Stefanie Flebus (17)

Rollenspiele

Meine Blicke suchen, finden nicht, suchen weiter, nicht um zu finden, nicht des Suchens wegen. Es ist das Wegsehenmüssen, um nicht aufzufallen, um keinen falschen Eindruck zu erwecken, den richtigen Anschein, der nicht zum wirklichen werden darf.

Die Hände werden geknetet, gedreht, betrachtet, ohne wirklich gesehen zu werden.

Meine Gedanken schwirren nur um alles andere, alle anderen, die genau hineinzupassen scheinen in diese fröhliche Samstagsabendleere.

Immer das Hinausgehen ohne zu wollen, das Versuchen, das schon im Anfang scheitern wird, wie immer.

Und trotzdem das Nichtaufgebenwollen, das Sichüberredenlassen, obwohl dann wieder am Ende der Wunsch nach dem Einschließen alleine und einsam dasteht.

Wortfetzen dringen an mein Ohr, zu oberflächlich, und doch wird mir der tiefere Sinn schmerzhaft bewusst.

Kontrollierende Seitenblicke, falsches, bestätigendes Lächeln, schreiende Augen, die sich dann wieder abwenden, um von neuem zu schauen, ohne zu sehen.

Lockere Witze werden in den Raum geworfen, prallen an meinen Ohren ab und hindern meinen Mund am Lächeln.

Schnell wegsehen, mein Oberkörper wippt zu den hämmernden Computergeräuschen.

Vor mir rauchendes Einverständnis, zweisam, Witzchen, die im Rauch aufsteigen, Kichern hervorrufen, in meinen Augen brennen und in meinem Hals kratzen, bis ein Husten hervorbricht. Entschuldigung.

Ein spitzer Ellbogen rechts, ein stolpernder Fuß hinter mir, vor mir das kleine Bartischchen, das zehn Meter lang wird, wenn unverständliche Worte verstanden an mein Ohr dringen sollen. Bestätigendes Lächeln, wegsehen.

Ihrerseits vertrautes Lachen in andere Richtungen. Einblicke in Ausschnitte. Feuchte Hände, feuchte Augen, doch lieber nicht… Alles in Ordnung? Sicher. Lächeln.

Die Uhr an meinem Handgelenk tickt langsamer und langsamer, Schläge gegen mich, die zäh fließende Zeit bleibt stehen, und jeder verzweifelte erwartungsvolle Blick bricht sich am geschliffenen Glas und wirft nichts als spottendes Langsamerwerden zurück.

Wieder dämpft das gescheiterte Warum die schrillen Töne erheiternden Lachens. Nach dem Warum wird hier nicht gefragt. Nur nach dem Wie.

Meine Hände umspielen das kalte Glas, machen Anstalten, es zu erdrücken. Wie bitte?

Das resignierende Hinunterschlucken wird zur hilfreichen Handlung, nicht ganz, aber immerhin vielleicht nach außen dazugehören.

Der Geschmack der Flüssigkeit hängt zwischen den Eiswürfeln fest, es wird immer wärmer und lauter werden, bis Geschmack vielleicht auch nicht mehr so wichtig ist.

Kleine Bewegungen am Gegenüber registrierend, in die andere Richtung blicken, ohne zu sehen. Vielleicht ist das Kunst…

Suchen, bis das Gefundene dann sicher auch in der Masse untertaucht, die sich über Erklärungen legt, und es sich dann perfekt in die Menge der Statisten einfügt und konsequent seine Rolle spielt. Warten auf den Protagonisten… Das Publikum wird unruhig, der Sekt wird warm.

Vielleicht doch aufstehen und der Gnadenfrist ein Ende setzen?

Der letzte Schluck wartet, fast keine Worte mehr, photographisches Gedächtnis: 200 Abzüge liegen bereit.

Brennende Augen fragen nach den kleinen Nadelstichen, die Antwort ist bereits bekannt. Worte schlängeln sich durch das dumpfe »Dazwischen«.

Der vertraute Klang lässt mich kurz aufhorchen und verwundert das neue Bier betrachten, das über das Bartischchen stolpert.

Entschuldigendes Lächeln, falsches Bild.

Der eigene Name wird zum Spott, schon oft gehört heute, nicht mehr nur mein Name, geteilter Name.

Und wenn jeder Mensch eine Nummer hätte…

23:25. Ich bin dran. Letzter Schluck, letzter Griff.

Kurz auf mich aufmerksam machen, der Blick, der folgt, wirkt klar.

Nadelstich… stör nicht! Bis irgendwann…

Sicher…

Anziehen und rausstolpern.

Eiskalte Luft reißt mich heraus, lässt mich kurz meinen eingeübten Text vergessen.

Die künstliche Helligkeit blendet kurz. Dann:

Also dann… bis nächsten Freitag.

Sicher…