Susanne Gottlieb (15)

Das Pferd, das keine Wahl hatte

(Eine Widmung den Waldinger Affen)

Zweibeiner, auch bekannt als Menschen, sind seltsame Wesen. Sie haben immer verrückte Ideen, meine Mutter sagte, weil sie nichts Besseres zu tun haben. Ich glaubte ihr aufs Wort. Ich glaubte ihr eigentlich immer aufs Wort, weil ich es einfach nicht besser wusste. Als Pferd hatte man es schwer; sie hauen einem die schwer gefürchtete, unter dem Wort »Sattel« bekannte Lederunterlage auf den Rücken und setzten sich dann auf dich drauf, um auf dir durch die Gegend zu hopsen. Dabei hatten meine Vorfahren noch vor 100 Jahren angeregt darüber diskutiert, dass uns bald ein sich selbst bewegender Karren, eine neue Erfindung der Menschen sich fortzubewegen, ablösen würde. Doch einige Spinner blieben übrig, die uns weiterhin in ihren Ställen hielten, um uns gelegentlich in voller Ausrüstung hervorzuholen. Als ich geboren wurde, wusste ich noch nicht, dass das nur die Spitze des Eisberges sein sollte.

Eines Tages kamen ein paar schwarz gekleidete Männer in den Stall, in den Händen ihre Aktenkoffer. Sie sahen sich kurz um und konnten es nicht vermeiden, einmal die Nase kraus zu ziehen. Hinter ihnen kam der Boss. Ich wusste nicht, wie er wirklich hieß, aber alle Leute, die hier im Stall arbeiteten, nannten ihn so.

»Glauben Sie mir!«, meinte der größere der beiden Männer großspurig, »Ich verwandle ihren … ähm … Sie nennen es Ort? … in eine Touristenattraktion!«

»Ach ja? Wollen Sie die Aufenthalte hier gratis machen?«

Ich ließ mein Futter, der wichtigste Bestandteil in meinem Leben, außer Acht und spitzte die Ohren.

»Nein!«, fuhr der Typ fort, »Sehen Sie sich Ihre Viecher mal an.« Damit war wohl nur meine Wenigkeit gemeint.

»Wir werden mit ihnen eine Tiertaufe machen.«

»Sind Sie Zeugen Jehovas?«

»Nein, wir wurden von der Kirche beauftragt. Sie brauchen einfach mehr Kirchensteuern. Passen Sie auf, wir garnieren die ganze Aktion mit ein paar Attraktivitäten für Kinder, laden den Bürgermeister ein und nie jemand kommt dahinter.«

»Und was springt bei der Sache bitte für Sie raus?« Der zweite Mann hüstelte verlegen. »Das bleibt uninteressant.«

Ich verstand nie, worum es bei dieser Diskussion gegangen war, aber als ich es meiner Mutter erzählte, meinte sie, es würden schlimme Zeiten anbrechen. Sie erzählte mir von der Legende um die Affen, kleinen haarigen Wesen, die, abgesehen von dieser kleinen Besonderheit, den Menschen in Körperform und Intelligenz ziemlich glichen. Angeblich sollten die vor ein paar Jahren auch einmal eine Taufe gehabt haben, worauf sie keinen Nachwuchs mehr produzierten, weil sie keusch geworden waren. Zudem kam jetzt fast jeden Tag ein kleines Mädchen zu mir, dasmir zehnmal am Tag das Fell putzte und mir Zöpfchen flechtete. Bald konnte ich meine Haut schmerzhaft durchspüren und von meinem Gott gegebenen Fell war nicht mehr viel übrig. Was mich am meisten verwirrte, war aber, dass sie mich dauernd Schatzi nannte. Ich hieß aber nicht Schatzi, ich hieß Pferd nach meiner Mutter. Sie erzählte mir, sie wolle meine, ich glaube sie nannte es Patin, werden und sich immer gut um mich kümmern. Alles, was ich über sie wusste, war, dass sie irgendeinem Haufen namens »Die guten Samariter« angehörte. Auch meinen Freunden und meiner Familie ging es ähnlich und wir alle waren schon gespannt, was uns erwarten würde.

Eines Morgens, ich stand gerade vor meiner Futterschüssel und wollte so richtig ’reinhauen, als meine Samariterin wieder erschien. »Es ist soweit!«, rief sie fröhlich. Ich wurde neugierig. Was war soweit? Würde ich endlich eine eigene Box kriegen? Würde das 10 Tage alte Futter ausgewechselt werden? »Heute wirst du getauft!« Ich musste sofort wieder an die Taufproben der letzten Tage denken. Der Boss wollte uns zuerst in einem riesigen Gummibecken, wo sonst immer die kleinen Kinder drinnen planschten, untertauchen, aber nachdem die Kamele begannen, das ganze Wasser wegzusaufen, und der lange grüne Schlauch Löcher hatte, besann man sich darauf, uns mit einem kleinen grünen Busch, der angeblich vorzüglich schmeckte, voll zu spritzen. Doch mir blieb nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn meine Patin riss schon an meinem Riemen und ich musste ihr nach draußen folgen.

Ich wurde in der Reihe hinter meine Mutter gestellt und konnte nichts anderes tun, als ihr die ganze Zeit auf den Hintern zu starren. Hinter mir murmelte mein bester Freund verzweifelt: »Ich muss mal, ich muss mal!«. Von überall hörte ich plärrende Kinderstimmen, erstickende Lacher sich darüber amüsierender Jugendlicher und die Lobeshymnen der Erwachsenen über uns. Wir wurden auf eine große erdige Fläche geführt und mussten ein paar Mal im Kreis gehen. Mir wurde schwindlig und vage konnte ich noch erkennen, wie die Leute sich glotzend an das Geländer drängelten und ihnen Rufe von »Ach wie süß!« bis über »Ist das lächerlich!« entfuhren. Meine persönlichen Gedanken bezogen sich auf die Futterschüssel in meiner Box. Die laute Musik dröhnte in meinen Ohren, und irgendwo schrie jemand: »Eis, wer will ein Eis!« Ich hoffte, ich würde bald etwas zu essen bekommen, alles andere kümmerte mich nicht. Hinter mir hörte ich das Mädchen mit meinem Freund: »Basti, jetzt hast du mich schon wieder angeschissen!«

Langsam begannen die Leute am Zaun und auf den Bänken ungeduldig zu werden. Ihre Getränke waren längst weggetrunken, während der Pfarrer, der grausamste Name, den ich je für einen Menschen gehört hatte, in seinen weißen wallenden Gewändern noch etwas über zehn heiß geliebte Kälber erzählte, die er in seinen jungen Jahren gehabt hatte. Doch niemand hörte ihm so recht zu. Die Affen beobachteten uns mitleidig aus ihrem Käfig. Plötzlich entdeckte ich in einer Ecke die beiden schwarz gekleideten Männer. Ich konnte erkennen, wie sie kleine grüne Scheinchen zählten und sich dabei ihre Gesichter zu riesigen Grinsern verzogen.

Tage später erzählten sich zwei Arbeiter im Stall, dass die Kirche diese Scheinchen nie bekommen hatte und die beiden Zuhälter, die sich darum gekümmert hatten, damit irgendwo nach Tahiti verschwunden waren.

Inzwischen hatte man uns in Reih und Glied nebeneinander aufgestellt. Der Pfarrer war mit Gefolge erschienen und hielt ein schmackhaft aussehendes grünes Gestrüpp in seiner Hand. Ungeduldig begann ich herumzustampfen. Langsam ging er die Reihe durch, angefangen bei meinem Cousin Bernie. Bei jedem faselte er irgendwas über Gott und dass er ein Auge auf uns haben werde, um einen dann mit dem nass gemachten Futter in seiner Hand zu besprengen. Schließlich war er vor mir und Basti angekommen. Er lächelte uns schief an und wollte uns schon anspritzen, als plötzlich Bastis Kopf an mir vorbeisauste, der Pfarrer mit seiner blutigen Hand laut aufschrie und ein grünes Etwas aus meines Freundes Maul rausschaute. Laute Schreie und begeisterte Rufe wie »Endlich passiert mal was!« über »Was für 'ne billige Showeinlage!« bis »Oh mein Gott, der arme Pfarrer!« kamen jenseits der Zuschauer. Die Frau, die den Pfarrer begleitete, fiel in Ohnmacht.

»Hey, den wollte ich schon fressen!« rief ich erbost.

»Pech gehabt!« kam die freche Antwort.

Das war zu fiel für mich. Ich riss mich los und stürzte mich auf Basti. Die Leute begannen zu johlen und Wetten auf uns abzuschließen. Die Schlangen vor dem Popcornverkäufer verdoppelten sich. Schließlich musste der Boss höchstpersönlich kommen, um uns zu trennen, obwohl ich überhaupt nicht wusste, was ich getan hatte.

Der verletzte Pfarrer durfte dann noch die restlichen Pferde taufen, wobei sie diesmal ein dünnes Stäbchen mit Borsten am einen Ende, mit dem sich der Knecht noch vorher in der Box die Zähne geputzt hatte, nahmen, um uns voll zu spritzen. Meine Mutter gab mir für den Rest de Jahres Boxenarrest, aber wie der Pfarrer so schön gesagt hatte; ich hatte Gottes Segen. Und ich fühlte mich wohl dabei.