Stefanie Panzenböck (17) – 1. Preis

Die hinter der Tür

»Ich geh’ aufs Klo«, sagte sie und stand auf. Sie schob ihren Sessel zurück und versuchte zwischen den vielen ausgestreckten, überschlagenen und überkreuzten Beinen den Weg zur Tür zu finden.

Niemand rückte zur Seite.

Das Messing der Türschnalle glänzte. Bis auf ein paar fettige Fingerabdrücke. Manchmal strahlte es kurz auf.

»Tschuldigung.«

Versehentlich war sie einem grünen Filzpatschenbesitzer auf den rechten Fuß gestiegen.

Keine Reaktion.

Es war heiß in diesem erdrückenden Raum.

Erdrückender Raum, der Raum war erdrückend, fiel ihr gerade auf.

»Nett eingerichtet,« würde man sagen.

Großes dunkelblaues Sofa in der Ecke. Blau wirkt beruhigend.

An allen drei Fenstern grüne Vorhänge. Grün wirkt übrigens auch beruhigend.

Eisblau und Krötengrün.

Der Teppich war rötlich mit orangen und rosa Farbreflexen.

Auflockerung.

Kontrast. Kalte Farben. Warme Farben. Beruhigende Farben. Aggressive Farben.

Scheiße.

Sie war auf dem teppichfreien, rutschigen Parkettboden beinahe hingefallen und musste sich an den Schultern des gerade vor ihr sitzenden festhalten.

»Pass auf!«

Eine Reaktion.

Unangenehm.

»Tschuldigung.«

Das Messing blinkte noch immer. Im Moment allerdings nur in ihrem rechten Augenwinkel; sie hatte einen Umweg nach links machen müssen. Die Sessel standen auf der rechten Seite zu dicht um sich durchschlängeln zu können.

Die Farbflecken im Raum grinsten sie an. Das Blau schickte ihr Kälteblitze, das Grün würde ihr am liebsten ins Gesicht springen. Der rosa-rot-orange Fleck musste sich gerade übergeben haben.

Sie räusperte sich.

Zwinkerte nervös.

Alles Scheiße.

Sie schwitzte, spürte die nassen Flecken unter ihren Achseln immer größer werden; wollte sich kratzen.

Die Kälteblitze ließen sie gleichzeitig frösteln.

Nur keine Aufmerksamkeit erregen.

Sie spürte trotzdem die Hitze, die hier herrschen musste.

Alle kurzärmelig. So viel durcheinandergeworfene Körper.

Bewegten die sich überhaupt? Ein kurzer Blick nach oben.

Die lachten.

Die saßen auf ihren Sessel, dem Sofa, am Boden oder auf irgendjemand anderem und lachten, während dieser Idiot vor ihnen Witze erzählte.

Das Lachen war laut.

Wieso war ihr das vorher nicht aufgefallen.

Ihre Gedanken bewegten sich zu langsam.

Das Messing blinkte jetzt wieder. Ein paar Meter vor ihren Augen.

Dieses Lachen war erdrückend.

Genauso wie dieser erdrückende Raum mit diesen verdrehten, überdrehten und lachenden Menschen.

Sie hielt plötzlich inne.

Der Gedanke vom lauten Lachen war noch nicht zu Ende gedacht. Die blinkende Türschnalle und die Wertung ihrer momentanen Umgebung mussten warten.

Lautes Lachen.

L a u t e s L a c h e n .

L_A_U_T_E_S L_A_C_H_E_N.

Lautes Lachen.

Lautes Krachen.

Lauter Krach.

Laut sind die Sachen.

Die Sachen sind laut.

Welche Sachen?

Klar, die lachten ja. Das Sofa, der Vorhang.

Grinsten sie nicht nur an, sondern lachten auch noch. Und diese verwinkelten Figuren auf dem Sofa und am Boden und auf den Sesseln grölten mit. Grölten im Rhythmus.

Das Sofa bebte schon vor Lachen und die Gestalten auf ihm wippten im Rhythmus mit ihm auf und ab, während der Idiot noch immer seine Faxen machte.

»Idiot!« brüllte sie plötzlich.

»Idiot, Idiot!«.

»Idiot…! Laut, du bist zu laut«, stammelte sie leiser. Lachte selbst.

Die Türschnalle blinkte. Sie griff nach ihr, rutschte ab. Stieß die Leute, die vor der geschlossenen Tür saßen mit den Füßen.

»Weg da, weg, ich muss kotzen.«

Alle wurden leise hinter ihr.

Sie drehte sich um. Nur keine Aufmerksamkeit erregen, nur nicht…

Wer hatte vorher so gebrüllt?

Doch nicht etwa… Nein… Sie konnte nicht brüllen. Außerdem wäre sie nie so dumm…

»Tschuldigung«, murmelte sie nur.

Der Idiot war auch leise.

Und sein Gesicht war rot.

Auch leicht rosa und orange wie der Teppich. Als hätte sein Gesicht sich gerade übergeben.

Er schnappte nach Luft.

Das Messing blinkte.

Sie stürzte hinaus.

Stille.

 

Der Boden war kalt auf dem sie hingefallen war. Die Tür hatten die hinter der Tür wieder zugemacht, zugeschlagen.

Wer waren diese Leute? Sollte sie sie wirklich kennen, oder einmal gekannt haben?

An die Gesichter konnte sie sich noch vage erinnern. An die meisten zumindest.

Sie würde sich die Blase verkühlen, wenn sie hier noch länger liegen blieb.

Nur nicht bewegen, nur nicht wirklich kotzen.

Der Gestank würde bis hinter die Tür dringen.

Aber nicht einmal ihr Gestank sollte zu ihnen vordringen.

Keine Berührungen mehr zwischen ihnen.

Weg.

Wer immer diese Leute auch waren.

Sie robbte ein Stück nach vor.

Da hinten war das Klo. Der Boden machte komische Geräusche.

Mochte ihre Berührungen auch nicht.

Wer wollte sie noch berühren?

Wen wollte sie jetzt noch berühren?

Die Zeit hatte sich hier nicht weitergedreht. Oder hatte sie die Zeit zu schnell weitergedreht?

Die lachten wieder.

Hatten die vor einem Jahr nicht auch gelacht? Anders gelacht?

Jetzt grölten sie mit dem Sofa um die Wette.

Und der Idiot… hatte sie ihm vor einem Jahr nicht auch noch zugehört, zum Abschied sogar noch länger umarmt als die anderen?

Briefe hatte sie keine bekommen.

Aber sie wollte auch keine schreiben.

Wollte die Sprache verlernen.

Vielleicht auch die Schrift.

Jetzt noch wollte sie jedes Detail dieser Sprache aus sich herauskotzen.

Nur nicht wirklich kotzen.

Die neue Sprache war fließender, das neue Lachen melodisch.

Es passte nicht hier her.

Sie passte nicht hier her.

Die saßen schon übereinander, die hatten keinen Platz mehr für sie.

In ihrem Mund sammelte sich Speichel.

Sie spuckte auf den Boden und versuchte es mit dem Ärmel wegzuwischen. Sie sabberte auf ihren Pullover, der Speichel wurde nicht weniger.

Sie hielt sich die Hand vor den Mund und stand langsam auf.

Sie kehrte dem Klo den Rücken zu und öffnete die Tür zu den anderen.

Sie kam gerade rechtzeitig um sich gemeinsam mit dem Teppich zu übergeben.

Die anderen waren plötzlich ganz still.

Sie umklammerte die Türschnalle.

Die Kröte, die sich bis jetzt unter dem Eis versteckt hatte, sprang ihr mitten ins Gesicht.