Elisabeth Klar (17)

Wir sind Magier

Ich liege auf dem Rücken, der Teppich hat meinen Fall dumpf gemacht. Der Regen fällt durch die Decke, ich sehe ihm zu. Das ist so, weil hier alles immer mehr an Substanz verliert. Meine Haare lassen sich treiben, die Regentropfen klatschen in meiner geöffneten rechten Hand auf. Langsam drehe ich den schweren Kopf zu Janosch, der auf einem Sessel sitzt, die Arme auf den Knien abgestützt, und auf mich herab schaut.
»Du stirbst«, sagt er. »Du stirbst, und ich kann nichts damit anfangen.«
Ich betrachte ihn, weil ich erkenne, dass ich diese Stadt liebe.

Ich liebe sie so sehr wie damals auf den höchsten Pfeilern der Zugbrücke, wo der Wind uns hin getragen hatte, Michel und mich, einfach so. Ich stand dort und liebte die Stadt und schrie, »Das ist unser Königreich!«, und Michel schrie, »Die Stadt voller Magie!«, und ich schrie, »Die Stadt voller Magier!« Wir waren gerade gleich alt, damals.
Laos, das große Labyrinth, du missachtest die Gesetze des Netzwerkes, du lässt uns durch Wände laufen, du lässt Häuser flimmern, und im Herbst beobachteten wir die schwarzen Vögelschwärme, wie sie kreischten, dann weg waren, an einem anderen Ort wieder auftauchten, und versteckten uns unter Pappkartons.
Michel, großer Bruder, kleiner Bruder, Zwilling.
Ich kann mich noch an das Netzwerk erinnern, damals war er immer älter als ich, und ich war wütend auf ihn, weil ich ihn nicht einholen konnte. Er hatte einen Vorsprung, und die Zeit rannte nicht schneller für mich. Da ist er stehen geblieben, einfach so. Zuerst war er noch fünf Jahre älter, dann nur noch vier, dann drei.
Wir kamen nach Laos, Mama und Papa redeten nicht. Sie suchten den Fehler in Michels Programmierung, dann wurde ich ausgesperrt, aber sie fanden ihn nicht, der Fehler lag tief. Die neue Wohnung hatte Schatten, die blieben, auch wenn das Licht an war, und die mich manchmal einschlossen und angriffen, als ich noch klein war. Das Wasser in der Spülung gelangte nicht bis zum Abfluss, es zerrann in der Luft und tropfte auf den Boden. Ich durfte nicht in die Abstellkammer, die war abgeschlossen. Ich hab die Tür mit einer Sicherheitsnadel aufgesperrt, aber dahinter war es ganz schwarz und, als ich hineinrief, klang meine Stimme dumpf und gebrochen wie im Wasser, dunkle Wellen sind herausgeschwappt. Da habe ich die Tür wieder zugemacht.
Durch die Gitter des französischen Balkons sah ich auf die Gasse hinunter, beobachtete die Menschen. Es gab da eine alte Frau, die auf der Strasse wohnte. Als ich sie zum ersten Mal sah, schrie ich auf.
Mama hat gesagt: »Sei still, das ist noch von einem Virus.«
Die Haut der Frau glänzte wie die einer Nacktschnecke, und von ihrem Gesicht rann der Schleim hinunter. Sie schlief in einer Ecke, in der früher eine Wohnung mit Kamin gewesen war. Dort war es warm, auch im Winter. Die alte Frau auf der Straße wurde gelöscht, aber wenn man ganz dicht an ihrem Schlafplatz vorbeiging, konnte man sie immer noch schnaufen hören. Und man blieb kleben, wegen des Schleims.
Wenn sie die Leute löschen, bleiben manchmal Reste zurück. Die Kinder erzählen sich Geschichten darüber: Über das Mädchen in dem roten Kleid, das man immer gerade aus den Augenwinkeln um die Ecke biegen sieht. Über das Parfum, das man riecht, wenn man an der Wohnung an der Straßenecke vorbeigeht.
Mama und Papa suchten den Fehler in Michel, weil sie zurück ins Netzwerk wollten und weil sie Angst hatten, dass Michel gelöscht werden könnte, wo er doch unnütz war.
Manchmal hatten die Leute mehr Angst und waren hektischer, das war dann immer kurz vor den Säuberungen. Wenn die Einwohnerzahl der Programme in Laos steigt, läuft alles langsamer, weil der Arbeitsspeicher überlastet ist. Dann steigen die Ladezeiten zwischen den Vierteln auf mehrere Stunden an, und wir bleiben zu Hause. Dann kommt die Säuberung, es wird ein bestimmter Prozentsatz der Programme gelöscht, und es verschwinden Leute.
Am Abend davor sperrte ich deshalb die Türe ab, und Papa lachte darüber. Deshalb tastete ich am Morgen immer nach Michel, und er war da.
Manchmal sagten wir, es sei Michels Schuld gewesen, dass wir hier gelandet sind, manchmal sagten wir, es war wegen mir. Meine Eltern hatten mich anders gemacht, wollten sich mit mir auflehnen, sonst wäre es nie so gekommen.
Hin und wieder kam Herr Norburg von nebenan und sprach mit meinen Eltern und schenkte mir rote, klebrige Bonbons. Er war groß und blass und traurig. Sie saßen in der Küche und rauchten und redeten über den Fehler, den Herr Norburg hatte, und über Geld. Eines Tages schickten sie uns fort, und als wir zurückkehrten, kam Herr Norburg aus dem Wohnzimmer und grinste. Er gab mir ein Bonbon und sagte, er sei jetzt schneller als früher. Er sah mich an und kratzte sich am Kopf. Ich zeigte ihm die Zunge und lief fort. Ich hasste ihn, weil er anders ging, anders lachte, redete, nieste, weil er anders mit den Augen zwinkerte.
Viele Leute besuchten Mama und Papa, dann mussten wir fort und liefen durch Laos. Am Anfang verirrten wir uns oft. Die Straßen verändern hier dauernd ihre Richtung, und die Fassaden der Häuser wechseln. Aber ich hatte es nie eilig, nach Hause zu kommen. Die Leute kamen in unsere Wohnung und gingen anders wieder weg. Die Fehler wurden ihnen weggenommen. Danach hasste ich sie alle.

Ich wurde immer älter. Zuerst dachte ich, Michel würde nur auf mich warten, bis ich nachkomme, aber ich überholte ihn, und er schaute mir nach, die Hände in den Taschen.
Mama und Papa glaubten einmal, den Fehler gefunden zu haben. Sie tanzten mit langsamen Schritten im Wohnzimmer unter der flimmernden Glühlampe ohne Musik. Ich habe geschrien, ich bin weggelaufen. Ich habe gebrüllt: »Ich hasse Norburg, und sein Fehler war doch viel kleiner!« Ich habe ihre Hand gebissen.
Also blieb Michel Michel und sagte: »Du mühst dich ab, während ich mich ausruhe, kleine Schwester.« Und irgendwann sagte er: »Jetzt sind wir Zwillinge.« Und dann: »Jetzt bist du meine große Schwester.« Aber das waren nur Worte, und wir haben nicht oft darüber geweint. Laos, du Gefährliche, du Unberechenbare. Wo sonst kann man drei Brüder in einem, drei Schwestern in einer haben?
Meinen Vater hast du dann auch verschluckt. Er ging in der Früh fort, und Mama legte am Abend leise die Hände auf die Augen. Manchmal erzählten Michel und ich uns, er wäre tot, um uns zu trösten.
Ich war damals oft wütend auf Mama, weil sie trank. Ich wusste, dass sie damit ihre Datenbank ausschalten konnte, dass sie uns damit für kurze Zeit vergaß. Ich war zornig, weil sie uns vergessen wollte, immer wieder. Später wollte ich das selber.
Ich und Michel. Oft warteten wir, bis die Wellen des Flusses Noa fest wurden, dann spielten wir auf ihnen Fangen oder machten Mutproben, wer sich weiter in die Mitte wagen würde. Eines Tages ist dann das Wasser unter Michel weich geworden, er ist gefallen und nicht wieder aufgetaucht. Er ist nie gelöscht worden. Gelöscht wirst du, wenn du unnütz bist, sterben, das geschieht einfach. Ein bisschen war ich erleichtert, weil ich mir keine Sorgen mehr um ihn machen musste.

Ich ging in die Schule. Auf der Mädchentoilette schlugen wir dreimal gegen den Spiegel, dann wurde er flüssig, und wir schickten Wellen von einer Seite zur anderen. Wir schlossen nie die Türen zur Toilette. Am Anfang schämte ich mich, aber manchmal wurden geschlossene Türen zu Wänden, und davor hatte ich Angst. Es roch in der Schule immer nach Blut, weil sie früher ein Schlachthof gewesen war. Hin und wieder fand man irgendwo Fleischermesser.
Es gingen so viele Leute verloren, besonders Kinder, irgendwann verlor ich den Überblick und begann ein Notizbuch zu führen, um keinen zu vergessen. Ich schrieb die Namen auf die blauen Linien und daneben die Jahreszahl, in der sie gestorben oder verschwunden oder gelöscht worden waren. Der erste Name war Michel, dann kam Sandra, im Jahre 662, und daneben lag eine Locke, die ich ihr einmal ausgerissen hatte. Ihr Vater hatte eine Arbeit im Netzwerk, die Leute sahen ihm nach.
»Auf sowas spucke ich«, sagte Mama, die Zigarette im Mund, wenn seine Frau vorbeiging, und ihre Stöckelschuhe vorsichtig zwischen den Dreck auf dem Boden setzte. »Im Netzwerk ist er das Letzte, sage ich dir, das Letzte aus Laos, merk dir das. Der zieht doch den Arsch ein vor jedem Update.«
Ich wusste das. Aber Sandra war schön, blass, hatte weißes gewelltes Haar und einen Puppenkopf, und ihr Vater war nicht unnütz. Wenn sie mich verspottete, rümpfte sie die Nase. Ich habe sie gehasst. Ich stellte mir vor, ihren Puppenkopf abzutrennen und ihn zu Hause zu schminken und zu kämmen. Dann wollte ich Ratten darin leben lassen.
Eine Seuche brach in ihrem Viertel aus und dauerte ein Jahr und tötete Sandras Familie. Sie selbst überlebte. Sie kam zwei Wochen nach Ende der Quarantäne wieder in die Schule. Langsamer war sie geworden, ihre Haare waren fort und ihr Puppenkopf rund und glatt. Oft flimmerte sie und von Zeit zu Zeit blieb sie in einer Bewegung einfach stecken – für zehn Minuten oder so. Jetzt verspottete sie mich nicht mehr, sie redete überhaupt nicht mehr viel. Die meiste Zeit sah sie aus dem Fenster.
Ich wusste, dass es keinen Sinn mehr hatte, sie zu schlagen. Außerdem wollte ich sie nicht mehr berühren, ihre Haut fühlte sich pelzig an. Zwei Wochen später wurde sie ohnehin gelöscht.
In dem roten Buch steht Andrea, 663. Am Abend vor einer der ganz großen Säuberungen bekam sie von der Lehrerin Vanillemilch. Uns anderen wurde die Milch mit Wasser verdünnt, ich fand das unfair, nahm ihr das Glas weg, trank es selber in einem Zug, die Augen geschlossen, es rann meine Backen hinunter. Die Lehrerin schlug mich so fest, dass ich hinfiel. »Du bist die Schlimmste!«, schrie sie, »du bist die Schlimmste von allen!« Meine Wange war dick und rot, aber ich heulte vor Wut. Andrea sah mich an, sie hatte Angst vor mir und am nächsten Tag war sie schon fort.
Dann kam eine, die war viel schlimmer als ich. Das war Alice, mit den schwarzen, kurzen Haaren, mit dem dünnen geflochtenen Zopf hinter ihrem rechten Ohr und dem Muttermal unter dem linken Auge. Sie trug ein Hundehalsband und ein weißes, fettes Kaninchen auf der Schulter und hatte nasse, rote Lippen, die sie sich blutig biss. Ich umklammerte sie und ihre erdige Hand, weil ihre Augen aussahen wie die schwarzen Murmeln, die das Sonnenlicht so gut einfingen, und dann hinter den Mülltonnen im Schulhof küssten wir uns heimlich. Ich schmeckte ihr Blut und die zerrissene Haut.
Wenn wir in meinem Viertel spielten, fing sie Ratten ein und durchbohrte sie mit Sicherheitsnadeln, die sie am Gürtel trug.
Ich fragte sie: »Warum tötest du die Ratte?«
»Sie hat doch nie gelebt, Nina«, sagte Alice und biss auf ihrem abgeblätterten Nagellack herum.
Über ihr Kaninchen schimpfte sie oft, sagte: »Es frisst und schläft und sonst nichts.« Mit Nadeln durchbohrte sie es trotzdem nicht.
Mit Alice ging ich auch in die Viertel, die mir verboten waren. Davon gab es viele. Manche existierten nur zu bestimmten Zeiten, in manchen gab es Viren, in manchen lief die Zeit falsch. Aber wir spielten in verlassenen Baustellen über Löchern. Das sind Orte, an denen Laos unberechnet ist, undefiniert. Irgendjemand hat hier ein paar Zahlen ausgelassen, die Programmierung nicht abgeschlossen, und wir sehen ein Loch oder so was. Oft lagen wir auf den Brettern darüber und versuchten, etwas zu erkennen.
»Ist es schwarz?«, fragte ich, aber Alice schüttelte den Kopf.
Sie streckte die Hand aus, streckte sie Richtung Loch.
»Du spinnst«, sagte ich und hielt sie fest.
»Wovor sollte ich Angst haben?«, sie grinste. »Ich bin doch nicht mehr als das Loch da.«
Ich habe sie damals nicht verstanden.
Mama fand heraus, dass ich immer öfter die Schule versäumte, und schlug mich mit ihrer trockenen Hand und schrie, ich würde meine Aufgabe vergessen. Meine Aufgabe, das war, Laos zu retten, einen Aufstand anzuführen, dafür hätten sie mich schließlich programmiert, dafür seien wir alle hier gelandet, und dafür sei Michel gestorben, für mich. Wenn sie gut gelaunt war, sagte sie, du bist doch etwas Besonderes, sei stolz auf das, was wir aus dir gemacht haben.
Deshalb ging ich wieder zur Schule und Alice aus dem Weg, weil Mama mich schlug, und für Michel und weil ich Alice nicht verstand.
Am Nachmittag sammelte ich wieder die schwarzen Murmeln, die im Schatten entstanden, und legte sie in die Sonne, damit sie sich mit Licht vollsogen, und gemeinsam mit den anderen Kindern stießen wir sie über das Pflaster, bis sie Risse bekamen, Sonnenstrahlen über die Häuser wanderten, die Löcher größer wurden, und wir uns geblendet abwandten. Oder wir malten mit Kreide Kreise auf die Straße, hoben sie hoch und sprangen hindurch.
Einmal sah ich Alice an eine Häuserwand gelehnt im Schatten stehen, das fette Kaninchen saß auf ihrer knochigen Schulter. Sie sah mich an, und mir war, als würden ihre Augenmurmeln Risse bekommen, da wandte ich mich geblendet ab.
Alice kam nicht mehr in meine Gegend. Im Juli 666, als es gerade 20 Grad unter Null hatte und schneite, besuchte ich ihr Viertel und fragte nach ihr. Eine alte Frau sagte mir, sie sei längst tot, ihr Kaninchen sei in eines der Löcher gefallen und sie sei nachgesprungen, ohne zu zögern, einfach so, der kleine Bastard.

Laos, du gefährliche, du unberechenbare. Du bist die Müllhalde des Netzwerks, du bist ein Rudel Ratten mit spitzen Zähnen.
Nach Alices Tod wollte ich dich nicht mehr. Ich wollte nicht mehr Sonne und Regen gleichzeitig. Ich wollte nicht mehr im Sommer auf dem vereisten Noa wandern.
Die Schule endete, und ich wollte fort.

Gudrun und Janosch hatten dasselbe Ziel, deshalb wurden wir Freunde. Gudrun band die Haare zu einem festen Knoten und war überzeugt, Arbeit im Netzwerk zu finden, durch konsequente Effizienz. Janosch meinte, er könne uns etwas besorgen, das uns schneller macht, und zuckte mit den Schultern, die Hände in den Taschen. In seiner Wohnung trafen wir uns und schmiedeten Pläne. Gudrun redete von den richtigen Beziehungen. »Wer will, kann alles«, sagte sie. Ihre Augen waren blau, blau wie die von Sandra.
Ich kam heim, und Mama hatte das Notizbuch in der Hand. Ich hatte es irgendwo versteckt, irgendwann, nachdem ich Alice eingetragen hatte, und es seitdem nicht mehr angesehen.
»Das ist Wahnsinn«, sagte Mama, »das hätte ich mir nie gedacht, wir kommen der Sache näher. Wie bist du auf die Idee gekommen?«
»Welche Idee?«
»Die Toten zu dokumentieren!« Sie drückte mir das Buch in die Hand.
Ich blätterte es durch, eine weiße Locke fiel heraus. So viele Namen: Michel, Sandra, Fala, Markus, Herr Norburg, Jasmina, Frau Lassnitzer, Andrea, Thomas, die alte Frau auf der Strasse, Herr Lamberg, Frau Lamberg, Christina Lamberg, ihr Hund, Birgit, Hassan, Martin, Frau Weger, der Verrückte, meine Lehrerin, Christian, Nala, Carmen, ihr Bruder, ihre Schwester, ihre Mutter, Frau Winterhagen.
»Endlich zeigt sich«, sagte Mama, »wer du bist. Die Toten zu dokumentieren, was für eine Idee.«
Margot, Julian, Herr Meissner, Julia, Ines, Marlene, Paul, der alte Mann im Parterre, Frau Sattgott, Frau Norburg, Wolfi, Florian, Sylvia, Alice.
»Wir kommen der Sache näher!«, sagte Mama. »Wir werden denen einen Tritt in den Arsch verpassen! Die können uns nicht einfach wegschieben, nicht wahr?«
Ich sah sie an.
»Du bist doch stolz darauf, was wir aus dir gemacht haben, nicht wahr?«
»Nutzlos«, ich stieg einen Schritt zurück, »ihr habt mich nutzlos gemacht.«
Ich lief fort.
Dann ging ich zu Janosch, sagte ihm, er sei ein Idiot, jeder wisse doch, dass die illegalen Patches Fehler und Viren enthielten und einen überlasteten und im Netzwerk sofort registriert und keinesfalls akzeptiert würden. Dann schüttelte ich Gudrun, sagte, Laos ist die Sackgasse, die Müllhalde, es kümmert sich kein Schwein einen Scheißdreck um das, was du kannst oder willst.
Danach lief ich eine Weile durch die Stadt. Ich war längst zu alt, um Ratten mit Nadeln zu durchbohren.
Janosch und Gudrun akzeptierten bald, dass ich bei ihren Plänen nicht mehr mitmachen wollte, ich kam nur noch zu ihnen, um ihnen zuzuhören und um Janoschs Hanf zu rauchen. Irgendwann meinte Gudrun, Janosch sei auf die kriminelle Laufbahn geraten und ein negativer Einfluss auf ihre Karriere und ging. Sie gab jedem von uns einen Kuss auf die Wange, sagte zu mir, pass auf, dass dich nicht die Schatten fressen.
Also waren wir allein und feierten Geburtstag. Wir aßen still eine billige Torte auf dem höchsten Pfeiler der Zugbrücke. Es war heiß, die Torte schmolz und rann über den Stahl des Pfeilers. Sie war ohnehin schon schlecht. Alles Essen wird furchtbar schnell schlecht hier. Janosch sagte nach einer Weile: »Jetzt haben wir siebzehn Jahre lang überlebt.«
»Ja«, sagte ich und sah in die Sonne, »wir sind Magier.«
Bisher war ich zu beschäftigt damit gewesen, zu überleben, an diesem Tag überlegte ich mir zum ersten Mal, was das eigentlich war, das ich von einem Tag zum nächsten rettete. Ich fand keine Antwort, also fragte ich Mama.
»Wie sehen Programme aus?«, fragte ich.
»Programme sehen gar nicht aus, das sind Informationen im Netzwerk.«
»Aber warum sehen wir dann?«, fragte ich.
»Wir sehen nicht. Das wird uns nur vorgespielt.«
»Wie kann es uns vorgespielt werden, wo wir doch Software sind?«, fragte ich.
»Wie meinst du das?«
»Wir haben doch keine Hardware, keinen Körper, oder?«
Mama lachte. »Eine Hardware? Bist du verrückt? Weißt du denn eigentlich, wie teuer so etwas wäre?«
»Aber dann kann uns doch nichts vorgespielt werden«, sagte ich, »es müsste da ja Messinstrumente geben, irgendeine Basis, auf der das geschieht.«
»Nina, du siehst ja, dass das funktioniert.«
»Sind Programme nicht als Instrumente gemacht worden, für jene, die Hardware haben?«, fragte ich.
»Ja, natürlich, aber …«
»Dann können wir doch keine Individuen sein, oder? Wir sind doch nur Information!«
»Schluss jetzt!« Mama schrie, ihre Stimme war heiser vom vielen Rauchen. »Ich war wirklich geduldig! Ich habe gewartet, ich habe dir geantwortet, aber es kommt nichts. Du tust einfach nichts! Du stellst nur dumme Fragen! Ich habe geglaubt, wir kommen der Sache näher, aber du wirst immer schlimmer!«
Ich sah sie verwirrt an. »Aber ihr habt mich so programmiert. So bin ich.«
»Nein, wir wollten dich nicht so! Du hast dich von dem weg entwickelt, was wir wollten. Wir haben geopfert, und du enttäuschst uns. Du tust nichts. Du bist nichts. Du bist einfach nichts.«
Mama stand vor mir, mit ihren chlorgebleichten Haaren, der trockenen Haut, den rissigen Händen, im Morgenmantel. Ich sah mich in der Küche um, es standen so viele Flaschen in dieser Wohnung. Mama trank, Mama vergaß.
»Du bist ein mieser Rechner«, sagte ich, »ihr seid beide miese Rechner. Ihr habt in Michel einen blödsinnigen Fehler eingebaut, ihr habt mich erschaffen, um euch am Netzwerk zu rächen, aber ihr habt nicht damit gerechnet, dass ihr in Laos landen werdet. Du hast mich hier allein gelassen, aber du hast nicht damit gerechnet, wie ich mich entwickeln würde. Wir sind nicht wegen mir oder Michel hier. Wir sind euretwegen hier. Michel ist für euch gestorben, nicht für mich. Ich bin so, wie ich bin, weil du ein mieser Rechner bist.« Ich drückte ihr eine volle Weinflasche in die Hand. »Hier, trink, vergiss, was ich zu dir gesagt habe.«
Kurz bevor ich die Wohnungstür zuschlug, hörte ich das Klirren, als die Flasche zu Boden fiel, und sah den Wein über die Fliesen rinnen.
Ich flüchtete mich zum Strand. Dazu musste ich nur durch ein Werbeplakat springen, das tat ein bisschen weh, aber das war gut in diesem Moment. Ich legte mich in den Sand, döste ein wenig ein, wachte wieder auf. Mein Haar war heiß und trocken, und ich wusste, dass Mama recht gehabt hatte. Ich konnte mich wieder an Alice erinnern. Ich bin doch nicht mehr als das Loch da. Ich bin tatsächlich nichts.
Laos, du Gefährliche, du Unberechenbare.

Als ich zurückkehrte, sammelte Mama gerade die Scherben ein, und gemeinsam wischten wir den Wein auf. Dann öffneten wir die Tür zum französischen Balkon und saßen dort und rauchten mit roten Fingern Hanf. Mama legte mir die Hand vorsichtig auf die Schulter und streichelte mich. Ich war ein bisschen traurig, weil das das Beste war, was ich von Mama erwarten konnte: mit ihr auf dem französischen Balkon Hanf zu rauchen, mich von der Sonne wärmen zu lassen und ihre Hand auf meiner Schulter zu spüren.
Zuerst wollte ich vergessen, dass ich nichts bin, wollte ich Alkohol von Janosch, viel davon. Er wunderte sich, er sagte: »Pass doch auf dich auf«, aber ich antwortete: »Auf was denn?« Irgendwann fragte er nicht mehr, sah mich nur noch manchmal an.
»Wovor hast du Angst?«, fragte ich ihn.
»Davor, dass dich die Schatten fressen.«
Dann lachte ich, und er senkte die Augen.
Später wollte ich Beruhigungsmittel und spürte die Betäubung und dachte, das ist es, was ich wirklich spüre. Oder ich nahm Schlafmittel und dachte, Schlaf ist das, was ich wirklich bin. Eines Nachts weckte mich Gudrun auf und ging mit mir durch die Wohnung, stundenlang, und ließ mich nicht schlafen. Dabei sah sie Janosch an, der zuckte mit den Schultern. Vermutlich hatte er sie angerufen, um Hilfe gebeten.
»Was versuchst du da zu retten?«, fragte ich sie.
Irgendwann nahm ich eine dieser schwarzen Murmeln, die sich so mit Sonnenlicht vollsaugen, und schluckte sie an einem Herbstabend, als wir in Janoschs Wohnung saßen und rauchten. Ich fror, hatte sie wohl zufällig in der Tasche.
»Wie fühlt es sich an?«, fragte Janosch.
»Warm«, sagte ich.
Es fing an zu regnen, und es regnete durch die Decke, aber mir war warm, und Janosch hatte die Zigarette.
»Jetzt leben wir schon 19 Jahre hier, 19 Jahre.«
Janosch sagte: »Tatsächlich.« Er wischte sich die nassen Haare aus dem Gesicht.
»Eigentlich«, sagte ich zum Regen, »kann man hier gar nicht so lange leben. Laos ist nicht dafür gemacht. Wieso sind wir noch immer da?«
Der Regen antwortete nicht, obwohl ich glaubte, ihn aus den Augenwinkeln mit den Schultern zucken zu sehen.
»Wir sind Magier, wir überleben immer weiter. Keiner weiß so genau wie, aber es funktioniert, bis wir sterben. Ist das nicht seltsam?«
Ich legte mich auf den Boden in die Lacke. Mir war heiß, die Murmel hatte wohl Risse bekommen, und jetzt war ich geblendet, nur von innen.
»Und keine Art des Überlebens gleicht der anderen. In dieser Stadt werden Pläne gesponnen, wenn sie scheitern, denkt man sich etwas Neues aus. Was denkst du gerade, Janosch?«
»Ich denke, dass du stirbst«, sagte er, » dass ich nichts damit anfangen kann.«
Dann ist er gegangen und hat die Polizei gerufen. Ich lachte, denn niemand ruft die Polizei in Laos. Janosch lachte auch. Er meinte, sie könnten bei mir nichts mehr kaputt machen. Der Regen rann in Strömen an mir herab, meine Haut war ganz kühl.

»Ich wünschte, ich wäre in ein Loch gesprungen«, sage ich, die Augen geschlossen. Ich höre, wie Janosch auf seinem Sessel allmählich unruhig wird.
»Was werden wir tun, wenn sie kommen?«, fragt er.
Was weiß ich, wir sind schließlich Magier. »Wir werden sehen.«
Tropfen klatschen in meiner Hand auf. Ich strecke mich, öffne die Augen, und hinter Janosch öffnet sich die Tür.