Katharina Hammler (15)


Trauergemeinde

Der Huber Franz war ja eigentlich ein braver Mann gewesen. Jeden Sonntag ging er in die Kirche, und in seinem Herrgottswinkel standen immer frische Blumen. Freilich, auch er war nicht fehlerlos – er schlug ab und zu seine Frau, doch das war wirklich selten.

Ein fleißiger Bauer war er, hart hat er gearbeitet in seinem Leben, geschenkt bekam er wirklich nichts – selbst seine Geliebten musste er hin und wieder kaufen. Braungebrannt und faltig war seine Haut von der Arbeit am Feld, seine Hände waren groß und konnten ordentlich zupacken. Er war nicht anspruchsvoll, seine Bedürfnisse waren nicht groß. Er scheute keine Mühen, um seiner Familie das Nötigste zu geben – an besonders verregneten, nebeligen Tagen, an denen an Feldarbeit nicht zu denken war, ging er sogar zur nahegelegenen Grenze, um ausländischen Dealern beim Schmuggeln zu helfen. Das Geld, das er dafür bekam, teilte er gerecht auf: Zwei Drittel versoff er im Wirtshaus, und den Rest bekam die Familie.

Auch seine Kinder waren die Arbeit gewohnt; die Söhne halfen dem Vater am Feld und im Stall, die Töchter gingen für Mutter auf den Bauernmarkt und für den Onkel auf den Strich. Eine glückliche Familie eben.

Doch dieses Glück änderte sich schlagartig, als der Huber Franz an einem Morgen im Stall gefunden wurde, erstochen mit einer Mistgabel. Was natürlich im Dorf Anlass zu Klatsch gab. Man munkelte etwa, dass die Mafia ihre Finger im Spiel gehabt habe, Unsinn natürlich, was sollte die schon suchen bei einem einfachen Bauern in der Südsteiermark?

Viel wahrscheinlicher hielten die meisten Dorfbewohner da schon, dass sein Sohn ihn in einem Rausch umgebracht hat. Das bestätigten sogar die Nachbarn des Huberbauern, und wenn es die nicht wissen, wer dann? Der Sohn hat sich dazu nicht geäußert, der ist in der gleichen Nacht mit der Tochter Fleischers verschwunden.

Anfänglich hat sich der Ortspfarrer geweigert, den Unseligen im Friedhof zu bestatten, er war noch vom alten Schlag. Aber von der leichtbekleideten jüngsten Tochter des Toten ließ er sich dann doch noch überzeugen, man ist ja nicht so, er war schließlich ein braver Christ.

Später hat er es dann natürlich immer schon gewusst gehabt, der Pfarrer, so eine verdorbene Seele wollte der Herrgott eben nicht in seinem Friedhof, warum hätte er sonst auch den Knochenmann gar so früh geschickt? Gedonnert hat es, als der Bauer zur letzten Ruhe getragen wurde, und die Mitzi-Bäurin glaubt sogar eine schwarze Katze am Kirchturmspitz gesehen zu haben. Wie auch immer, als der Totengräber den Sarg mit nasser Erde zudecken wollte, rutschte er aus und fiel kopfüber ins Grab. Gefunden hat man ihn erst einige Stunden später – mit gebrochenem Genick. Dass da der Satan höchspersönlich seine Hand im Spiel gehabt hatte, bestritt nun niemand mehr; das Grab blieb halboffen, provisorisch war das Notwendigste an Erde hinein geschaufelt worden, dann hatten alle die Flucht ergriffen.

Für den Totengräber fiel die Gedenkfeier klein aus, verständlicherweise. Er war ein Eigenbrödler gewesen, und sein Bekanntenkreis war nicht sehr groß. Es war ja auch schwer gewesen, mit ihm auszukommen. Wenn er nicht gerade am Friedhof Leichen ein- oder ausgrub, saß er im Wirtshaus und betrank sich. Außerdem gingen immer wieder Gerüchte um, dass er mit kleinen Mädchen im Wald verschwunden sei.

Wie dem auch sei, eine gewisse Schar kam doch zu seinem Begräbnis. Der Leichenschmaus war nicht sehr vornehm, logisch, wer sollte ihn auch zahlen? Der Bürgermeister, der zwar ungern aber aus Pflichtgefühl auch zur Feier gekommen war, dachte allerdings nicht so praktisch und empörte sich mit vollem Mund über diesen Missstand. Das war wohl sein letzter Fehler; eine Erbse rutschte ihm in die Luftröhre, und selbst die eiligst herbeigerufenen Notärzte konnten dem Alten nicht mehr helfen. Die Trauergemeinschaft war weniger entsetzt als die Schaulustigen, die nicht lange auf sich warten ließen; schließlich lässt man sich nicht leicht beeindrucken, wenn man zuviel getrunken hat.

Zur Totenmesse für den Bürgermeister kamen so viele Leute, dass der Gottesdienst per Leinwand auf den Dorfplatz übertragen werden musste. Der alte Pfarrer schwitzte sichtlich bei seiner Predigt; er rief die Bevölkerung auf, zum Herrgott zu beten, dass der diesem Unglück, das über das Dorf hereingebrochen war, ein Ende setzten möge. Er predigte so lange und so ausführlich, dass die Kinder der Gemeinde bereits unruhig wurden, und einige schließlich in den hinteren Teil der Kirche liefen, um zu spielen. So kam es, dass ein paar kleine Mädchen einen jener Weihwasserkanister entdeckten, von denen sich jeder selbst das heilige Wasser holen konnte. Bald hatten sie herausgefunden, wie man das Wasser aus den Kanistern bekam, und sie füllten ein kleines Schüsselchen, um darin Schiffchen schwimmen zu lassen. Doch, wie das bei Kindern eben vorkommt, begannen sie bald zu streiten und zu raufen. Die Tochter des Greislers bekam einen so starken Schlag auf den Kopf, dass sie mit dem Gesicht in die Weihwasserschüssel fiel, und dort liegen blieb. Nun bekamen ihre Spielgefährten aber solche Angst, dass sie wegliefen und draußen weiter spielten.

Seltsam, zur Bestattung des kleinen Mädchens war die Trauergemeinde bedeutend kleiner geworden. Ein Kind, das im Weihwasser ertrunken ist, kann nicht mehr unschuldig gewesen sein, Gott ist schließlich ein gerechter Richter. Die Trauer der Eltern hat dies natürlich nicht gerade gemindert. Der Greisler hat deshalb nach Jahren wieder zu Rauchen begonnen, und auch seine Frau konnte dieser Belastung nicht standhalten. Sie haben in der Aufbahrungshalle so viel gequalmt, dass ein Asthmatiker, ein guter Freund der Familie, den letzten Hustenanfall seines Lebens bekam. Aber er war ja auch selbst schuld, hätte er seinen Spray eben nicht vergessen dürfen!

War es Gottes Wille gewesen oder nicht, dass genau während des Begräbnisses des Mannes ein wilder Sturm tobte – das Leben des Postboten hat jedenfalls ein herunterfallender Ast beendet, als der Unglückliche dabei war, Rosenblätter über den Sarg seines Bruders zu streuen.

Der Pfarrer hatte von der Diözese bereits psychologische Hilfe erhalten, weil sein Antrag auf Versetzung abgelehnt wurde. So betete er wohl oder übel auch bei der Bestattung des Postboten um dessen ewiges Leben, und es rührte ihn gar nicht sonderlich, als einer der Ministranten, während er den Weihrauch über das Grab schwenkte, von einem streunenden Hund in die Kehle gebissen wurde.

Aber als dann sein Pastoralassistent bei der Trauerfeier für den Ministranten über den Teppich stolperte und von einem hölzernen Kreuz aufgespießt wurde, traf das den Geistlichen doch ziemlich – er starb in seinem 77. Lebensjahr an einem Herzinfarkt.

Der Bischof erklärte sich nicht bereit, einen neuen Pfarrer für die Gemeinde einzusetzten, und so mussten alle übrigen Toten ohne Beistand eines Geistlichen beigesetzt werden.