Irina Maria Zamfirescu (17)

Im Tunnel

In der Nacht höre ich die Züge vorbeikommen. Die Fenster zittern wie erschrocken.

Die Züge bleiben nie lange. Ich stelle mir vor, die Schritte der Menschen zu hören. Ihr Lachen, ihr Weinen. Das Flattern der Taschentücher im Fahrtwind. Das Schweigen, wenn keiner im Bahnhof mehr bleibt.


Als ich die Wohnung neben dem Bahnhof kaufte, wusste ich, wie es sein wird. Ich wollte weggehen können, zum Beispiel an einem Morgen, wenn der Kaffee mich nicht mehr wach halten würde, nach einer langen Nacht ohne Schlaf. Einfach weglaufen.

Wie es meine Mutter gemacht hat. Ich weiß nicht mehr, ob es mir damals wehtat. Sie sagte immer »Der Luzifer kommt und holt dich, wenn du nicht aufmerksam träumst.«

Aber ich weiß nicht, was das bedeutete.

Ich erinnere mich nur daran, wie nach ihrer Flucht die Bank vor dem Grab meiner Großmutter sich mit Moos bedeckte, als ob sie fror.


In der Nacht höre ich die Züge vorbeikommen. Das Erzittern der Fenster und die Kälte, die lange danach im Glas bleibt. Das Rauschen der Pappelwipfel, wenn sie Abschied nehmen.

Ich schaue ihre Schatten auf meiner Wand an, wie sie sich unnatürlich langsam bewegen, auch wenn es stürmt. In meinem Traum vermische ich mich mit den Schatten und zertrümmere die Wand, damit ich Platz zum Atmen habe.


Ich arbeite in einem Café. Ich mag es, die Kunden zu beobachten, wenn sie vor der Arbeit ein bisschen bleiben und hastig ein Frühstück essen, das ihnen niemand zu Hause vorbereitet. Die feinen Falten um den Mund, die ihn nach unten ziehen, die dunklen Ringe um ihre Augen. Die Art, in der sie die Füße unter dem Tisch bewegen.

Manchmal ist es still im Café. Sehr früh am Morgen. Dann riecht es gut, fast wie vorher, als eine Großmutter, deren Gesicht ich vergessen habe, einen Tee kochte und nach mir rief. Als es noch warm war, zwischen mir und den Menschen.


Ich stehe vor dem Café und rauche eine Zigarette. Es ist noch sehr früh, das Café ist leer. Ich bin müde. Heute hätte ich weggehen können. Aber eine Wohnung neben dem Bahnhof bedeutet nicht, dass man den Mut hat, einfach wegzugehen, wenn keiner zurückbleibt und darauf wartet, dass du wiederkommst.

Als ich hereinkomme, sitzt er da. Wie er hereingekommen ist, weiß ich nicht. Aber ich denke nicht darüber nach.

Ich frage ihn: »Wollen Sie etwas essen?«

Er antwortet nicht.

Er ist jung, vielleicht so alt wie ich. Seine langen, blonden Haare fallen ihm ins Gesicht. Tiefblaue Augen, so dunkel, als wären sie schwarz. Ich wiederhole meine Frage, aber er hört mich nicht. Eigentlich scheint er gar nicht da zu sein. Ich stelle mir vor, dass er zwischen Etwas und Nichts in einem Tunnel steht und sich zu entscheiden versucht, welche Richtung er wählen soll.

»Einen Kaffee bitte«, sagt er plötzlich. Er lächelt.

Ich mag sein Lächeln nicht, es erinnert mich an ein Zimmer, in dem ich frieren muss.

Ich bringe ihm seinen Kaffee. Er lässt ihn auf dem Tisch ruhen.


Es wird schon spät. Kein anderer Kunde betritt das Café. Vielleicht haben sie gespürt, dass mein Kaffee mit Schweigen versüßt ist, dass die Brote mit Unruhe bestrichen sind, dass die Eier in meinen Tränen kochen.


Ich setze mich auf einen Stuhl und zeichne mit dem Finger Spiralen auf dem feuchten Tisch. Der junge Mann schaut mich an.

Er fragt laut: »Wie heißt du?«

Ich antworte ihm nicht.


Es ist spät. Wir sitzen in einer Bar am Ende der Stadt. Der junge Mann erzählt mir eine Geschichte, die er in einem Buch gelesen hat. Ich schaue mich um. An der Bar stehen zwei Frauen und trinken aus schmutzigen Gläsern ein rötliches Getränk. Sie schweigen. Der Barmann wischt mit einem grauen Tuch die Theke ab.

Ich weiß noch genau, wie wir uns verabredet haben. Er sagte, er hieße Luzifer, und ich lachte.

»Komm mit, ich sehe, dass du dich langweilst«, sagte er.

Kein Kunde war gekommen. Kein Kunde außer ihm. Ich langweilte mich. Ich kam.


Luzifer. Wollte er mich erschrecken oder nur beeindrucken? Ich habe keine Angst vor ihm. Sein Gesicht ist weiß und jung. Er trägt schwarze Bergschuhe.

Während er redet, schaut er nicht in meine Augen, sondern in den Spiegel hinter mir. Ich drehe mich um und versuche, mich darin zu sehen. Aber der Spiegel ist alt und neblig. Er vermischt meine Augen mit den Wangenknochen und den Mund mit dem Kinn.

Ich drehe mich wieder zum jungen Mann um. Er schweigt. Wann ist seine Geschichte zu Ende gegangen? Ich habe sie gar nicht gehört.

»Es tut mir Leid«, sage ich. »Ich will nach Hause gehen. Ich bin so müde.«

Er sagt, er würde mich gerne begleiten.

Ich nicke. Er kann mitkommen, wenn er will.


Er hält meine Hand. Wir gehen auf den Straßen. Er erzählt mir Geschichten von Menschen, die Blut trinken, weil das Wasser ihren Durst nicht mehr stillt, von Menschen, die so leer sind, dass sie wegfliegen und nie zurückkommen, von einer Bank, die sich mit Moos bedeckt, weil sie so friert.

Unsere Schritte hallen in meinen Ohren wider, als gingen wir durch einen unendlich langen Tunnel. Unter meinen Sohlen bewegt sich der steinige Boden, als ob er sachte atmen würde.

Er erzählt immer weiter. Seine Stimme vermischt sich mit dem Wind, der die Wipfel der Pappeln erschüttert. Ich habe Angst.

»Ich möchte jetzt alleine gehen«, sage ich.

Er lacht. Er sagt, ich soll keine Angst haben. Er drückt meine Hand.


In der Nacht höre ich die Züge vorbeikommen. Das Erzittern der Fenster, das lange bleibt und sich in Regen und Kälte verwandelt. Das Glas wird nass und kalt, wie ein Taschentuch, in das jemand geweint hat.