Katja Gutenberger (17)

Der Unfall

Joanne sitzt neben dem Bett ihres Mannes. Im sterilen, weißen Krankenhauszimmer hört man nur das leise Piepsen des Herzmonitors und das Geräusch der Beatmungsmaschine.

Peter liegt ganz still. Aus seinem Mund ragt ein Schlauch, der ihn beatmet, und in seinem Arm stecken Infusionsnadeln. Sein linkes Bein ist eingegipst und überall am Körper hat er Schürfwunden. Über seinem rechten Auge wurde eine riesige Platzwunde genäht.

Joanne blickt aus dem Fenster und fragt sich, wie es nur so weit kommen konnte. Es hatte doch alles so wunderbar begonnen.

Vor fast zehn Jahren waren sie sich zum ersten Mal begegnet. Sie arbeitete damals in einem kleinen Café am Stadtrand.

Joanne erinnert sich noch gut daran, wie er bei der Türe hereinkam. Sie hatte ihn sofort bemerkt. Sie mochte diesen Typ Mann. Er war groß, dunkelhaarig und hatte ein Lächeln, bei dem sie das Gefühl hatte dahinzuschmelzen.

Es war bei beiden Liebe auf dem ersten Blick. Sie verabredeten sich noch für den selben Tag zum Essen. Von diesem Moment an waren die beiden unzertrennlich.

Joanne stellte Peter schon nach zwei Monaten ihren Eltern vor, und zu ihrer Überraschung mochten diese ihn ebenfalls.

Ihr Vater hatte sogar gesagt, dass er sich einen Schwiegersohn wie Peter wünsche. Und ihre Mutter fing noch am gleichen Tag an, Hochzeitspläne zu schmieden.

Nach einem halben Jahr war Joanne schwanger. Sie und Peter heirateten bald darauf.

Fünf Monate später wurde ihr erster Sohn, Jack, geboren. Eineinhalb Jahre danach folgte Daniel und weitere zwei Jahre kam dann schließlich Lynn, ihr jüngstes Kind und einzige Tochter, zur Welt.

Doch bereits kurz nach der Hochzeit hatten die Probleme begonnen.

Die Geräte, die Peter am Leben erhalten, piepsen und summen leise.

Joanne fragt sich, wie es soweit hatte kommen können.

Sie weiß jetzt, dass die Zeichen dafür immer vorhanden waren. Sie hatte sie nur nie gesehen oder zumindest nicht sehen wollen.

Da war der Jähzorn, den sie nicht bemerkte. Aber Peter hatte ihr einmal selbst erzählt, wie er den Computer eines Mitarbeiters aus dem Bürofenster warf, weil dieser eine einzige falsche Berechnung angestellt hatte.

Oder seine Eifersucht, die sie am Anfang immer so charmant fand. Nie durfte sie irgendwo ohne ihn hingehen. Ohne dass es ihr aufgefallen wäre, blieb sie abends immer öfter bei den Kindern zu Hause.

Eines Tages, am 5. Dezember vor acht Jahren, zwei Monate nach Daniels Geburt, war sie einmal mit einer Freundin ausgegangen. Peter war mit Freunden etwas trinken gegangen, um einen gelungenen Geschäftsabschluss zu feiern.

Als sie zu Hause ankam, war er bereits da. Er fragte sie, wo sie gewesen sei. Peter wurde wütend, er glaubte nicht, dass sie nur mit einer Freundin eine Stunde lang weg gewesen war. Er schrie sie an, sie habe ihn betrogen, sie sei eine Schlampe und eine Rabenmutter obendrein, denn sie habe die Kinder alleine gelassen. Doch was immer sie sagte, es war das Falsche. Peter schlug die an diesem Tag zum ersten Mal.

Er versprach, sich zu bessern und ihr nie wieder weh zu tun …

Joanne starrt auf den Monitor, der ihr das rhythmische Pulsieren seines Herzens zeigt. Es schlägt kräftig, doch sie weiß, dass sein Leben nur noch an einem dünnen Faden hängt.

Natürlich schlug Peter sie wieder, im Laufe der Zeit immer öfter. Erst nur, wenn sie ohne ihn ausging oder er zuviel getrunken hatte, später genügte ihm seine schlechte Laune als Rechtfertigung der Schläge. In letzter Zeit hatte er überhaupt keinen Grund mehr gebraucht, sie zu prügeln. Es reichte, dass sie da war.

Joanne geht zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Etwas Blut klebt daran. Sie blickt in den Spiegel und bemerkt zum ersten Mal, dass ihr linkes Auge zugeschwollen ist und ihre rechte Wange ein großer, dunkler Bluterguss ziert.

Joanne weiß aus Erfahrung, dass ihr Auge am nächsten Tag zugeschwollen sein wird.

Sie erinnert sich, was heute Abend passiert war.

Peter hatte schlechte Laune, als er um acht Uhr heimkam. Einer der Aufträge für seine Firma war nicht zustande gekommen. Er regte sich über das Spielzeug der Kinder auf, das am Boden des Esszimmers lag.

Joanne ahnte, was geschehen würde, und sie schickte die Kinder in ihre Zimmer. Kaum hatten diese die Türe hinter sich geschlossen, wurde sie auch schon quer durch den Raum geschleudert. Ihr Mann fuhr fort, auf sie einzuprügeln, als sich plötzlich die Tür wieder öffnete und Jack im Esszimmer stand. »Papa, was machst du da?« fragte er erschrocken.

Peter schrie nur, er solle wieder ins Bett gehen. Als Jack sich nicht rührte, hob er die Hand, um auch ihn zu schlagen.

Joanne sitzt wieder auf dem Stuhl am Bett ihres Mannes und hört das Piepsen des Monitors. Ihre Gedanken drehen sich im Kreis.

Sie sieht immer wieder dieselbe Szene.

Peter erhebt seine Hand, um Jack zu schlagen. Sie stürzt sich dazwischen, um ihn abzuhalten und stößt ihn von ihrem Sohn weg. Ihr Mann stolpert über irgendein Spielzeug und fällt gegen das offenstehende Fenster. Er kippt hinaus. Er könnte sich noch retten und irgendwo festhalten, wenn er sich nicht den Kopf angestoßen hätte und nun bewusstlos wäre. Ohne einen Ton stürzt er aus dem zehnten Stock hinunter auf die Straße.

Joanne schüttelt das Bild ab und betrachtet den Mann, der reglos vor ihr im Bett liegt. Sie hat Angst vor dem, was passiert, wenn er wieder wach wird. Sobald er wieder bei Kräften ist, wird er ihr die Schuld geben und sie schlagen.

Sie weiß, sie hat nicht die Kraft oder den Mut, ihre Kinder zu nehmen und sich von ihm zu trennen.

Joanne schließt die Türe und geht den Korridor hinunter.

Hinter ihr ertönt ein schrilles Pfeifen aus dem Zimmer ihres Mannes. Ärzte und Krankenschwestern stürzen hinein.

Joanne geht, ohne sich noch einmal umzudrehen, nach Hause.

Peter wird am 23. Februar beerdigt.

Bis heute hat niemand herausgefunden, wieso das Kabel des Beatmungsgerätes aus der Steckdose fallen konnte.