Janine Eggenberger (17)

Reise

Da lag es vor mir, das kleine, weisse Ding, schien mich verlockend anzusehen. Deutlich hob es sich von der schwarzen Tischplatte ab, rund und glatt.

Mein Kopf sträubte sich gegen meine Absicht, versuchte mich davon abzuhalten, einen Fehler zu begehen. Doch meine Hand schien ihren eigenen Willen zu besitzen, streckte sich aus, berührte die Pille. Langsam drehten meine Finger sie hin und her, befühlten die Oberfläche. Dann wanderte meine Hand automatisch zu meinem Mund, der sich leicht öffnete und die Pille in sich aufnahm. Ich behielt sie kurz unter meiner Zunge, spürte, wie sie sich aufzulösen begann, und einen seltsamen Geschmack in meinem Mund hinterliess. Sämtliche Warnlampen blinkten. Meine letzte Chance.

Ich schluckte. Die Pille suchte sich ihren Weg meine Kehle hinunter, traf in meinem Magen ein. Ich sah das Bild vor mir, stellte mir vor, wie sie sich in kleinste Teile auflöste, die sich in meinem Körper zu verteilen begannen, mit meinem Blut in mein Gehirn gelangten und ihre Wirkung entwickelten.

Ich liess mich aufs Bett sinken, wartete auf eine Reaktion meinerseits, erhob mich, schaltete das Radio ein, setzte mich wieder hin.

Es war nicht so, dass sich die Umgebung langsam zu verändern begann, vielmehr spürte ich, wie sich meine Sinneseindrücke verschärften. Nach einem Blinzeln befand ich mich einige Stufen höher auf der Wahrnehmungstreppe, in einer neuen Realität. Die Farben der verschiedenen Gegenstände waren viel intensiver. Alles im Raum schien aus ihnen zu bestehen, sie entzückten die Augen und verzauberten den Geist. Während ich die Pracht in mich aufsog, stieg eine unbändige, kindliche Freude in mir auf. Meine Hände betasteten den leuchtenden Teppich unter mir, spürten die Farbtöne, als wären sie gegenständlich.

Mein Blick fiel auf das Radio, das noch immer vor sich hin plärrte. Lachen erfüllte plötzlich den Raum, lautes, fröhliches Lachen, aus dem Mund eines Kindes, aus meinem Mund. Ich hatte noch nie etwas so Beeindruckendes, so Vollkommenes gesehen. Lange, regenbogenfarbene Fäden, gesponnen aus Tönen, stiegen vom Radio auf, tanzten wellenförmig in der Luft, streckten sich nach oben, bis sie sich verflüchtigten. Im Takt des Basses verdichteten sich die Wellen, die Farben wurden dunkler, wieder klarer. Ich konnte die Musik nur noch undeutlich hören, sie zeichnete stattdessen lebendige Bilder in meinen Kopf.

Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder. Nun sprossen aus allen Dingen Fäden, meine Finger sendeten Strahlen in alle Richtungen, und wenn ich in die Hände klatschte, schienen sie zu explodieren.

Fasziniert verfolgte ich den Weg der Farben, die nun plötzlich dunkler zu werden begannen, erloschen und von Schwarz abgelöst wurden.

Die Dimension des Zimmers veränderte sich. Die Gegenstände wuchsen ins Unendliche, türmten sich über meinem Kopf auf, bedrohlich schwarz.

Ich fühlte, wie ich schrumpfte. Klein und hilflos beobachtete ich, wie sich die Wände auflösten, ich mitten im Weltall zu schweben schien und herumgewirbelt wurde. Planeten sausten an mir vorbei, während ich immer kleiner wurde. Von allen Seiten schien Druck meine winzige Gestalt zerquetschen zu wollen. Ich öffnete den Mund, doch keine Luft strömte hinein. Mein Schrei erstarb im Vakuum, von niemandem gehört, bedeutungslos wie ich. Blankes Entsetzten wuchs in mir, als das Begreifen kam, drohte meinen Kopf zu sprengen. Ich war nur ein kleiner Punkt, ein Nichts. Plötzlich schien ich die Welt zu begreifen, die Grösse des Universums. Endlich fähig zu schreien, schlug ich mir die Hände vors Gesicht, wollte mein Wissen zerstören.

Dann war es vorbei. Ich fand mich auf dem Boden wieder, keuchend und mit pochenden Kopfschmerzen. Meine Fingernägel hatten sich in meine Haut gekrallt, hinterliessen lange, blutige Spuren in meinem Gesicht. Ich war zurückgekehrt von meiner Reise, gezeichnet und erschöpft.