Susanne Müller (17)

Ringelreihen

Es ist ruhig geworden.

Der Raum fühlt sich hell an, jetzt, von Nachmittagssonne, Frühsommersonne, hell die Wand und die Möbel auf dem dunkel verwitterten Parkett. Auf dem Tisch steht die Spieluhr, rot, mit goldgelbem Rankenmuster am Rand und altmodischer Kurbel. Darauf zwei kleine Figuren, Puppenpärchen, sie drehen sich immer im Kreis zur Melodie, die leise klingt im Schnarren des alten Werks.

Du hast geschrien, doch hattest keinen Hunger, sodass ich schon wieder Angst hatte, hilflos zu werden, ich nahm dich hoch, und später erst, mit der Melodie, hast du dich irgendwann langsam beruhigt, schläfst jetzt, schwer, an meiner Schulter, und ich höre deinem Atem zu.

Eigentlich, in meinen Träumen, hätte ich Besseres für dich gewollt, Vollkommeneres. Wären wir zu dritt, vielleicht würde es sich anfühlen wie Familie, doch seit ich von dir weiß, ist Georg fort, es wurde ihm wohl zu groß mit dir – und eigentlich hätte auch nichts Endgültiges daraus werden können.

Ringelreihen, immer im Kreis herum. Es zieht sich durch die Familie. Mutter schon war immer die Einzige, die ich Familie nannte; wenn ich es auch nie aussprach. Wir gehörten zusammen, doch schweigsam. Manchmal, wenn sie gute Laune hatte, kaufte sie mir auf dem Heimweg Süßigkeiten oder ein Spielzeugauto – ich habe nie mit Puppen gespielt. Doch es kam selten vor, und wenn, überraschend; ich weiß noch, dann klärte sich ihr Gesicht auf, wurde breiter und offener, ich sah klarere Augen, ganz plötzlich, ohne eigentlich erkennbaren Grund, und ich war verwirrt glücklich. Meist aber war sie ernst, und wenn ich anhänglich wurde, wandte sie sich ungeduldig ab. Klammern durfte nicht sein, vielleicht war es ihr zu offen, jeder für sich selbst schien ihr sicherer zu sein, sie kannte es, sie führte ja schon einen Kreis fort. Großmutter musste heimlich sein, verbarg sie, ein Kind und kein Mann war eine Schande. Ärmlich, Arbeit, den Kunden – man kannte einander in der kleinen Stadt – nicht in die Augen gesehen, Wohnen in einem dunklen Zimmer, Blick aus dem Fenster auf Mauern anderer Häuser. Schwierigkeiten, und man wurde verschlossen und hart. Mutter erzählte davon. Großmutter ist eine stille, bittere Frau, die nie viel gesprochen hat, auch nicht, wenn ich bei ihr war. Nur Mutter hat manchmal von ihr erzählt.

Sich selbst dagegen versperrte sie. Über Vater sprach sie nie, und ich, das Kind, wagte nicht zu fragen. Er ging früh weg, zur Heirat kam es nicht, sie wurde stiller, er darauf immer lauter – vielleicht wollte sie nur nicht klammern. Er ging, ich war noch klein, und es sind nur Schemen geblieben. Nun bin ich älter, bin wie die Großen, nichts hat sich geändert. Nun bist du da. Ringel ringel reihe, es sind der Kinder dreie… Ich ziehe die Spieluhr wieder auf.

Du bist das dritte Kind in dem Kreis. Ich summe fast ohne Stimme die Melodie mit, die Figuren drehen sich, ich folge ihnen mit dem Blick; Gedanken, Gedanken…

Du atmest warm den Schlaf an meine Brust. Nun bist du da, nichts ist besser, nichts ist anders. Großmutter sagte zu Mutter, sie solle zusehen, dass es ihr einmal besser ginge, und nichts hat sich verändert. Mutter sagte nichts zu mir; es wäre vielleicht auch grotesk gewesen. Ich werde zu dir auch schweigen, und doch… Das, was ich für dich haben wollte, wäre viel mehr, und ich will nicht aufgeben zu hoffen, dass, irgendwann dann, du herausbrichst aus dem Kreis. Auch ich wollte es nicht so, wie es ist, natürlich, wie sonst hätte ich auch reagieren sollen, doch als ich von dir wusste, konnte ich dich nicht aufgeben, es wäre nicht möglich gewesen, fortzufahren, als hätte es dich nicht gegeben.

Ich habe noch Träume, zumindest für dich. Natürlich, Träume sind immer vollkommener als das, was man dann lebt – auch Mutter hätte welche gehabt, wohl auch Großmutter schon – und wer weiß schon, wie deine Zukunft aussehen wird. Wer weiß, für welche Dinge du dich entscheiden wirst, und überhaupt, in diesen Tagen sagt niemand Gutes. Und Blicke, Sätze, keine Kinder mehr in diese Welt… Wie lange schon sagt man das. Und trotzdem, alles geht weiter. Welten hören nicht auf, sich zu drehen, was immer passiert.

Kreise, Kreise. Du schläfst ruhig, und ich merke, die Spieldose ist längst still geworden, wirkt kleiner jetzt als sonst und verloren auf dem Tisch; ich weiß nicht, warum sich der Raum jetzt so leer anfühlt. Ich sitze immer noch, ich lasse die Zeit vergehen und rühre mich nicht und starre nur auf die Spieluhr.

Ich habe sie gern gemocht als Kind. Saß kleine Ewigkeiten lang auf dem Boden davor und sah nur zu, wie sie sich zu dem feinen Klingen des immer gleichen Liedes immer weiter drehte, wie die Puppen darauf mitdrehten und immer starr standen, Kreis um Kreis um Kreis. Ich liebte sie, vielleicht auch, weil sie roch, nach altem Metall, und an den Rändern begann schon damals der Lack abzublättern. Sie hat schon Mutter gehört, war lang ihr einziges Spielzeug, auch das hat Mutter mir erzählt. Sie müsste mir vertraut sein, doch jetzt, alleine im Raum, wirkt sie fremd und nicht ganz passend, das Rot plötzlich zu farbig im düsteren Zimmer.

Hier bestimmt wirst du es besser haben. Licht und Spielzeug, und ich werde mit dir sprechen und zu dir lachen, ganz sicher, wir spielen nicht Verstecken mit der Welt, wir sind nicht verworfen, weil wir alleine sind.

Ich stehe auf, seufzend, lege dich schlafend ins Bettchen. Dunkel ist es jetzt, und ich stehe eine Weile und lausche nur nach deinem Schlaf. Dann gehe ich hinaus, leise, nur im anderen Zimmer knarrt das alte Parkett kurz auf. Ich nehme die Spieluhr mit hinauf auf den Dachboden. Es riecht modrig hier und unverwendet, dunkel stehen Kisten gestapelt. Ich nehme Zeitungspapier und wickle die Spieldose hinein. Stumm sehe ich sie stehen auf den schwarzen Kartonsilhouetten. Ich stehe kurz, dann drehe ich mich um und versperre die Tür.

Ich will keinen Ringelreihen mehr.