohl jede von uns versucht, sich selbst zu finden und sich von den anderen zu entfernen, schreiben wir trotzdem »wir«, weil keine von uns das heimweh und die einsamkeit patentieren darf. das gehört allen hier.


wir gehen spazieren. das kind läuft voran und sucht nach nymphen, die sich im wald verstecken.

es ruft und singt. die krähen auf den feldern am horizont fliegen erschrocken weg. jemand sagt: »schau, wie schwarz der himmel geworden ist«, und: »hab keine angst.«

wir haben keine angst. wir sind mutig.

wir sammeln blumen und gras und kleine steine aus dem wald und bringen sie nach hause, als ob sie unsere zimmer mit bäumen füllen würden, als ob wir den duft in den vorhängen behalten könnten.


wir lachen. die zweite lacht laut. unsere augen füllen sich mit tränen, weil wir so lachen müssen. die tränen kullern in unserem gesicht herab und füllen unseren mund mit schweigen. aber wir lachen immer noch, nicht, weil wir es lustig finden, sondern weil das lachen so laut sein darf und weil die hügel erschüttert werden, von unserem lachen.

jemand sagt: »jetzt, bitte, ruhe«, und ein dünnes lächeln bleibt an unserem mund hängen.

unser körper bebt noch unter den warmen kleidern.


am abend, wenn er, unser er, zurückkommt, sprechen wir. wir sprechen über den tag, und ob es geregnet hat und wie die sonne heute war, und wie die straßen heißen und wie es morgen vielleicht sein wird. wir sprechen leise, wir summen fast, aber er versteht und er lächelt. seine zigarette raucht er in langen, durstigen zügen und horcht unseren stimmen.

er hat angst, angst in unseren stimmen zu hören, aber wir haben keine angst. wir sind mutig.

er küsst uns auf die wangen und sagt: »gute nacht«, und viel später fühlen wir noch seinen bart prickelnd auf unserer haut. seine hände mögen wir, weil sie arbeiten, weil sie groß und flach und ernst sind. sein gesicht mögen wir, weil er lächelt, wenn er uns sieht, obwohl er manchmal seine eigene einsamkeit und sein eigenes heimweh patentieren würde. aber darf es nicht tun: das gehört allen hier.


wir malen. die dritte nimmt einen stift und nagt konzentriert daran, mit geneigtem kopf betrachtet sie die wand. unsere finger finden die wand und wir malen, wir malen, wir malen. ein haus, das wir vor vielen jahren sahen, es war damals noch so groß. ein gesicht, das uns keine ruhe gibt, wenn wir die augen schließen. schmetterlinge, die sich ein paar augenblicke auf unsere nase ausgeruht haben. eine stumme glocke. schnecken und spinnen. ein kleines auto.


wir malen, wir malen und wir malen. wir vergessen, dass die wand unseren händen schon weh tut und dass es abend ist und kein licht mehr brennt. wir vergessen, »wir« zu sagen, und eine sagt »rot«, die andere »blau«.

und »ich habe keine angst. ich bin mutig.«


wir gehen barfuß durch die stadt. wir schauen die häuser durch ein magisches stück glas an, das ihre farben und formen ineinander vermischt.

wir schauen eure gesichter an und sagen: »ihr seid schön.« aber wir wollen uns eure namen nicht merken.


zu hause bleibt eine von uns. sie spricht zu sich selbst: »das geschirr muss gespült werden.« sie reibt an den tellern, bis sie zu erde zerfallen. sie geht im haus herum, bis sie den weg nicht mehr findet. sie hört den stimmen aus den wänden zu und schreibt ihre geschichten in den staub.

eine geschichte von jemandem, der geliebt hatte und nicht zurückgeliebt wurde. eine geschichte von jemandem, der gerne schlief. eine geschichte von jemandem, der ein haus mit eigenen händen erbaute, von jemandem, der gerne schwarzen kaffee um mitternacht trank, oder von jemandem, der alles verloren hatte. es sind so viele geschichten, so viele, dass sie nicht genug platz findet und sie übereinander schreibt.

am ende sind alle geschichten eine einzige, aber wir können sie trotzdem nicht lesen.

wenn sie keine geschichten aufschreibt, sammelt sie augenblicke in große kartonschachteln ein, damit sie nicht vergisst, wie es war, wie es ist, wie es sein wird.

wir machen uns sorgen um sie, weil sie schon falten hat und graue haare, und weil sie sich nicht mehr verstecken kann, hinter dicken brillen. und wir wünschen, sie fühlt sich gut zwischen den efeublättern, die sachte auf das haus emporsteigen und es zusammenhalten.


nur wenn er, ihr er, wiederkommt, kann sie lächeln, und dann umarmt sie ihn und sucht nichts in ihm, keine geschichte, keinen staub, nur seine flachen ernsten hände, an denen sie sich festbindet, um nicht zu stolpern.

und wenn wir das sehen, wissen wir, dass wir gehen können, sagen »gute nacht« und streicheln den kater im vorübergehen.


wir hatten noch nie angst. wir waren schon immer mutig.