Elisabeth Klar (16)

 

Er tanzte, als wären seine Beine aus Stein.

Das dachte sie sich heimlich, während sie gelangweilt über seine Schulter hinweg ins Leere stierte und er sie unsicher mitzog.

Es war ein Fehler gewesen, sich von ihm auffordern zu lassen, aber es war auch ein Fehler gewesen, überhaupt eine Tanzschule zu besuchen.

Denn dieser blasse Junge, der Martin oder David heißen musste, soweit sie sich entsann, war nur ein typisches Exemplar der Schüler, die verklemmt und verschlossen die Musik ignorierten und außer Takt stur Bewegungsabläufen folgten, die sie sich gemerkt hatten.

Wohin auch immer Janine blickte, sah sie lustlose Roboter, die sich bewegten, als hätten sie eine Heugabel verschluckt.

David oder Martin stoppte, weil er endlich mitbekam, dass die Beiden seit einer halben Minute außer Takt waren. Diesmal begann er im richtigen Moment, aber zu langsam.

Janine konnte sich erinnern, wie sie einem ganz ähnlich hoffnungslosen Fall beibringen gewollt hatte, dass nicht die Dame für die Führung zuständig war.

Dann konzentrierte sie sich, um ihren Partner in die Drehung zu zerren.

Ihre Gedanken rissen sich jedoch bald wieder los und wanderten nach Hause, von wo sie ihre Begeisterung fürs Tanzen vermittelt bekommen hatte.

Stampftänze jeden Sonntag und Singen, das bringt Freude ins Leben, sagte Großmutter immer.

Hier folgte man dem Tanz wie einer Gymnastikübung, und Freude kam erst nach der kollektiven und maßlosen Einnahme von Alkohol auf, woraufhin dann schwankend Polka gelacht und zur Musik gestolpert wurde.

Rhythmus, hatte Großmutter gesagt, ist Weg und Ziel. Du brauchst zum Tanzen nicht Musik, nicht Partner, nicht Tanzschritte, sondern den Takt angebenden harten Schlag deines Herzens.

Das Herz dieser grauen Masse aber war fett und träge, betäubt von zu wenig Bewegung und unterdrückt von falscher Schüchternheit.

Janine vergaß, David oder Martin auch über die nächste Drehung zu tragen, und jetzt sah sogar er, dass sie falsch waren.

»Du hast vergessen zu drehen!« sagte er ungeduldig, peinlich berührt, weil schon wieder zum Stehenbleiben gezwungen. Wütend machte sich Janine los und beschloss, zu verschwinden.

Später ging sie zu Fuß nach Hause, weil sie keine Lust auf U-Bahn hatte, wo sie die ewig platten Gesichter wieder treffen würde, die sich für ihre Stimmen schämten und Musik passiv konsumierten, statt sie aktiv zu gestalten.

An einer Straßenecke saß ein Musikant und schlug seine Geige, anstatt auf ihr zu spielen. In seinem Körbchen waren kaum Münzen. Plötzlich hatte das Mädchen Lust zu singen.