Martin Stern (13)

Omen

Seit ich, Agatha, zurückdenken konnte, war ich nie abergläubisch gewesen, immer sachlich und kühl. Aber dann tauchte Chiromantia Quint auf. Sie war in der Nachbarwohnung in dem großen Wohnblock eingezogen, vor mehr als drei Jahren, und heute war der Jahrestag ihres Todes.

Seit dieser Zeit war ich beim biederen Volk unbeliebt, weil ich nicht mitgetan hatte, als fleißig infame Gerüchte über die Neue ausbreitet wurden, weil ich nie – oder nur kurz und ganz am Ende – geglaubt hatte, dass die Tote zu Lebzeiten komplett verrückt gewesen war.

Vor zwei Jahren hatte es begonnen, um diese Zeit. Zuvor hatten wir einander auf der Straße gegrüßt, einander respektiert, aber nicht näher gekannt. Doch dann, kurz nachdem der Jahrmarkt, der auch jetzt wieder gastiert, eingezogen war, hatte eines Tages zu sehr später Stunde Chiromantia wie verrückt an meine Tür geläutet. Sie war blass, verschwitzt, mit beträchtlichen Augenringen, und fuchtelte fahrig mit den Händen herum. Außerdem waren ihre Augen weit offen. Als sie begann, die Geschichte zu erzählen, hatte ich zuerst geglaubt, meinen Ohren nicht trauen zu können.

Chiromantia war am Vortag bei dem Wahrsager des Jahrmarkts gewesen, und hatte dort die Vorhersage eines traurigen und schrecklichen Todes erhalten. Sie hatte darüber gelacht, und war mit einem mulmigen Gefühl heimgegangen. Doch nun hatte sie im Schlaf sich selbst gesehen, und ein Totenschädel hatte darüber geschwebt. Ich redete ihr gut zu, sagte ihr, dass sie nur die lächerliche Prophezeiung zu ernst nehme, und kochte dann leicht verwundert einen Topf Kaffee.

Bisher hatte ich meine Nachbarin als resolute, kräftige Frau gekannt und nicht gedacht, dass sie sich mit ein wenig Bauernfängergewäsch kleinkriegen lassen würde. Seltsamerweise dachte ich nie auch nur einen Moment daran, dass sie verrückt sein konnte. Möglicherweise aufgrund ihres panisch verwirrten Zustandes.

Es blieb jedoch nicht dabei. Am nächsten Tag kam Chiromantia mit einem Buch namens »Todesomen – das Schlimmste vorhersagen« heim, und obwohl ich sie davor warnte, begann sie zu lesen. »Ich brauche Gewissheit«, sagte sie immer.

Und nach einer Woche war wieder die gleiche Situation. Als Chiromantia diesmal in meine Wohnung stürzte, faselte sie irgendetwas von Geistern und schwebenden Totenschädeln und Vollmond. Ich ging in ihre Wohnung und sah aus dem Fenster: Auf dem Hügel gegenüber stand eine zweitürmige Kirche, die im fahlen Licht aussah wie aus Knochen. Am Boden lag Todesomen, auf der offenen Seite das Bild eines Schädels, der in der Luft über einem Hügel zu hängen schien, und darunter stand: Schädel in der Nacht – besonders eindeutig bei Vollmond.

Es war Vollmond.

Vier Tage darauf war der nächste mitternächtliche Besuch bei mir, wo diesmal schon eine Tasse Kaffee und ein Fläschchen Beruhigungstropfen für die panische Chiromantia bereit stand. Sie war wegen einem Geräusch aufgewacht und hatte den Tod gesehen, mit großer Sense, elegantem, schwarzen Mantel und einem klappernden, bleichen Skelett darunter. Nur war Chiromantia diesmal in der Früh kaum mehr zu überreden, in ihr Zimmer zurückzugehen.

Doch nun öffnete sich der Volksmund, und die ersten Gerüchte begannen sich auszubreiten. Zweifelsohne mit tätiger Mithilfe der Hausfrau, die die geschwätzigste und neugierigste Frau des Dorfes war.

Doch dann begann es, schlimmer zu werden. Das gesamte Dorf wusste inzwischen, dass Chiromantia regelmäßig zu mir floh, und fast jeder glaubte, dass sie verrückt war. Chiromantia traute sich kaum mehr, mein Zimmer zu verlassen, und in der Nacht wachte sie innerhalb kürzesten Abständen auf und erzählte von wirren Träumen, die meistens ein oder mehrere Todeszeichen beinhalteten. Außerdem legte sie Todesomen kaum mehr zur Seite, und jeden Morgen schlug sie ein paar Dinge nach und verzweifelte jedes Mal mehr.

Doch nach einem halben Jahr, das für sie fürchterliche Angst bedeutet haben musste, da sie ständig den Tod, sich als Leiche und Knochen sah, begann ihr Verstand, die ständigen Todeszeichen nicht mehr zu verkraften: Sie begann jetzt wirklich, verrückt zu werden.

Es fing ganz klein an. Anfangs redete sie nur wirr und merkte sich Dinge wie das Datum nicht, doch bald vergaß sie sogar ihren Namen. Kein Zuspruch half, und nach einem Dreivierteljahr war Chiromantia Quint ein geistiges Wrack.

Sie musste im Zimmer eingesperrt bleiben, Essen musste ihr eingegeben werden, und sie lallte nur mehr. Für die Ärzte war es unbegreiflich, da es keine richtige Krankheit war.

Eines Tages vergaß der Pfleger, ihre Tür zuzusperren. Die sofort eingeleitete Fahndung blieb erfolglos, bis auf ein paar Fußspuren, die ihre hätten sein können und in den reißenden Fluss führten und – Tage später – einen Fetzen ihres altmodischen Nachthemds, der in den Zweigen einer alten Weide im Fluss hängen geblieben war.

Das ist jetzt ein Jahr her. Ich als Chiromantias einziger Freund habe ihre Habseligkeiten erhalten. Trotz fester Gelübde nahm ich eines Tages Todesomen zur Hand und las es. Und bei dem gleichen Wahrsager habe ich den Tod prophezeit bekommen. Ich beginne, mir Sorgen zu machen.